Lithium Bolivien

Lithiumgewinnung in Uyuni, Bolivien: Mit chinesischer Unterstützung soll der Abbau von Lithium auf dem Gebiet Boliviens forciert werden. © Dan Lundberg/Flickr/CC-BY-SA 2.0

Lateinamerikas Bodenschätze – Fluch und Segen

Romeo Rey /  Lateinamerika besitzt Bodenschätze in riesiger Menge und Vielfalt. Diese Schätze wecken seit 500 Jahren Begehrlichkeiten.

Rohstoffe sind für ihre Besitzer weniger ein Segen als vielmehr ein stetiges Risiko. Kaum ein anderes Land hat dem industrialisierten Norden der Erde so viel an Ressourcen zu bieten wie Argentinien. Gleichzeitig droht der 46 Millionen Menschen zählenden Nation zum zehnten Mal seit der Republikgründung eine Staatspleite. In diesem Kontext finden am 22. Oktober allgemeine Wahlen statt – mit der Möglichkeit, dass einen Monat später noch eine Stichwahl zur Erkürung des neuen Staatsoberhaupts abgehalten werden muss.

Romeo Rey
Romeo Rey, früher Lateinamerika-Korrespondent von «Tages-Anzeiger» und «Frankfurter Rundschau», fasst die jüngste Entwicklung zusammen.

Im Kampf um das höchste Amt stehen sich mit Sergio Massa ein Vertreter der bisher regierenden Peronisten, Patricia Bullrich als Repräsentantin der Antiperonisten und der Ultraneoliberale Javier Milei gegenüber. Alle drei haben bei den Vorwahlen im August je knapp 30 Prozent der Stimmen erhalten.

Milei wirft allen alteingesessenen Politikerinnen und Politikern des Landes vor, sie seien unfähig, mit den Problemen Argentiniens fertigzuwerden. Er predigt eine komplette Dollarisierung als Wundermittel gegen die Inflation, die derzeit mit 115 Prozent dahergaloppiert und die grosse Mehrheit der Bevölkerung zur Verzweiflung treibt. Milei will alles, was für ihn nach Populismus riecht, möglichst schnell ausmerzen, offenbar ohne die sozialen Kosten einer solchen Rosskur zu berücksichtigen. Wie ein neutraler und qualifizierter Beobachter das wirtschaftliche und finanzielle Erbe beurteilt, das die vorherigen Regierungen ihren Nachfolgern hinterlassen haben, und was von der Einführung des US-Dollars als nationaler Währung zu halten wäre, ist in einem Kommentar von Heiner Flassbeck auf telepolis.de nachzulesen. Als langjähriger Chefvolkswirt der Unctad (UNO-Organisation für Handel und Entwicklung) verfügt Flassbeck über reichliche Erfahrung in solchen Fragen.

Das Online-Magazin NUSO (Nueva Sociedad) befasst sich mit einem der neuesten Hotspots an natürlichem Reichtum in Argentinien: Vaca Muerta, einem der weltweit grössten Vorkommen von Erdöl und Erdgas. Es liegt im nördlichen Teil von Patagonien, wo auch Skelette von Dinosauriern ruhen und in lokalen Museen zu bestaunen sind. Obwohl Erdöl und Erdgas als zukünftige Energiequellen grundsätzlich fragwürdig sind, verdient der Beitrag Beachtung wegen des Potentials solcher Bodenschätze als «Rettungsring» für die vom Bankrott bedrohte Nation. Sollte Milei an die Macht kommen, kann man sich leicht ausmalen, wie viel Appetit ein solches Geschenk der Natur innerhalb und ausserhalb des Landes wecken würde.

Ecuador: Stimmbevölkerung stoppt Ölförderung im Amazonas-Regenwald

Mit Lateinamerikas Ressourcen befassen sich auch diverse andere Medienberichte der vergangenen Wochen. Zusammen mit den allgemeinen Wahlen in Ecuador stimmten die Ecuadorianer:innen im August über das Schicksal des Erdöllagers Yasuní im Amazonas-Regenwald ab. Dabei sprachen sich fast 60 Prozent der Wähler aus Rücksicht auf die Natur gegen weitere Ölbohrungen in diesem Teil des Yasuní-Nationalparks aus, berichten telepolis.de und die Deutsche Welle. Auch die New York Times behandelt das Thema in ihrer spanischsprachigen Online-Ausgabe.

In Uruguay hat die konservative Regierung von Präsident Luis Lacalle (Sohn) wegen Wassermangels in der Hauptstadt Montevideo den Notstand ausgerufen, berichtet amerika21. Die akute Knappheit an Trinkwasser ist einerseits eine Folge anhaltender Dürre, gleichzeitig aber auch ein Indiz dafür, dass – nicht nur in Uruguay – allzu grosszügige Konzessionen an private Firmen zur Wassernutzung vergeben werden. Damit werden in der Not noch grössere Mengen Plastikflaschen in Umlauf gesetzt. Das bringt der Flaschenwasser-Industrie zwar steigende Umsätze, schadet aber der Umwelt.

Lithium: Alle wollen das «weisse Gold»

Seit etwa einem Jahrzehnt und in stetigem Crescendo beherrscht das Thema Lithium die Gazetten und Schlagzeilen in aller Welt. Über die Zukunft dieses Leichtmetalls werden fantastische Prognosen geschmiedet. Wieder einmal erscheint Lateinamerika als einer der aussichtsreichsten «Profiteure» dieses für die Energiewirtschaft so wichtigen Rohstoffs. Und wo immer sich in letzter Zeit solche Chancen boten, fällt die markante Präsenz Chinas auf. Im Wettlauf um diese relativ neue Ressource wird mit allen verfügbaren wirtschaftlichen, finanziellen und diplomatischen Mitteln gerungen. Vorsorglich hat das US-Südkommando, das Teile der Weltmeere ständig überwacht, wissen lassen, man sei zum Eingreifen bereit, sollte es zu Interessenkonflikten kommen. Mit dem Lithium-Boom in Lateinamerika beschäftigt sich ein ausführlicher Bericht des Online-Magazin NUSO (Nueva Sociedad).

Ein besonders kritischer Punkt bei der industriellen Aufbereitung von Lithium ist der hohe Wasserverbrauch in Regionen des Subkontinents, wo ohnehin wenig und selten Niederschläge fallen. Die grossen Salzseen, aus denen das Leichtmetall gewonnen wird, befinden sich weitab von grossen Siedlungsräumen. Indigene Volksgruppen vor allem in Bolivien, wo sie etwa zwei Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen, fordern eine Beteiligung an den Profiten, die das neue Geschäft jetzt schon abwirft. Ihre Erfahrungen aus früheren Jahrhunderten, als Zinn und Silber tonnenweise ausser Landes geschafft wurden und für die Indigenen nur Schweiss, Blut und Tod übrig blieben, sollen sich beim Abbau von Lithium nicht wiederholen.

Internationale Unternehmen setzen ihre Gesetze durch

Bei fast allen genannten Beispielen aus der Geschichte von Ausbeutung und Enteignung der Reichtümer Lateinamerikas waren – und sind auch in der Gegenwart – ausländische Unternehmen und fremde Staaten mit von der Partie. Vor allem transnationale Konzerne pflegen ihre Interessen knallhart durchzusetzen. Sie stützen sich dabei auf eine Institution mit der Abkürzung ISDS, die für Investor-to-State Dispute Settlement steht. Dabei geht es um die Beilegung von Streitigkeiten zwischen Staat und Grossunternehmen im Rahmen von Investitionsschutz.

Die allgemeinen Erfahrungen gehen dahin, dass die fremden Kläger bei diesen Schiedsgerichten fast immer Recht bekommen und die betreffenden Staaten mit Zahlungsforderungen überhäuft werden, die ihre Möglichkeiten bei weitem übersteigen. Die Agentur Resumen Latinoamericano hat eine Analyse veröffentlicht (deutsche Übersetzung bei amerika21), die diesen Mechanismus, der in der Praxis zum Ausbluten von peripheren Ländern führt, gut verständlich beschreibt und mit konkreten Beispielen belegt.

China baut zur Zeit in Chancay, 60 Kilometer nördlich von Lima, der Hauptstadt von Peru, den grössten Hafen Südamerikas. Dort soll das Tor des Subkontinents nach Asien entstehen, das gleich mehreren Ländern helfen soll, Rohstofflieferungen nach Ostasien abzuwickeln. Die Absicht Pekings liegt auf der Hand. Ungewiss bleibt hingegen, ob die aufstrebende Weltmacht die Lieferanten von natürlichen Ressourcen gerechter behandeln wird als die kolonialen und neokolonialen Herrschaften aus Europa und Nordamerika, und ob China bei Interessenkonflikten ebenfalls vor ISDS-Gericht eilen wird, um milliardenschwere Forderungen zu erheben.

Chile: Putsch gegen Allende vor 50 Jahren

Journalistische Versuche, dramatische Ereignisse anlässlich von runden Jahrestagen aufzuarbeiten, fördern in der Regel wenig neue Erkenntnisse zutage. So auch im Falle des Pinochet-Putsches gegen die sozialistische Regierung von Salvador Allende in Chile. Ein Beitrag in amerika21 ist zwar bemüht, die These zu untermauern, dass die Anhänger der linksgerichteten Regierung mehr zu dessen Verteidigung hätten unternehmen können. Wer aber den eingefleischten Hass im Lager der Rechten auf «die Kommunisten» miterlebt und die realen Machtverhältnisse im Land damals beobachtet hat, wird von einer solchen Revision des Geschehens nicht viel halten.

Es stimmt, dass die chilenischen Streitkräfte 1973 nicht monolithisch geeint waren. Eine Fraktion des Landheeres war unter der Führung von General Carlos Prats bereit, die verfassungsmässige Herrschaft zu verteidigen. Ob diese nach meiner Einschätzung doch minderheitliche Fraktion stark genug gewesen wäre, um das Ruder noch einmal herumzureissen, müsste mit genaueren Recherchen nachgewiesen werden – und würde vermutlich nicht mehr als Hypothesen stützen. Wahrscheinlicher wäre es gewesen, dass ein solcher Machtkampf auf einen Bürgerkrieg und damit auf ein Blutbad hinausgelaufen wäre, in dem die Linke über kurz oder lang vermutlich am kürzeren Hebelarm gewesen wäre.

Mehr Erfolg in der historischen Forschung könnte man sich versprechen, wenn die internen und externen Debatten vermehrt über den wirtschaftspolitischen Kurs der Regierung Allende geführt und andererseits der geopolitische Kontext in jener Zeit, also der Aufbruch zum Neoliberalismus, in den Mittelpunkt gerückt würde. Ob es den Sozialisten, Kommunisten und ihren möglichen militärischen Sympathisanten an Wagemut gefehlt hat, erscheint hier als höchst nebensächliche, wenn nicht sarkastische Frage. Sich den Schlächtern in Santiago, deren Losung «Djakarta» war, die den millionenfachen Mord an linken Revolutionären in Indonesien zum Vorbild nahm, mit sozusagen leeren Händen entgegenzustellen, entspricht ohnehin nicht den Idealen der überwiegenden Mehrheit Lateinamerikas.

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Cover_Rey_Lateinamerika
Romeo Rey, Die Geschichte Lateinamerikas vom 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart, 284 Seiten, 3. Auflage, C.H.Beck 2015, CHF 22.30


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor war 33 Jahre lang Korrespondent in Südamerika, unter anderem für den «Tages-Anzeiger».
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Lateinamerika Karte

Politik in Süd- und Mittelamerika: Was in vielen Medien untergeht

Der frühere Lateinamerika-Korrespondent Romeo Rey fasst die Entwicklung regelmässig zusammen und verlinkt zu Quellen. Zudem Beiträge von anderen Autorinnen und Autoren.

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Eine Meinung zu

  • am 27.09.2023 um 12:03 Uhr
    Permalink

    Einmal mehr eine hervorragende Analyse aus der Feder von Romeo Rey !
    Es wäre höchst wünschenswert, wenn INFOsperber diesen ausgewiesenen Lateinamerikaexperten etwas häufiger zu Wort kommen liesse. Den Ländern im Hinterhof der USA scheint es nämlich seit längerer Zeit an der ihnen gebührenden publizistischen Aufmerksamkeit zu mangeln …

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