Grimseltunnel: Allmählich erwachen auch die Kritiker
«Touristiker träumen weiter von einem Bahntunnel zwischen Innertkirchen und Oberwald.» Das schrieb Infosperber vor zwei Jahren. Und fragte: «Warum nur?» Denn: «Eigentlich spricht alles dagegen.»
Sogar der Berner Regierungsrat ist wenig begeistert vom Projekt. Er bezeichnet den Nutzen für die Region als «überschaubar» und macht sich vor allem Sorgen wegen der «ungedeckten Betriebskosten», von denen 40 Prozent am Kanton Bern hängen bleiben dürften.
«Nicht einmal geschenkt»
Und auch Ueli Stückelberger, Direktor des Verbands öffentlicher Verkehr (VÖV), kritisierte das Projekt gegenüber Infosperber. Er sagte, der Grimseltunnel sei «sicher nicht nötig». Er ist überzeugt, dass der Betrieb «hoch subventioniert werden» müsste. Die Branche wolle den Tunnel «nicht einmal geschenkt».
Trotzdem beschloss der Bundesrat Ende Januar, dass der Grimseltunnel gebaut werden soll. Er hat ihn in die Botschaft 2027 aufgenommen.
Kritik blieb aus. Bis jetzt.
«Null Nutzen»
Plötzlich kamen Anfang Februar in der «NZZ am Sonntag» unter dem Titel «Röstis teures Denkmal» zwei prominente Kritiker zu Wort. Der ehemalige Direktor des Bundesamts für Verkehr (BAV), Peter Füglistaler, argumentierte ähnlich wie Infosperber schon vor zwei Jahren: «Das Projekt hat praktisch null Nutzen und wird immer defizitär bleiben.»
Der ehemalige SBB-Chef Benedikt Weibel sagte gegenüber der «NZZ am Sonntag»: «Was dieser Tunnel verkehrspolitisch soll, ist mir ein absolutes Rätsel.» Es gebe am Grimsel «keine grösseren Verkehrsströme». Und: «Wenn schon ist es touristisch viel attraktiver, über den Pass zu fahren und die einmalige Landschaft zu bewundern.»
«Ein Liebhaberprojekt»
Nach dem Artikel in der «NZZ am Sonntag» erwachten auch andere Schweizer Medien. Die «Luzerner Zeitung» fragt nun: «Baut die Schweiz die Eisenbahn am falschen Ort aus?» Der «Walliser Bote» stellt fest: «Geplanter Grimseltunnel erntet viel Kritik.» Und «10 vor 10» meldet: «Grimseltunnel: Teurer, komplexer – und zunehmend umstritten.»
Noch deutlicher wird das «St. Galler Tagblatt»: «Man fragt sich nicht bloss in der Ostschweiz: Wie ist es möglich, dass ein solches Liebhaberprojekt ohne eindeutig nachweisbaren ökonomischen Nutzen Aufnahme in eine nationale Prioritätenliste finden kann?»
Der Professor schwärmt
Ja, wie ist das möglich? Indem sich der Bundesrat beziehungsweise Albert Rösti (SVP) auf Untersuchungen des ETH-Professors Ulrich Weidmann stützt. Weidmann schwärmt in seinen synoptischen Projektübersichten von einem «aussergewöhnlichen Projektcharakter».
Sieben Kantone würden von «der Verbindung der Meterspurnetze profitieren». Er stellt den Grimseltunnel «in eine Reihe mit Furka-Basistunnel und Vereinatunnel».
Längere Reisezeiten
Spätestens hier fragt sich der informierte Leser: Macht der Professor Witze? Furka und Vereina haben eine ganz andere Bedeutung. Beide sind wichtige Verbindungen für Bahnpassagiere und – dank des Autoverlads – auch für den Strassenverkehr.
Zudem verkürzen sowohl Furka als auch Vereina die Reisezeiten massiv. Beim Grimseltunnel wäre das nicht der Fall. Für viele Verbindungen wäre die Reisezeit massiv länger als auf den bestehenden Strecken. Und auch nicht attraktiv, da die Strecke von Innertkirchen BE bis Oberwald VS durchwegs im Berginnern verliefe.
Hohe Kosten
Noch 2018 rechnete der Bund mit Kosten von 250 Millionen Franken für den Bahnteil. Der Bundesrat schrieb dazu: «Daraus resultiert ein ungenügendes Nutzen-Kosten-Verhältnis.»
Dieses Nutzen-Kosten-Verhältnis hat sich seither dramatisch verschlechtert. Denn der Bund rechnet nicht mehr mit Baukosten von 250 Millionen Franken, sondern von 800 Millionen Franken. Das ist mehr als eine Verdreifachung der Kosten innerhalb von acht Jahren.
Die Fakten zum Tunnel
Die Stromleitung über den Grimselpass vom Kanton Bern in den Kanton Wallis ist über 60 Jahre alt. Swissgrid will sie ersetzen und gleichzeitig in einen Stollen zwischen Oberwald VS und Innertkirchen BE verlegen. Die IG Grimseltunnel setzt sich dafür ein, dass der Stollen nicht nur für die Stromleitung ausgebrochen wird, sondern auch für einen Bahntunnel. Der Tunnel soll 21,8 Kilometer lang werden:
- Das Nordportal ist in Innertkirchen (650 Meter über Meer) geplant.
- Das Südportal in Oberwald (1368 Meter über Meer).
- Haltestellen sind in Guttannen BE und in der Handeck BE vorgesehen.
- Der Scheitelpunkt soll auf 1400 Metern über Meer liegen.
- Die Fahrzeit ist mit 35 Minuten veranschlagt.
- Damit läge die Durchschnittsgeschwindigkeit bei bloss 37 Kilometern pro Stunde.
- Betreiberin wäre wahrscheinlich die Zentralbahn oder die Matterhorn-Gotthard-Bahn.
- Trotz der grossen Steigungen ist die Grimselbahn als Adhäsionsbahn geplant. Eine Zahnradbahn kommt nicht in Frage, weil das Schmalspurnetz in den Alpen und dasjenige auf der Alpennordseite mit unterschiedlichen Zahnstangen ausgerüstet sind.
- Tunnelkosten nach neustem Stand: 210 bis 250 Millionen Franken für den Stromteil, 800 Millionen Franken für den Bahnteil.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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