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Was die Banken mit einer «neuen Kultur» versuchen, ist die Quadratur des Kreises © Bündnis90-DieGrünen/flickr/cc

Neue Kultur für Banker = Ananas in Alaska züchten

Philipp Löpfe /  Wieder wird von einer «neuen Kultur» bei den Investmentbanken geschwafelt. Vergesst es!

In den 1980er Jahren veröffentlichte Michael Lewis ein Buch mit dem Titel «Lügenpoker». Darin beschreibt er die Ausbildung von jungen Investmentbankern bei Salomon Brothers, damals die heisseste Bank an der Wall Street. Lewis schildert, wie die jungen Banker gedrillt und gedemütigt werden, und vor allem, wie sie lernen, sehr viel Geld zu verdienen.

«Lügenpoker», brillant und witzig geschrieben, wurde ein weltweiter Bestseller. Lewis jedoch hatte etwas ganz anderes im Sinn: Er wollte mit seinem Buch junge Menschen davor warnen, Investmentbanker zu werden. Trotz des vielen Geldes sei es letztlich ein Sch…job, lautete seine Botschaft. Er hat sein Ziel total verfehlt. Bald wurde er überschwemmt mit Anfragen nach Tipps, wie man am besten einen Job an der Wall Street erhält.

Investmentbanker sind keine Weltverbesserer

Wer Investmentbanker wird, der will nicht die Welt verbessern. Er sucht das Risiko und den Glamour; und wer es schafft, der wird auch reichlich belohnt. Die beiden Ökonomen Thomas Philippon und Ariell Reshef haben nachgewiesen, dass die Deregulierung der Finanzmärkte zu einer Explosion der Bankerlöhne und Boni geführt hat.

Daran hat auch die Finanzkrise nichts geändert. Jungbanker werden heute frisch ab College im Alter von 22 Jahren für ein Jahresgehalt von 120’000 Dollar eingestellt, plus Bonus. Nach wie vor werden sie gnadenlos gedrillt. Der «New York Times»-Reporter Kevin Roose hat rund ein Dutzend Jungbanker zwei Jahre lang begleitet. In seinem Buch «Young Money» stellt er fest: «Wie vor der Finanzkrise ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Analyst im ersten Jahr 100 Stunden pro Woche arbeitet.»

Die Finanzkrise hat jedoch einer breiten Öffentlichkeit aufgezeigt, dass Investmentbanker nicht nur viel Geld verdienen, sondern dass sie auch einen beträchtlichen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten können. Mit dem Eigenhandel können über Nacht Milliarden vernichtet werden, wie die UBS im Fall Adoboli schmerzhaft erfahren musste; und die hochkomplexen Finanzinstrumente haben eine entscheidende Rolle im ganzen Schlamassel gespielt. Nicht ohne Grund nennt sie Warren Buffett die «Massenvernichtungswaffen der Finanzmärkte».

«Too big to jail»

Die Finanzkrise hat aber auch klar gemacht, dass einige Banken «too big to fail» sind und Banker «too big to jail». Mit anderen Worten: Grossbanken müssen gerettet werden, wenn man einen Kollaps des Finanzsystems verhindern will; und Topmanager können nicht ins Gefängnis geworfen werden, weil es sehr schwierig ist, ihnen direkte Verfehlungen nachzuweisen.

Das Resultat ist ein fauler Kompromiss: Die Behörden verhängen Bussen – zuerst in der Höhe von Hunderten von Millionen, jetzt von ein paar Milliarden –, die Banken geloben Besserung und eine neue Kultur. Die UBS beispielsweise hat inzwischen 300 Leute eingestellt, die den Bankern auf die Finger schauen müssen. Angeführt werden sie von einem ehemaligen britischen Profimilitär.

Genutzt hat es bisher nichts. Die «New York Times» hat soeben eine Studie über die aktuelle Kultur der Investmentbanken veröffentlicht. Das Resultat ist vernichtend: «Es gibt kaum Anzeichen, dass sich die Wall Street gebessert hätte, sondern es scheint, dass die Lektionen der Krise nicht gelernt worden sind. Die unglaublich hohen Bussen und die neuen Regeln scheinen wenig Wirkung zu zeigen.»

Formel-1-Fahrer sind keine Radler

Was die Banken mit einer «neuen Kultur» versuchen, ist die Quadratur des Kreises. Es ist etwa so, wie wenn man von Formel I-Fahren verlangen würde, sie sollten sich verhalten wie Velofahrer. Wer als Investmentbanker Erfolg haben will, muss stets die Grenzen der Legalität ausloten und manchmal auch ein bisschen überschreiten. Ein guter Investmentbanker wird das auch immer schaffen, auch wenn er von Heerscharen von internen Polizisten überwacht wird.

Franz Josef Strauss, Bayerns legendärer Ministerpräsident, hat einst erklärt, er würde lieber Ananas in Alaska anpflanzen als Bundeskanzler werden. Das gilt auch für die Banken: Solange die finanziellen Anreize so verlockend sind, wird es stets intelligente junge Menschen – meist weisse Männer im Übrigen – geben, die sich auf dieses Abenteuer einlassen und sich durch nichts abschrecken lassen.

Dieser Artikel ist auf watson.ch erschienen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Philipp Löpfe war früher stellvertretender Chefredaktor der Wirtschaftszeitung «Cash» und Chefredaktor des «Tages-Anzeiger». Heute ist er Wirtschaftsredaktor von «Watson.ch».

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