Gedanken zum undenkbaren Wegdenken

Hanspeter Guggenbühl © bm

Hanspeter Guggenbühl /  Warum Denkende Kirchenchöre, Plastiksäcke und Anderes nicht wegdenken können.

Der Mensch denkt, meinte ich. Das war, so denke ich jetzt, zu schlicht gedacht. Denken ist komplex und vielfältig. Leute, die sich zu den Denkenden zählen, erbringen Denkarbeit, vollziehen Denkprozesse, etc. Darum lohnt es sich, über das Denken nachzudenken. Bevor aber eine Person über etwas nachdenken kann, muss eine andere es vordenken. Dafür gibt es die Vordenker. Diese geben uns zu bedenken, wir müssten nicht nur nachdenken oder Nachgedachtes überdenken, sondern umdenken. «Ein Umdenken hat begonnen», lese ich häufig in der Zeitung. Nicht auszudenken, so denke ich zurückdenkend, was geschehen wäre, hätten wir nicht umgedacht.

Nach dem Nach-, Vor- und Umdenken haben die Leitdenker eine weitere Denkart entdeckt: Das Wegdenken respektive dessen Unmöglichkeit. Allein im letzten Monat meldeten Journalistinnen und Journalisten in den Schweizer Medien über hundert Dinge, die «nicht mehr wegzudenken» sind. Das beginnt beim «Kuchenteig», der sich laut Coop-Zeitung «aus Schweizer Küchen nicht wegdenken» lässt, führt über den Elgger Kirchenchor (Landbote), Plastiksäcke (Swissinfo), Mobiltelefone (Bündner Tagblatt, Schweiz am Sonntag, u.a.), die Notfallnummer 145 (Blick) bis hin zur «Züri-Metzgete» (Zürcher Unterländer), obwohl diese gar nicht mehr stattfindet. Besonders schwer fällt Medienschaffenden das Wegdenken, wenn es um Verkehrsmittel geht: «Das Auto ist längst nicht mehr wegzudenken», schreibt neben andern der Auto-Redaktor der Südostschweiz. Oder die Aargauer Zeitung rapportierte: «Das Flugzeug als Transportmittel sei so wenig wegzudenken wie das Auto.»

Wer vorgibt, etwas nicht wegdenken zu können, sagt weniger über das Ding an sich aus als über sein enges Verhältnis zu diesem Ding. Denn wer kein Handy besitzt, kann es durchaus wegdenken, sofern er überhaupt daran denkt. Das Bundesamt für Umwelt kann Plastiksäcke ebenso gut wegdenken wie der Verein für Fussverkehr das Automobil. Die Floskel vom nicht Wegdenkbaren markiert einen Festhaltewillen, der in seltsamen Kontrast steht zum «innovativen Denken» – einer andern beliebten Floskel.

Es mag ja sein, dass wir Autos, Handys oder Plastiksäcke nicht so schnell aus unserer Wirtschaft und Gesellschaft entfernen können wie Wölfe* aus den Bergkantonen oder Magerwiesen aus dem Kulturland. Aber ist das Wegdenken all dieser Dinge tatsächlich undenkbar? Nein. Die Formel «nicht wegzudenken» belegt lediglich begrenztes Denkvermögen.

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*Unter den vielen Dingen, die laut Schweizer Medien «nicht mehr wegzudenken» sind, fehlt der Wolf. Was beweist, dass die Tierschützer in den Medien untervertreten sind.


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3 Meinungen

  • am 15.04.2016 um 09:16 Uhr
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    Ja, das inflationäre Vordenken will das Selberdenken vermeiden. Wir sind ja ein faules Volk, deshalb z.B. das bedingungslose Grundeinkommen undenkbar. Die Mündigkeit des Einzelnen wird pragmatisch weggedenkt.

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  • am 17.04.2016 um 13:52 Uhr
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    In die gleiche Kategorie fällt auch das «andenken». Man will etwas nur noch «andenken» und nicht mehr zu Ende denken.

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