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Unzählige Projekte suchen mit ihren Ideen Geld auf der Plattform von Kickstarter. © Screenshot Kickstarter

Crowdfunding: Die neue Art, an Kapital zu kommen

Jürg Lehmann /  Du hast ein Projekt, aber kein Geld? Hole es im Internet. Das ist die Idee von «Kickstarter». Sie funktioniert - aber nicht immer.

Crowdfunding nennt sich die Geldbeschaffungs-Methode. Wer eine gute Idee hat, aber wenig Geld, um sie umzusetzen, kann das Projekt und sich selber auf kickstarter.com in Bild und Wort präsentieren, um die gewünschte Summe herbei zu trommeln.

Spricht mich ein Projekt als Besucher der Seite an, sichere ich einen bestimmten Betrag zu. Als Gegenwert verspricht mir der Projektentwickler je nach Höhe des Einsatzes eine Belohnung. Zum Beispiel ein regelmässiges Update zum Stand des Projekts, zusätzliche Informationen, Einladungen zu Präsentationen und weiteres.

Musiker, Spielentwickler, Zeichner, Designer, Künstler und viele andere nutzen die Plattform, um ihre Projekte vorzustellen und umzusetzen – falls das nötige Geld zusammenkommt. Die jungen US-Amerikaner Perry Chen, Yancey Strickler und Charles Adler gründeten Kickstarter 2009. Damals wurden noch 1’454 Projekte auf der Plattform lanciert, im laufenden Jahr sind es bisher bereits 28’718.

Schweizer Eisenbahnnetz als Projekt

Der New Yorker Reisejournalist und Publizist Robert Gandini zum Beispiel ist ein angefressener Fan des Schweizer Eisenbahnnetzes. Er sieht es als modellhaft in verschiedener Hinsicht auch für die USA an: Verminderung der Umweltbelastung, Transporteffizienz und Energieunabhängigkeit. Er will mit dem Projekt «Swiss Rail: Beauty and Brains» eine umfassende Dokumentation erstellen und das System in den USA bekannt machen. Dafür sucht Gandini 12000 Dollar; 35 Leute haben ihm bisher 1700 Dollar zugesichert. Lanciert hat er die Suche am 29. August, am 14. Oktober läuft die Frist ab. Kriegt er die Summe nicht zusammen, kann er das Projekt nicht starten.

Das US-Magazin «Time» widmet der Crowdfounding-Plattform eine grosse Story und zitiert Co-Gründer Yancey Strickler mit den Worten: «Das typische Projekt sammelt fünf Riesen und wird von 85 Leuten unterstützt.» Aber es gibt auch happige Ausreisser nach oben: So sammelte «Pebble» (eine Armbanduhr, die Daten mit iPhone und Android-Geräten synchronisiert) anstatt 100’000 Dollar ganze 10,3 Millionen. Oder «Ouya»: das Projekt, eine Spielkonsole, kam auf 8,6 Millionen statt der angepeilten 950’000 Dollar.

200 Millionen Dollar seit Gründung zugesichert

Seit der Gründung und bis August wurden auf Kickstarter insgesamt 200 Millionen Dollar zugesichert. Von 2012 Projekten kamen 44 Prozent auf die gewünschte Startsumme oder darüber hinaus, 44 Prozent erhielten Zusicherungen, erreichten aber das Sammelziel nicht. 12 Prozent erhielten gar keine Gelder. Die besten Sammler stammen aus den Bereichen Musik (29 Prozent), Film/Video (26 Prozent) und Kunst (10 Prozent).

Werden Kickstarter und ähnliche Plattformen Konkurrenten von Venture-Kapitalisten? «Time» erinnert daran, dass in den USA 2011 70 Prozent weniger Risikokapital im Umlauf war als im Jahr 2000 kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase. Der Punkt ist bloss: Kickstarter will gar kein Unternehmen werden, das Start-up Unternehmen finanziert, wie die Gründer sagen. Ihr vorrangiges Ziel sei es, kreativen Menschen mit ihren Projekt-Ideen einen realistischen Start und eine ebensolche Umsetzung zu ermöglichen. Ob am Ende daraus ein profitables Unternehmen werde, sei zweitrangig.

Projekte können auch überfordern

Manche kommen mit ihren Projekten an die Grenze zur Überforderung oder darüber hinaus. Zum Beispiel Jake Bronstein aus Brooklyn. Der Unternehmer suchte 30’000 Dollar, um damit eine Unterwäsche-Produktion für Männer «Made in USA» aufzubauen. Bronstein versprach als Gegenleistung jedem, der mindestens 15 Dollars spendete, Unterwäsche. Resultat: 5’578 Gönner gewährten Bronstein 291’493 Dollar. Jake Bronstein hatte auf diese Weise schon mal 18’000 Stück Unterwäsche auf sicher abgesetzt.

Als er am Präsentations-Video für Kickstarter gearbeitet habe, «plante ich alles allein zu machen. Ich brauchte dann fünf Wochen, um zu merken, dass mir die Sache über den Kopf wuchs». Seinen Geldgebern hatte er versprochen, ihnen die Unterwäsche im Juni zu schicken. Er musste sie vertrösten, um Personal zu rekrutieren. Erst in diesem Monat hat er begonnen, Ware auszuliefern. Erste Gönner reagierten bereits verärgert.

Übereifer und unterschätzter Aufwand sind ein verbreitetes Projekt-Phänomen bei Kickstarter, besonders wenn es darum geht, Produkte zu designen, herzustellen und zu vertreiben. «Time» zitiert Ethan Mollick, Assistenz-Professor an der Wharton School der Universität von Pennsylvania. Mollick analysierte 471 Projekte aus der Kategorie «Design und Technologie» und fand heraus, dass 75 Prozent jener, die ihren Gönnern etwas Handfestes versprochen hatten, die genannten Termine nicht einhielten.

Falsche Hoffnungen geweckt – Geld verloren

Im schlechtesten Fall haben die Geldgeber ihr Kapital an einen nicht realisierten Traum verloren. Im Juni 2011 sammelte eine Firma namens ZionEyez 343’415 Dollar von über 2’000 Spendern. Die meisten gaben 150 Dollar und mehr aus, weil sie als Gegenwert eine Brille mit eingebauter HD-Videokamera erhalten sollten. Doch dazu kam es nicht.

ZionEyez, schreibt «Time», nannte sich plötzlich «Zeyez» und stoppte die Update-Mitteilungen zum Projekt auf Kickstarter. Kürzlich tauchte die Firma wieder auf und erklärte, sie wolle sich nun über traditionelle Finanzquellen einen Millionen-Dollar-Kredit beschaffen. Sie dankte den Gönnern auf Kickstarter und entschuldigte sich für die missglückte Kommunikation. Aber: Eine Rückzahlung der Gelder offerierte sie nicht.

Fiaskos in diesem Ausmass sind zwar selten: In Mollicks Untersuchung waren nur 3,6 Prozent gezwungen, ihre Gelder zurückzugeben oder meldeten sich einfach ab. Nur: Kickstarter hilft in einem solchen Fall dann weder Gönnern noch Projekt-Inhabern aus der Patsche. Kann ein Projekt dank der gesammelten Gelder gestartet werden, streicht die Plattform vielmehr 5 Prozent des Sammelergebnisses als Kommission ein.

Warnung vor dem Risiko

Aber es gibt Verbesserungsbedarf: «Kickstarter ist kein Store». Mit dieser Headline beginnt der neuste Kickstarter-Blogpost. Er zielt auf User ab, die die Plattform mit einem Online-Shop verwechseln. Es gibt offenbar Leute, die Projekte mit der Idee im Kopf unterstützen, einkaufen zu gehen. Projektinhaber müsssen künftig darum Risiken und Herausforderungen angeben, um auch ein mögliches Scheitern transparent zu machen. So könnten Geldgeber besser einschätzen, ob sie Geld spenden wollten.

Es gibt aber auch Projekte, die die Kickstarter-Betreiber nicht akzeptieren, zum Beispiel Hilfsprogramme, Lehr- und Ausbildungsangebote und etwa unlimitiertes Fundraising. Ebenso sind Projekte unerwünscht, die in Konkurrenz zu Risikokapital-Investoren treten können – so aus den Bereichen E-Commerce oder den sozialen Netzwerken.

Konzept ist noch nicht ausgereizt

Andere Crowfunding-Plattformen wie Indiegogo, die heute schon kleinen Firmen Zugang gewährt, sind weniger strikt. Laut «Funding Launchpad» waren im Februar in den USA 138 Crowdfunding-Websiten aktiv, darunter Start-up-nahe wie CircleUp, Fundable und PeerBackers. «Time» schriebt dazu: «Je mehr Crowdfunding beginnt, sich wie das alte Venture-Kapital zu verhalten, desto weniger relevant werden die damit verbundenen Erfolgsgeschichten sein.» Aber natürlich ist auch das Kickstarter-Konzept noch nicht ausgereizt. Es ist vorstellbar, dass die User-Gemeinde Projekte in einem bisher noch nicht erreichten Mass unterstützen wird. Sogar solche, die sehr viel Geld brauchen.

Was immer geschieht: Die Kickstarter-Gründer scheinen sich wohl zu fühlen im Spannungsfeld zwischen ihrer Geschäftsidee und möglicherweise noch revolutionären Entwicklungen. «Vielleicht sieht Kickstarter in fünf Jahren noch gleich aus», sinniert Yancey Strickler, «aber der Rest der Welt wird mehr wie Kickstarter aussehen».


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