Ameisen

Ameisen sind nützlich © public-domain Pixabay

Biozide: Was dem Bauern verboten ist, ist dem Laien erlaubt

Fausta Borsani /  Jeder kann sie kaufen: Ameisenmittel. Sie enthalten auch Wirkstoffe, die in der Landwirtschaft verboten sind.

Ameisen, sind das Feindbild vieler «NaturliebhaberInnen». Diese wollen die kleinen Krabbeltiere mit allen Mitteln von Haus, Balkon und Terrasse, vom Garten oder auf Wegen weghaben. Viele Wirkstoffe, die dabei eingesetzt werden, sind giftig, sehr sogar. Und das bereits in kleinsten Mengen. Sie töten nicht nur Insekten, sondern auch Wasserlebewesen, wenn sie zum Beispiel mit einem Regenguss in ein Gewässer transportiert werden.

Aber der Kampf gegen Ameisen wird mit harten Bandagen geführt. So schreibt die Landi: «Abgesehen davon, dass sie Blattläuse pflegen und deren Feinde bekämpfen, sind Ameisen in der Regel wirklich schädlich.» Gegen diese vermeintlichen Schädlinge vertreiben Landi und Coop u.a. das Giessmittel «Capito». Es enthält das Insektizid Permethrin. Permethrin ist als künstliches Pyrethroid sehr giftig für alle Insekten, so zum Beispiel auch für Bienen. Zudem sollte es nicht ins Wasser gelangen, da es Wasserlebewesen wie Fische und Algen schädigt.

«Vernünftig» nutzen

Das Bundesamt für Umwelt BAFU geht davon aus, dass KundInnen von Grossverteilern und Gartencenter die Hinweise auf Gefahren lesen und verstehen und die Mittel in Eigenregie «vernünftig» nutzen. In der Produktebeschreibung von Capito liest man: «Produkt vorsichtig verwenden». Was heisst das? Im Ameisenköder Matil der Firma Maag findet man den Wirkstoff Fipronil. In der Landwirtschaft ist Fipronil verboten, weil es Bienen schädigt. Im Garten und auf der Terrasse, ja sogar im Haus dürfen es Laien weiterhin einsetzen. Als potentes Gift gegen Ameisen preist die Migros das Maag-Produkt: «Schneller und durchschlagender Erfolg garantiert». Danach folgt eine Warnung: «Nicht in die Kanalisation gelangen lassen. Mittel und/oder dessen Behälter nicht in Gewässer gelangen lassen. Leere Gebinde gründlich gereinigt zur Kehrichtabfuhr. Zur Entsorgung Mittelreste zur Gemeindesammelstelle, Sammelstelle für Sonderabfälle oder Verkaufsstelle.» Nur, wie soll das gehen? Der Stoff ist im Wasser praktisch unlöslich und schadet langfristig Wasserorganismen.

Ameisen sind nützlich

In der Schweiz sind 132 Ameisenarten heimisch, wovon 46 Arten gefährdet sind. Ameisen sind sehr wichtig für das Leben auf der Erde. Sie erfüllen wichtige Aufgaben wie Samen verbreiten, Pflanzen fressen, Pilze züchten. Ameisen sind Landschaftspfleger und ohne sie wäre es über grosse Flächen karg und ohne Vegetation: Sie ermöglichen es den Pflanzen mit ihren unterirdischen Gängen, besser Wurzeln zu schlagen. Sie fördern die Bildung von fruchtbarem Humus. Fehlen die Ameisen, können Pflanzen nur schwer sesshaft werden und der Boden wird schnell durch Regengüsse abgetragen. Die Insekten tragen auch zur Verbreitung von Pflanzensamen bei. Waldameisen beispielsweise transportieren die Saat von rund 150 Pflanzenarten. Ameisen transportieren tote Tiere ab und vernichten Schädlinge in grossen Mengen. Ausserdem sind sie Nahrungsgrundlage für viele andere Tiere, wie Kröten, Vögel, Eidechsen oder Spinnen.

Um Ameisen zu respektieren und sie möglichst leben zu lassen, gibt es auch einige Hausmittel, die Ameisen abweisen helfen oder sogar ohne Umweltgefahren töten können (vgl. Kasten).

Einschränkungen kein Thema

Besonders umweltgefährdende Biozidwirkstoffe wie Permethrin, Fipronil oder Tetramethrin sind für die Biodiversität, für Insekten allgemein und für Wasserorganismen ein besonderes Risiko. Doch sie bleiben für Laien frei zugänglich. In der Landwirtschaft sind sie längst verboten.

Von einem Verbot auch für Haushalte will das Bundesamt für Umwelt nichts wissen: «Ein generelles Verbot von Biozidprodukten mit bestimmten Wirkstoffen für private Verwender ist nicht vorgesehen und wäre nicht verhältnismässig.» Die Regulierung über Biozidprodukte für den Privatgebrauch enthalte Kriterien basierend auf der Gefahreneinstufung des Produktes: «Diese Kriterien dienen dem Schutz der menschlichen Gesundheit, nicht der Umwelt.» Das sei europaweit so, denn das Schweizer Recht über Biozide folge dem europäischen. Die Gefahreneinstufung der EU berücksichtige die Umwelt nicht: «Die berücksichtigten Kriterien betreffen die menschliche Gesundheit, basierend auf der Umwelt-Gefahreneinstufung werden keine Verwendungen ausgeschlossen», so das BAFU.

Ameisen ohne Gift fernhalten

Im Garten sollte man Ameisen nicht vertreiben, da sie zur Natur gehören und nützlich sind. Im Haus kann es nötig sein, gegen Ameisen vorzugehen, etwa wenn sie sich in Böden oder Wänden aus Holz eingenistet haben.

Um die Eindringlinge in Haus, Wohnung oder Garten abzuweisen, können verschiedene Hausmittel angewandt werden: Da Ameisen über einen sehr ausgeprägten Geruchssinn verfügen, vertreiben sie Zimt, Nelken, Zitrone, Chili, Lavendel- oder Minzenöl oder Essig. Bewährt haben sich scheinbar auch Kupfermünzen, die an den Gebäudeeingängen platziert werden.

Aber was macht man, wenn die Ameisen einmal im Haus sind? Zuerst mal gründlich putzen und das Essen wegschliessen, denn sie werden von Essensresten oder offen zugänglichen Lebensmitteln angelockt. Zudem sollte man Fugen und Ritzen, durch die sie eindringen können, mit Silikon oder Dichtungsband verschliessen.

Wenn es denn wirklich ums Töten geht, ist das bekannteste Hausmittel gegen Ameisen Backpulver – in Verbindung mit Zucker eine tödliche Mahlzeit. Auch Kaolin hat sich bewährt, ein simples Steinpulver, das die Atemwege der Ameisen verstopft.

Bei problematischen Ameisenpopulationen im Haus wie etwa der winzigen, aber zähen Pharaonenameise müssen professionelle Schädlingsbekämpfer ans Werk. Allerdings sollte man von ihnen verlangen, keine Umweltgifte wie künstliche Pyrethroide zu verwenden. Sie sind oft auch für den Menschen schädlich.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Die Autorin ist Agrarökonomin, schreibt für bionetz.ch und arbeitet mit NGOs und Unternehmen in Umwelt- und Menschenrechtsfragen. Borsani ist auch Präsidentin vom Verein «ohneGift».
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Gift_Symbol

Gifte und Schadstoffe in der Umwelt

Sie machen wenig Schlagzeilen, weil keine «akute» Gefahr droht. Doch die schleichende Belastung rächt sich.

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4 Meinungen

  • am 17.06.2022 um 10:52 Uhr
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    Vielen Dank für diesen ausführlichen und notwendigen Artikel! Wir haben vor Jahren von einem Ameisenforscher den Tipp bekommen, Ameisen mit Backpulver zu vergrämen. Dazu streut man einen Teelöffel Backpulver irgendwo auf die Ameisenstrasse. Das Backpulver wird ins Nest eingetragen, kostet dort zwar einige Einzelexemplare das Leben, aber das Volk erkennt sofort die Gefahr und zieht mitsamt dem Nest um. So schädigt man weder die Ameisenpopulation selber, noch die Umwelt! Funktioniert bei uns einwandfrei, wenn sich die lieben Tierchen mal versehentlich an einem Platz eingenistet haben, wo wir nicht mit ihnen kooperieren möchten.

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    • am 17.06.2022 um 12:33 Uhr
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      Liebe Frau Studer, wie erfreulich! Danke für Kommentar, Hinweis und Tonalität.

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  • am 18.06.2022 um 13:50 Uhr
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    Besten Dank Frau Borsani für diesen sehr aufschlussreichen und wertvollen Beitrag. Eine ähnliche Frage, die mich seit langem sehr beelendet ist der ebenfalls freie Verkauf von Rattengift im Handel. Während Tierversuche immer wieder angeprangert werden, scheint sich niemand zu scheren um den elenden Todeskampf von Ratten, Mäusen, Igeln und anderen mehr nach der Einnahme solcher Gifte, oder um den Tod von Katzen, Greifvögeln und anderen Raubtieren nach den Verzehr von vergifteten Opfern. Soviel ich verstehe wird auch da der Biologie, z.B. der Ratten und ihrer «Geburtenkontrolle», keineswegs Rechnung getragen. Haben Sie bereits Beiträge dazu geschrieben, oder könnten Sie mir allenfalls Hinweise zu Literatur in diesem Bereich geben?
    Im Voraus besten Dank!

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    • am 18.06.2022 um 23:09 Uhr
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      Liebe Frau Wehrli, danke für Ihren Kommentar. Ich habe mich mit dem Thema Rattengift & Co. noch nicht beschäftigt, finde es aber spannend und mache mich ans Recherchieren. Vielleicht bis bald. Beste Grüsse, F. Borsani

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