Warum ausgerechnet VW-Aktien Aufwind haben

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Ernst Wolff /  Absurdes Finanzsystem: Trotz einer Kaskade von Hiobsbotschaften für den VW-Konzern geht es mit dem Kurs der VW-Aktien aufwärts.

Seit Mitte September kommen regelmässig neue Machenschaften des VW-Konzerns ans Licht der Öffentlichkeit. Der finanzielle Schaden für den Konzern lässt sich derzeit noch nicht einmal annähernd abschätzen. Die Umrüstung der Fahrzeuge wird Milliarden verschlingen, und die Strafzahlungen, die allein in den USA drohen, werden zurzeit mit 18 Mrd. Dollar beziffert. Volkswagen hat bisher ganze 6,5 Mrd. Euro für diese Zahlungen zurückgestellt.

Es ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass Staaten mit eigener Autoproduktion alles tun werden, um VW weiter in die Enge zu treiben, um so die Konkurrenzsituation der eigenen Marken zu verbessern.
Kurs der VW-Aktie schon wieder im Steigen

Seit knapp zwei Wochen steigt der Kurs der VW-Aktie stetig an. Wie kann das sein…? Glauben Investoren allen Ernstes, dass VW wie ein Phönix aus der Asche steigen und als Gewinner aus der gegenwärtigen Krise hervorgehen kann?
Leerverkäufer müssen Aktien kaufen
Keinesfalls. Die steigenden Kurse sind nur eine Folge der Deregulierung der Finanzmärkte. Diese erlaubt es grossen Investoren (wie z.B. den Hedgefonds), nicht nur an steigenden Kursen (die ja die positive Einschätzung der Entwicklung eines Unternehmens widerspiegeln), sondern auch an fallenden Kursen zu verdienen. Das funktioniert unter anderem über den Mechanismus der Leerverkäufe (englisch: short selling).

Von einem «Leerverkauf» spricht man, wenn ein Investor gar keine Aktien besitzt, aber trotzdem ein Paket VW-Aktien an einem zukünftigen Zeitpunkt zu einem festen Preis verkauft. Er muss dann die zu verkaufenden Aktien vorher kaufen und spekuliert darauf, dass er diese wegen fallender Kurse günstiger kaufen kann.
Im Falle VW haben viele grosse Investoren unmittelbar nach dem Bekanntwerden des Skandals auf fallende Kurse gesetzt und solche Leerverkäufe getätigt. Dass genau zwei Monate nach Einsetzen des Skandals der VW-Aktienkurs wieder in die Höhe schnellt, zeigt, dass viele von ihnen Aktienpakete, die sie nicht besassen, nach zwei Monaten verkaufen wollten und nun vorher die gleiche Menge Aktien kaufen müssen. Diese Käufe treiben jetzt den Kurs vorübergehend nach oben.

Die steigenden Kurse der vergangenen zwei Wochen spiegeln also keine gesunde Entwicklung oder gar eine Erholung des Konzerns. Vielmehr wollten Spekulanten am Niedergang des VW-Konzerns verdienen und vielen wird dies gelungen sein.
Leerverkäufe sind reine Wetten und tragen zur positiven Entwicklung einer Wirtschaft nichts bei. Sie schaffen keine realen Werte, sondern bieten Spekulanten die Möglichkeit, sich an den Kursentwicklungen schlingernder Unternehmen – wie jetzt VW – zu bereichern.
Leerverkäufe waren vor der Deregulierung verboten

In den USA sind Leerverkäufe 1938 verboten und 2007 wieder zugelassen worden. Im Rahmen der Krise von 2007 / 2008 wurde weltweit immer wieder verlangt, Leerverkäufe grundsätzlich zu verbieten. Tatsächlich wurden sie in den USA von der Finanzmarktaufsicht auch eingeschränkt – allerdings nur für wenige Wochen. Auch in Deutschland wurde der Handel mit Leerverkäufen 2007 verboten, Anfang 2010 aber in seiner extremsten Form, den ungedeckten Leerverkäufen (engl. naked short selling), wieder erlaubt. Warum?

Der Grund ist simpel: 2007 / 2008 stand das Weltfinanzsystem am Abgrund, zahlreiche grosse Finanzinstitutionen wurden für «too big to fail» erklärt und mit Steuergeldern gerettet. Um die dadurch entstandenen Löcher in den Bilanzen von Staaten und Finanzinstitutionen zu stopfen, wurden vor allem 3 Massnahmen ergriffen: Es wurden 1) Unsummen an Geld gedruckt, 2) die Leitzinsen gesenkt und 3) hochriskante Spekulationen erlaubt. Auf diese Weise wurden Aktien- und Anleihenkurse künstlich in die Höhe getrieben und der Eindruck erzeugt, das System «erhole» sich. In Wahrheit ist es – ähnlich einem Patienten auf der Intensivstation – nur durch die Verabreichung dreier Drogen (Gelddrucken, Zinssenkung und Deregulierung) künstlich am Leben erhalten worden.
Konzerne haben eigene Aktien im grossen Stil zurückgekauft
Nicht nur Leerverkäufe tragen derzeit zum Kursanstieg der VW-Aktie bei. Ein weiterer wichtiger Faktor dürfte auch die Manipulation des Kurses durch Rückkäufe sein – ein Prinzip, das in den vergangenen Jahren ebenfalls zu einer Verzerrung sämtlicher Aktienmärkte in der ganzen Welt beigetragen hat.
Nach Schätzungen der US-Bank Citygroup haben Unternehmen ausserhalb des Finanzsektors weltweit zwischen 2011 und 2014 eigene Aktien im Umfang von 2,2 Billionen US-Dollar zurückgekauft (eine Summe, die dem Bruttoinlandsprodukt Brasiliens entspricht). Die 450 grössten US-Unternehmen wandten 2014 im Durchschnitt 51 Prozent ihrer Reingewinne für Aktienrückkäufe auf, dreimal mehr als sie in neue Investitionen steckten.

Ein Blick auf die Geschichte zeigt die Entwicklung in diesem Bereich: Verwendeten die 450 grössten US-Unternehmen 1981 noch ganze 2 Prozent ihrer Gewinne für Aktienrückkäufe, so ist dieser Anteil zwischen 1984 und 1993 auf 25 Prozent und bis 2014 auf 51 Prozent angewachsen.

Hintergrund dieser Entwicklung ist die Stagnation der Weltwirtschaft, die vor allem zwei Gründe hat: Zum einen lassen sich auf dem Finanzsektor viel schnellere und grössere Gewinne machen als in der Realwirtschaft, und zum anderen können seit der Erklärung grosser Finanzinstitutionen und transnationaler Konzerne für «too big fail» unbegrenzte Risiken eingegangen werden.

Das wiederum führt dazu, dass Grosskonzerne immer weniger in die Produktion investieren und sich stattdessen immer stärker am internationalen Finanzcasino beteiligen. So treiben die Konzernleitungen, die wegen des zunehmenden Investitionsrückgangs auf riesigen Bargeldbeständen sitzen, durch Aktienrückkäufe zum einen die Manager-Boni (die vom Aktienkurs abhängen) in die Höhe und lenken zum anderen von negativen Entwicklungen im eigenen Konzern ab. Beispielsweise hat der deutsche Siemens-Konzern nach einem Kurseinbruch seiner Aktien in diesem Jahr umgehend angekündigt, in den kommenden drei Jahren Aktien im Wert von bis zu 3 Milliarden Euro zurückzukaufen. Darauf stabilisierte sich der Kurs wieder.

Die Abnahme von Investitionen bei gleichzeitigem verstärktem Rückkauf eigener Aktien hat neben der Verzerrung der Märkte auch den Effekt, dass immer weniger neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Da gleichzeitig bestehende Arbeitsplätze durch ständige Rationalisierung abgebaut werden, und da die verbleibende Arbeit nicht besser verteilt wird, nimmt die Arbeitslosigkeit zu. Das vermindert die Konsumkraft der Verbraucher, was die Realwirtschaft zusätzlich schwächt.

Dieser fatale Kreislauf ist symptomatisch für den gegenwärtigen Zustand des Weltwirtschaftssystem: Es wird in immer grösserem Ausmass von kurzfristigen Finanzinteressen beherrscht und siecht dabei ohne Aussicht auf Besserung vor sich hin.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Ernst Wolff ist freiberuflicher Journalist und Autor des Buches «Weltmacht IWF – Chronik eines Raubzugs», erschienen im Tectum-Verlag, Marburg.

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