Thun_frher_heute

Thun in den Jahren 1946 und 2015 © VBS/Peter Brotschi

Zersiedelung: Diesmal bei Thun (8)

Peter Brotschi /  Die Stadt Thun hat den grössten Waffenplatz der Schweiz. Das prägte auch die Siedlungsentwicklung – um die Allmend herum.

Im Zentrum der Flugaufnahmen steht eine freie Fläche: Die Thuner Allmend, die auf ihrer westlichen Seite «Thierachern-Almid» heisst. Generationen von Wehrmännern und -frauen leisteten auf diesem Gelände ihren Militärdienst und – daran soll an dieser Stelle auch mal erinnert werden – viele junge Menschen verloren auf dieser Fläche ihr Leben.

Thun 1946 (Bild VBS)
Das passierte vor allem zu der Zeit, als Thun noch ein Militärflugplatz war. Die historische Aufnahme vom 1. Mai 1946 zeigt denn auch nicht einen Waffenplatz des Heeres, sondern den einstigen Flugplatz der Luftwaffe. Heute ist es kaum mehr bekannt, dass Thun in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts neben Dübendorf der wichtigste Militärflugplatz war. Dies vor allem aufgrund der Tatsache, dass sich an diesem Platz die staatliche Flugzeugproduktion befand, sprich die Eidgenössische Konstruktionswerkstatt. Ab Mitte der 1950er Jahre war in Thun Schluss mit dem militärischen Flugbetrieb. Nach wie vor in Betrieb ist der zivile Flugplatz mit seiner markierten Graspiste.

Thun 2015 (Bild Peter Brotschi)
Auf den ersten Blick ist im Vergleich der beiden Bilder auffällig, wie sich das militärische Areal – eben die Allmend – verändert hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es eine einzige freie Fläche, zum Teil noch mit Feldern. Am Rand gegen die Stadt Thun zu stehen die aus dieser Blickrichtung fast nicht sichtbaren Hangars, aber sonst ist vom Flugplatz kaum etwas zu erkennen. Auf dem neuen Foto, das für die bessere Erkennbarkeit etwas tiefer und schräger aufgenommen wurde, sind die riesigen Investitionen des Bundes ablesbar, die in dieses Gelände flossen. Sowohl im Tief- wie im Hochbau veränderte sich die Allmend stark, die zu einer «Panzerpiste» wurde. Auffällig natürlich der V-förmige Bau des Polygon.
Das Flugzeug befindet sich bei der Aufnahme über dem Gebiet Schwand mit seinem Wald, der wie überall in der Schweiz wegen des Waldgesetzes seine Form behalten hat. Der Blick ist gegen Osten gerichtet. In der oberen Bildhälfte ist deutlich zu sehen, wie sich Thun Richtung Allmendingen ausbreitete. In der Burgerallmend fallen auf dem alten Bild die kleinteiligen Felder auf und ein Rechteck, das von Gebüsch gebildet wird. Dieses Rechteck überlebte die Jahrzehnte, wird heute aber von der Autobahn A6 durchschnitten und ist auf der Westseite in den Golfplatz Thunersee integriert.
Der Vergleich der beiden Aufnahmen, zwischen denen 69 Jahre liegen, zeigt das Einwirken der Menschen in die Landschaft auch in den Bereichen Freizeit und Verkehr. Beides forderte seit dem Zweiten Weltkrieg in der ganzen Schweiz einen riesigen Tribut an landwirtschaftlicher Anbaufläche. In den Bereich der Freizeit fallen der Golfplatz und die gleich daneben auf der grünen Wiese gebaute Arena Thun, die wie andernorts auch mit Einkaufsmöglichkeiten kombiniert wurde.
Beim Verkehr fällt die Autobahn auf, die im Gebiet der Allmend in einem Tunnel geführt wird. Das Flugbild zeigt deutlich auf, warum der Bund hier beim Bau der Autobahn grosse Mehrkosten auf sich nahm: Er wollte das militärische Gebiet der Allmend vor einer Zerschneidung bewahren. Der Tunnel bot sich als gute Lösung an. Gleichzeitig war und ist er aber auch eine Steilvorlage in der Argumentation gegenüber dem Bundesamt für Strassen (ASTRA), wenn man wegen des Landschafts-Schutzes eine Autobahn in einen Tunnel versenken möchte. So etwa geschehen mit der A5 in der Grenchner Witi Ende der 1990er Jahre: Wenn schon eine Panzerpiste mit einem Tunnel vor der Autobahn geschützt ist, kann dies mit Fug und Recht auch für eine schützenswerte Landschaft verlangt werden.
Bleibt zum Schluss eine rhetorische Frage: Wie hätte sich Thun siedlungsmässig entwickelt, wenn das VBS nicht seine starke Hand über der Allmend gehalten hätte?

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Peter Brotschi ist Lehrer, Aviatikjournalist und CVP-Kantonsrat im Kanton Solothurn. Er kämpft politisch gegen die Zersiedelung der Schweiz. Autor von sieben Büchern, sein letztes: «Ein wenig des Himmels für mich».

Zum Infosperber-Dossier:

Zersiedelung_Dossier

Fotoserie: Zersiedelung der Schweiz

Folgen des Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums: Peter Brotschi zeigt Flugaufnahmen von einst und jetzt.

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