Unser Auto und das wohlige Gefühl der Geborgenheit

Felix Schindler /  Das Auto mit Fremden zu teilen scheint für viele undenkbar zu sein. Ein Einblick in unsere irrationale Beziehung zum Automobil.

Ja, diese Bedenken sind nachvollziehbar. «Wer möchte unbekannte Menschen, die vielleicht unangenehm riechen, unsaubere Hände/Kleider/Schuhe haben, vielleicht unanständig, anmassend oder krank sind, viel oder gar nicht schwatzen, etc. (das weiss man ja vorher nicht) auf eine als unangenehm empfundene Distanzzone im eigenen Fahrzeug heranlassen?»

Das ist eine der Reaktionen, die der Artikel über Hermann Spiess und sein Manuskript «21» ausgelöst hat. Spiess analysiert in seinem Papier das sogenannte spontane Mitfahrsystem, das dazu beitragen soll, leere Sitze in Autos zu besetzen und damit die Anzahl Fahrzeuge auf den Strassen zu reduzieren. Andere Leserkommentare gehen in die gleiche Richtung. Unter einem Artikel auf Watson.ch über das Konzept des spontanen Mitfahrsystems wurden 91 Kommentare verfasst. Auch dort lautet die Stossrichtung: Interessante Idee, aber ohne mich.

Unabhängig davon, ob diese Bedenken gerechtfertigt sind oder nicht: Sie verdienen eine nähere Betrachtung – denn sie offenbaren, dass das Auto in gewisser Hinsicht mehr mit einer Wohnung zu tun hat als mit einem Verkehrsmittel.

Der Verfasser des Leserkommentars hat treffend eine Eigenschaft des Autos beschrieben, wegen der wir das Auto mögen: Wir können andere Menschen auf Distanz halten. Die unangenehm Riechenden, die Kranken, die Unanständigen und die Anmassenden. Per Knopfdruck können wir unerwünschte Begegnungen unterbinden, wir verriegeln die Türen und schliessen die Fenster. Das Auto schirmt uns auch vor praktisch allen anderen äusseren Einflüssen ab. Filter reinigen unsere Atemluft, Dämmglas schirmt den Verkehrslärm ab, Gummidichtungen den Regen. 

Im Inneren eines Autos kontrollieren wir einen ganzen Kosmos von Annehmlichkeiten. Wir bestimmen, welche Musik gespielt wird und wie laut. Sitzposition, Luftzug, Raumtemperatur – alles exakt an unsere Bedürfnisse angepasst, selbst die Temperatur des Lenkrads oder der Geruch des Interieurs. Im Auto können wir uns im öffentlichen Raum bewegen, ohne mit ihm in Berührung zu kommen. Wir atmen sogar unsere eigene Luft. 

Das ist uns wichtig. Eine Studie des Markt- und Meinungsforschungsinstituts gfs.bern vom letzten Oktober ergab, dass sich mehr als die Hälfte der Schweizer Bevölkerung über 18 Jahre im Auto «geborgener» fühlen als im öffentlichen Verkehr. Das Auto vemittle «gerade in der Corona-Krise verstärkt ein Gefühl von Freiheit und Geborgenheit». Das erklärt die Ambivalenz, mit dem das spontane Mitfahrsystem konfrontiert ist. Wir verstehen das Auto als eindeutig privat, den öffentlichen Verkehr als eindeutig öffentlich. Wer Zug fährt, tauscht Geborgenheit gegen Anonymität ein – beide Situationen bieten Vorteile und die Verhältnisse sind geklärt. Gerade deshalb dürfte der Tauschhandel vielen näher liegen, als bei einem Fremden ins Auto zu sitzen, wo wir die Beziehungen neu aushandeln müssen.

Geborgenheit ist nur eine von vielen Eigenschaften, wegen der wir Autos benützen. Besonderes Gewicht hat die Eigenschaft, räumliche Distanzen überwinden zu können. Ihretwegen haben wir das ganze Land umgebaut. Wir fahren mit dem Auto zur Arbeit und verdienen Geld, wir fahren zum Einkaufen und geben das Geld wieder aus. Der Bund bezeichnet die Verkehrsinfrastrukturen deshalb als «Pulsadern der Volkswirtschaft». Spinnt man dieses Bild weiter, werden die Autos zu roten Blutkörperchen, die den ganzen Organismus mit Sauerstoff versorgen. Wir betrachten es deshalb als Staatsaufgabe, das Autofahren zu ermöglichen. 

Das Problem ist nun, dass diese beiden Erwartungen – Privatsphäre für unterwegs und Mobilität – miteinander kollidieren: Eine Person, die alleine im Auto sitzt, beansprucht fünfmal so viel Stassenraum wie die Person, die das Auto mit vier anderen teilt. Die tiefe durchschnittliche Belegung während der Stosszeiten ist deshalb eine entscheidende Ursache für Stau. Und Stau ist – wenn man wie Hermann Spiess nicht nur die Autos betrachtet, sondern auch die freien Sitze – kein Mangel an Kapazitäten, sondern ein Mangel an Effizienz. 

Und trotzdem fliessen jedes Jahr Milliarden in den Ausbau des Strassennetzes, in die Vergrösserung der Kapazität. Mit anderen Worten: Wenn der Staat das Strassennetz ausbaut, ermöglicht er nicht nur die Mobilität der Schweizer Bevölkerung, sondern auch den Komfort, alleine im Auto sitzen. Die Autofahrer bezahlen zwar einen verhältnismässig grossen Teil der Strasseninfrastruktur selbst, doch die Staukosten – Zeitverlust, staubedingte Unfälle und Schäden an Umwelt und Klima – bezahlen alle. Nicht nur, aber auch, damit wir Autofahrer uns im Auto geborgen fühlen können. 

Das heisst nicht, dass es keine legitimen Gründe gäbe, keine Fremden im eigenen Auto haben zu wollen – namentlich Sicherheitsbedenken. Doch Autofahrenden Geborgenheit im öffentlichen Raum zu ermöglichen, geht weit über das hinaus, was wir zu den Aufgaben eines Staates zählen können. 

Es ist wohl so, wie es Hanspeter Guggenbühl († 26. 5. 2021), Umweltjournalist und Mitgründer von Infosperber, zu sagen pflegte: «Wäre das Auto ein Verkehrsmittel, wäre es längst durch etwas Besseres ersetzt worden.» Das müssen wir uns vor Augen halten, wenn wir darüber diskutieren, wie viel uns das Auto wert ist. 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor besitzt ein Auto.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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Auto oder Bahn: Wer zahlt Defizite?

Wer subventioniert wen und wieviel? Kann oder soll man Pendler zur Kasse bitten?

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7 Meinungen

  • am 24.06.2021 um 11:14 Uhr
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    Ich bin in der glücklichen Lage seit 20 Jahren kein Auto zu besitzen. Wenn ich für die Arbeit eines brauchte war ein Geschäftswagen zur Verfügung, sonst Velo und ÖV, eines von zuhause zu Bahnhof 1 und ein zweites von Bahnhof 2 zur Arbeit. Demnächst gehe ich in Rente und gebe mit Freuden meinen Fahrausweis ab.

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  • am 24.06.2021 um 11:47 Uhr
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    Völlig einverstanden, gute Beschreibung des Problems. Das Auto ist immer noch für viele ein wichtiger Bestandteil der Selbstvermarktung: Fassade und Design des EGO. Anders wäre kaum zu erklären, dass in CH jedes Jahr mehr SUV gekauft werden. Wozu brauchen all diese Stadt-Leute in ZH einen 4×4, wenn nicht zum Angeben: Ich bin mein Auto, ich bin Wildnis + Abenteuer. Da wird Aufsehen mit Ansehen verwechselt. Der Wirtschaftspsychologe Christian Fichter schrieb über die dröhnenden Auto-Poser: «Nirgends artikuliert sich die Zerrissenheit der Gegenwartskultur so prägnant wie hier. Wir geben Millionen für Flüsterbeläge und Schallschutzfenster aus, unternehmen aber nichts gegen den Terror, der aus dem Auspuff kommt.»

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  • am 24.06.2021 um 12:00 Uhr
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    Dieser Gedanke lässt sich ausdehnen. Mit Wohnwagen und Schiffen hat man den halben oder gar ganzen Haushalt dabei. Mit Verkehr hat das nichts zu tun, höchstens mit Reisen, sondern eher mit Wohnen. Da das Tempo meistens gemächlich ist, ist der Platzbedarf dann kleiner als bei Autos. Der Energieverbrauch kann auch klein sein, dann wenn ein Tier, einige Segel oder Solarpanels zur Fortbewegung dienen. (Während dies auf dem Wasser noch geht, gibt es bei uns wegen des MIV keine «langsamen» Hauptstrassen mehr, und Nebenstrassen sind aus diversen Gründen oft ungünstig, z.B. steil.)

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  • am 24.06.2021 um 14:00 Uhr
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    Grundsätzlich steht die Frage im Raum:
    Besitzen wir ein Auto –
    oder besitzt das Auto und ?
    Wahrscheinlich trifft Beides zu ?

    Aber – wenn nun schon fast un-teilbar, dann könnten wir -eigentlich- doch wenigstens die Menge an Auto um uns herum reduzieren ? Smart & Co sind ein Teil der Lösungs-Möglichkeiten.
    Oder noch ausbaufähige Mietsysteme, bei denen DAS Auto allen und niemand gehört.
    Oder ein kleiner Verwandter des Sattel-Schlepper-LkW — mit -beispielsweise- einem Zwei-Sitzer-Basis-Modul, an das sich Zweier- /Vierer/Sechser-Kabinen – oder eine Ladepritsche oder… oder… sauber ankoppeln lassen ?! Oder eine Luxus-Variante des ehemaligen «BMW-Rollers mit Dächlein» ?!

    Gangbar wären eigentlich viele Wege !
    Mit oder ohne «Tiger im Tank».

    Mann hofft.

    Wolf Gerlach, Ingenieur

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  • am 28.06.2021 um 18:58 Uhr
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    Herr Schindler beschreibt detailliert, was ich schon lange dachte. Warum es so schwer ist, die Leute vom Auto weg und in den ÖV zu bringen. Es muss mit der Abgeschlossenheit im Auto zu tun haben. Unbeobachtet und unkontrolliert tun zu können, wonach einem gerade ist. Sich gehen lassen, sich ins eigene Innere versenken, oder ‹den Schweinehund rauslassen›. Freiheit in Geborgenheit?

    Von der Gelegenheit zur eigenen Körperschamfreiheit im Auto hat er nichts gesagt: Zappeligkeit ausleben, Selbstgespräche führen, laut singen, in Nase und Ohren bohren, sich überall kratzen, sich laut schneuzen, husten, rülpsen, gorpsen und furzen, etc. Alles ohne Hemmungen, ganz ungeniert!– Herrlich! Wie daheim!

    Wenn hierzulande soviele Menschen nicht nur zuhause, sondern auch unterwegs die totale Abgeschottetheit brauchen, um sich ausleben zu können, lässt das auf einen Mangel schliessen. Fehlt unserer Gesellschaft diese Freiheit der Selbstäusserung? Wie steht es um das allgemeine und soziale Wohlbefinden?

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  • am 29.06.2021 um 09:36 Uhr
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    Ich sehe hier ein Kommentieren , ähnlich wie:
    Im Stau stehen bleiben —
    Not erkennen —
    Not beklagen —
    …. und fertig

    Warum nicht -anstatt- wenigstens eine Lösungsmöglichkeit mit an-zudenken versuchen ?!

    Die 2 Grund-Problematiken angehend:

    «Privat» einerseits 1500kg + 25 qm Raum zur Fortbewegung von durchschnittlich 1 plus 0,wenig Personen beanspruchend —

    «Öffentlich» andererseits mit Gedränge, Gestinke, Geschubse klar kommen müssend

    Was zu den Lösungsansätzen führen müsste/sollte/könte:

    «Privat» auch «kuschelige/knubbelige», also «liebevoll gestaltete» Minis» (anstatt Blechbüchsen mit hohem technischen Niveau) salonfähig zu machen —

    «Öffentlich» auch mehr Raum und Trenn-Möglichkeiten pro Person oder pro Klein-Gruppe
    anzubieten.

    Die «bei mir» im Schnell-Takt fahrenden Minibusse — die auch «Nebenstrecken» gut bedienen, welche für jeden EU-Maxi-Bus sinnlos — und wo der Fahrer nach Bedarf hält, egal wo Du auf den Bus wartest — oder raus willst, wären beispielsweise ein guter Ansatz. –
    WENN die Sitze etwas komfortabler und weniger «eng» aufgestellt wären.

    «Anstatt» leisten wir uns in der EU schwerfällige Omnibus-Kreuzfahrt-Schiffe, die ausserhalb der Haupt-Verkehrszeiten unter 10% belegt sind !
    Sinn oder Un-Sinn ?!

    Wolf Gerlach, Ingenieur

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  • am 29.06.2021 um 10:33 Uhr
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    Mini-Busse sehe ich NICHT als Ersatz für die Grossen, sondern als notwendigen Teil eines Verbund-Sytems:

    In den Stoss-Zeiten die Minis als Zubringer für die Jumbos. Was in Folge auch manches Auto ersetzte.

    In den Zeiten mit mittlerem Verkehr allmählich immer weniger Jumbos. – Immer mehr Minis.

    In den «ruhigen» Zeiten anstatt Null öffentlicher Verkehr dann Minis in örtlich sinnvoller Taktung.

    Ein sinvoller Verbund von Jumbos mit Minis (auch als Zu- und Weg-Bringer zur Bahn) wäre eine -sehr- ernsthafte Bereicherung .

    Würde den PKW-Verkehr reduzieren. Für bessere Umwelt.
    Würde neue, interessante, Teilzeit-Arbeiten schaffen.
    Würde Senioren mobiler machen.
    Auch Mütter mit Kindern.
    Würde Leben in «Vor»-Orten und in ländlicher Gegend angenehmer und attraktiver machen.

    Minis könnten «nebenher» auch Zustell-Dienste und Transport-Dienste übernehmen.
    Weil man -beispielsweise- den Raum unter den Sitzen für von aussen zugängliche Transport-Boxen (mit einstellbaren Öffnungs-Codes) vielfältig nutzen könnte. Wodurch JEDER – ob privat oder geschäftlich- diesen Service sicher nutzen könnte. Ergänzt dadurch, dass der Fahrer die Boxen an verschiedenen Halte-Punkten gesichert stationieren kann. Wodurch die Abhol- und Zubring-Zeit flexibel wird.

    Wie wärs mit kreativem Mit-Denken ?!

    Wolf Gerlach, Ingenieur

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