Guelle

Zu viel Gülle schadet der Umwelt und dem Menschen. © Pixabay

In Gülle und Fülle

Fausta Borsani /  Die Schweizer Güllesaison ist eröffnet. Die Gruben sind voll. Gerade die überbordende Menge macht den Natur-Dünger aber zur Gefahr.

Red. Die Autorin ist Agrarökonomin, schreibt für bionetz.ch und arbeitet mit NGOs und Unternehmen in Umwelt- und Menschenrechtsfragen. Borsani ist auch Präsidentin vom Verein «ohneGift».

LandwirtInnen beschreiben sie als «natürlichen Dünger», Umwelt-Fachleute als Gift für die Artenvielfalt, die Wasserlebewesen und den Menschen. Die Gülle, eine Mischung aus Kot und Harn von landwirtschaftlichen Nutztieren wie Schwein, Rind oder Geflügel, enthält wichtige Pflanzen-Nährstoffe: Stickstoff, Kalium, Phosphor, Magnesium, Eisen und Bor. «Wertvoller Dünger, der uns vor dem Hunger bewahrt», würde eine Bäuerin im 19. Jahrhundert sagen. «Abfallprodukt», das unsere Natur vergiftet und unserer Gesundheit schadet, sagen Umweltorganisationen heute.

Viel zu viel Tiere, viel zu viel Importfutter

Der Unterschied in diesen beiden Aussagen ist zwei Gründen geschuldet: Wir halten in der Schweiz viel zu viele Tiere, deren Kraftfutter* wir zu 60 Prozent importieren – und für das notabene 200’000 Hektaren Ackerland im Ausland intensiv gedüngt und mit Pestiziden behandelt werden[1]. Da die Schweizer Landwirtschaft vor allem auf Tierhaltung spezialisiert ist, «veredeln» wir hier das importierte Futter zu Fleisch, Milch und Eier.

Durch die hohen Tierbestände entsteht weit mehr Gülle als die Kulturen eines Bauernhofes es nutzen können. Der Bauer muss die überschüssige Gülle jedoch loswerden – und entsorgt sie auf Feldern und Äckern. Aber: Die Ausscheidungen der vielen Tiere gelangen auf Böden, die oft schon viel Kunst-Dünger bekommen. Resultat: Unser Agrar-Boden ist fast überall massiv überdüngt, zum Beispiel mit Stickstoff. Die Bilanz des Bundes aus dem Jahr 2019 weist nach, dass die Stickstoffzufuhr 117 Prozent des Bedarfes ausmachte! Also wurden in absoluten Zahlen 13’689 Tonnen Stickstoff zu viel ausgebracht. Dabei stammte etwas mehr als die Hälfte aus der Tierhaltung[2]. Der überschüssige Stickstoff dringt in Gewässer und ins Grundwasser ein. Und deren Nitratgehalt steigt. In ackerbaulich geprägten Gebieten liegen die Nitrat-Konzentrationen im Grundwasser an mehr als 40 Prozent der Messstellen über dem Grenzwert[3]. Zur Sicherstellung der Trinkwasserqualität müssen Wasserwerke teure Gegenmassnahmen ergreifen. Die Kosten dafür trägt bisher die Allgemeinheit.

Mensch sieh dich vor!

Neben der Überdüngung der Umwelt sind zu viele tierische Exkremente auch für den Menschen gefährlich: Einerseits verursachen die Ammoniakemissionen aus der Tierhaltung, die mit der Luft transportiert werden, Augen- und Schleimhautreizungen und können bei stärkerer Aussetzung Lungenprobleme und Schlimmeres bewirken[4]. Andererseits führt die verbreitete Anwendung von Antibiotika in der Nutztierhaltung dazu, dass Bakterien Resistenzen bilden. Wenn LandwirtInnen Gülle ausbringen, sorgen sie dafür, dass resistente Keime nicht im Stall oder der Güllengrube bleiben, sondern sie verteilen sie grossflächig. Leider können Antibiotika diesen Bakterien, die der Mensch über die Nahrungskette oder auch aus der Luft aufnimmt, nichts mehr entgegensetzen. Man spricht in diesem Zusammenhang bereits von 1,2 Millionen Todesfällen weltweit im 2019[5]. Mit jeder Resistenz steigt das Risiko, dass wir die wichtigste Waffe im Kampf gegen viele gefährliche Infektionskrankheiten verlieren. Und mit jedem resistenten Keim, der u.a. mit der Gülle auf den Acker und damit in die Umwelt gelangt, wächst die Gefahr, dass sich Menschen damit infizieren und dass diese Infektionen nur schwer behandelbar sind. In Deutschland fand ein unabhängiges Labor im Jahr 2020 in zwölf von 15 Gülleproben aus landwirtschaftlichen Betrieben antibiotikaresistente Keime[6].

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Dieser Beitrag erschien zuerst auf ohnegift.ch.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Die Autorin arbeitet mit NGOs und Unternehmen in Umwelt- und Menschenrechtsfragen. Borsani ist auch Präsidentin vom Verein «ohneGift».
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.


FUSSNOTEN
*Hier stand zuerst zu wenig präzis «Futter».

[1] vgl. dazu: Priska Baur, Patricia Krayer, Schweizer Futtermittelimporte – Entwicklung, Hintergründe, Folgen, Wädenswil/ZHAW, 2021
[2] https://www.agrarbericht.ch/de/politik/direktzahlungen/nationale-suisse-bilanz-fokus-selbstdeklaration
[3] https://www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/wasser/fachinformationen/zustand-der-gewaesser/zustand-des-grundwassers/grundwasser-qualitaet/nitrat-im-grundwasser.html
[4] https://www.lunge-zuerich.ch/lunge-luft/luft/aussenluft/luftschadstoffe/ammoniak
[5] https://www.forschung-und-lehre.de/forschung/millionen-todesfaelle-infolge-von-antibiotika-resistenzen-4360
[6] https://www.greenpeace.de/biodiversitaet/landwirtschaft/tierhaltung/gefaehrliche-keime-guelle

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6 Meinungen

  • am 17.05.2022 um 11:32 Uhr
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    Leider wieder nur Studien aus dem Ausland aber unsere Landwirtschaft angreifen! Sehr glaubhaft. Innerhalb von zehn Jahren reduzierte sich gemäss Arch-Vet-Gesamtbericht 2020 des BLV die Antibiotikamenge, die für die Veterinärmedizin verkauft wurde, um über 50 Prozent. Wenn man jetzt bedenkt, dass Haustiere auch noch in die Nutztiere eingerechnet werden hat die Landwirtschaft in der Schweiz sehr viel getan um Antibiotika zu reduzieren. Das Gegenteil bei der Humanmedizin ist leider die nackte Wahrheit! Leider gibt es bei der Humanmedizin keine Aufzeichnungen wem wieviel Antibiotika verabreicht wurde dies kann ihnen der Bauer von jedem Tier sagen. Für was fordert der Bund eine Sussebilanz wenn es nach Fausta Borsani gar nichts nützt? Liebe Frau Borsani bitte melden Sie sich doch beim BLW dort können Sie ihren Frust direkt abladen wenn diese Leute Ihren Job nicht richtig machen. Ansonsten besuchen Sie Landwirtschaftsbetriebe die nicht mit Statistiken arbeiten können!

    6
  • am 17.05.2022 um 12:15 Uhr
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    @Christian Büschi. Die Entstehung resistenter Bakterien gehört weltweit zu den schwerwiegendsten Gesundheitsproblemen unserer Zeit. Auch in der Schweiz. Darum ist unser Land gemeinsam mit der internationalen Gemeinschaft gefordert, die Zunahme der Resistenzen zu minimieren und deren Übertragung und Verbreitung einzuschränken. Im Jahre 2015 wurde deshalb die Nationale Strategie Antibiotikaresistenzen (StAR) lanciert. Es zeigen sich erste kleine Erfolge. Aber das Problem ist noch lange nicht gelöst, auch in der Landwirtschaft nicht. Zahlen von Schweizer Bundesamt für Veterinärwesen: Über 22 Tonnen Antibiotika wurden 2020 in der Schweiz an Tiere verabreicht, das entspricht in etwa 18’000 Verabreichungen, aber bisher wurden dazu keine Zahlen erhoben. Leider sagt die Tatsache, dass in den letzten Jahren die Menge der verkauften Antibiotika halbiert wurde, wie Christian Büschi anführt, gar nichts aus über die Problematik. Entscheidend ist die Anzahl behandelter Tiere, deren Verdauungssystem die Antibiotika passieren – und diese ist im europäischen Vergleich hoch. Je nach Antibiotikum lässt sich mit der gleichen Wirkstoffmenge eben eine viel höheren Anzahl Tiere behandeln. Gerne besuche ich übrigens landwirtschaftliche Betriebe, die ihre Tiere so halten, dass sie keine Antibiotika brauchen, z.B. Hans Braun in Rothrist AG, der seit 20 Jahren ohne Antibiotika Milch produziert. Kommen Sie doch mit, Herr Büschi!

    0
  • am 17.05.2022 um 21:10 Uhr
    Permalink

    Infosperber:
    » Wir halten in der Schweiz viel zu viele Tiere, deren Futter wir zu 60 Prozent importieren»
    Bundesamt für Landwirtschaft:
    «Dank Raufutter wie Gras, Heu, oder Silage produziert die Schweiz 84 Prozent des benötigten Tierfutters selber.»
    Wer hat hier recht?
    Der Artikel beleuchtet eigentlich nichts neues, ist nicht sehr differenziert und wenig hilfreich.

    5
    • am 18.05.2022 um 08:42 Uhr
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      Die Aussage vom Bundesamt für Landwirtschaft, 84 Prozent der Futtermittel in der Schweiz würden von «einheimischen Wiesen und Feldern» stammen, basiert auf der Addition von Rau- und Kraftfutter, zwei Kategorien von Futtermitteln, die nicht addiert werden dürfen, da sie nicht direkt vergleichbar sind. Raufutter wird hauptsächlich von Wiederkäuern (v.a. von Milch-Kühen) gefressen. Fleisch stammt jedoch hauptsächlich von Schweinen und Geflügel, die auf Kraftfutter angewiesen sind. Raufutter kommt zu gegen 100 Prozent aus dem Inland. Kraftfutter stammt über die Hälfte aus dem Ausland, nämlich 55 Prozent der Trockensubstanz, 56 Prozent der Bruttoenergie und 69 Prozent des Rohproteins. Besonders knapp ist Protein: Rund 70 Prozent des Proteins im Kraftfutter stammen aus Importen (v.a. Soja). Ohne die heutigen Futtermittelimporte würden deshalb vor allem die Tierbestände, die auf Kraftfutter angewiesen sind, deutlich zurückgehen. Gemäss Modellrechnungen könnten auf Basis von Inlandfutter 94 Prozent der Schafe und Ziegen, 85 Proztent des Rindviehs, aber nur 39 Prozent der Schweine und 17 Prozent des Geflügels im Vergleich zu heute gehalten werden. Diese Aussagen stammnen aus der Studie: Priska Baur, Patricia Krayer, Schweizer Futtermittelimporte – Entwicklung, Hintergründe, Folgen, Wädenswil/ZHAW, 2021.

      0
    • am 18.05.2022 um 16:28 Uhr
      Permalink

      Das alles ist dem Bundesamt für Landwirtschaft bekannt. Das ist Absicht um die Bevölkerung zu täuschen. Da spielt der potente Bauernverband ein übles Spiel.

      1
  • am 18.05.2022 um 16:24 Uhr
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    Vielen Dank an Frau Borsani! Vor allem auch, weil sie auf die Leserkommentare eingeht und offensichtlich viel mehr von der Sache versteht, als die Schönredner, Fleischliebhaber und Interessenvertreter. Unsere Landwirtschaft ist lebensfeindlich. Das wollen viele Landwirte nicht zugeben. Sich neu auszurichten ist sicher nicht einfach, aber es muss endlich in grösserem Stil passieren. Doch vielleicht ist es ja eh schon zu spät dafür.

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