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US-Flugzeugträger USS Harry S. Truman © Dominique Pipet / Flickr

Ueli Maurer im Schatten von Admiral Mike Mullen

Peter G. Achten /  Beide haben China besucht. Den Schweizer Verteidigungsminister empfing man als «Freund», den obersten US-Soldaten als Konkurrenten.

Beide Besucher verfügen, wie mittlerweile hinlänglich bekannt ist, über «die beste Armee der Welt». Beide trafen in China Verteidigungsminister Liang Guanglie, und beide sprachen schliesslich, natürlich unabhängig voneinander, von «freundlichen» (Mullen) bis «harmonischen» (Maurer) Gesprächen.
Lernen von Chinas Militärinformatik und Logistik
Zunächst zur Harmonie. Verteidigungsminister Maurer war nach den Gespächen mit glänzenden Augen guter Dinge, sichtlich beeindruckt von seinem Besuch im Speziellen (u.a. Erdbeben-Kontrollzentrum) und von der Offenheit Chinas im besondern. Die militärische Zusammenarbeit wird nicht nur fortgesetzt, sondern – man höre und staune – sogar vertieft. Noch besser: ein «regelmässiger Austausch auf höchster Ebene» sei geplant. Bevölkerungsschutz, Logistik und Militärinformatik stehe dabei im Mittelpunkt, oder wie sich Bundesrat Maurer ausdrückte: «Das ist besonders wichtig im Übergang vom Kupferdraht zur Glasfaser». Das nächste Reisli ist gewiss.
Kupferdraht hin, Glasfaser her, die kleine, neutrale Schweiz geniesst in China bis hinein in die obersten Ränge der Kommunistischen Partei hohes Ansehen, weil sie als eines der ersten westlichen Länder das kommunistische China als Staat anerkannt hatte. Und die «Freunde Chinas» werden in Peking – wie eben jetzt Ueli Maurer – bevorzugt behandelt.
Wann verlieren die USA ihre Vormachtstellung im Asiatisch-Pazifischen Raum?
Weniger harmonisch aber immerhin noch «freundlich» gestaltete sich Besuch und Gespräche von US-Admiral Mike Mullen. Hier geht es natürlich am Anfang des 21. Jahrhunderts ums Eingemachte und nicht um Bevölkerungschutz oder Kupferdraht. Wird China die USA als die führende Seemacht im Asiatisch-Pazifischen Raum einmal ablösen?
Admiral Mullens Gesprächspartner – Verteidigungsminister Liang Guanglie, Generalstabschef Chen Bingde und Xi Jingping, Stellvertretender Vorsitzender der Zentralen Militärkommission und vermutlich ab nächstem Jahr Parteivorsitzender – gaben mit dem unterdessen ganz selbstverständlichen chinesischen Selbstbewusstein den Tarif durch, wenn auch sehr freundlich.
China arbeitet an einer speziellen Rakete gegen Flugzeugträger
Beim Besuch des Zweiten Artillerie-Corps der Volksbefreiungsarmee erfuhren die Amerikaner überraschend, dass an einer Anti-Schiff-Rakete, einer sogenannten Flugzeugträger-Keule, gearbeitet werde. Eine Waffe notabene, über die weder die USA noch Russland verfügen. Obwohl noch weit entfernt von der Einsatzbereitschaft, war die Anti-Flugzeugträger-Rakete keine gute Nachricht für die Amerikaner.
Nachholbedarf
Selbstbewusst stellten die chinesischen Militärs auch ihre Flugzeugträger-Pläne vor. Der erste wird bald einmal von Stapel laufen. Eine gute Navy brauche Flugzeugträger, hiess es in Medien-Kommentaren, zum «Schutz des Mutterlandes», aber auch – wie ja die US-Flotte beim japanischen Tsunami eindrücklich gezeigt habe – auch zum Bevölkerungsschutz. Kommt dazu, argumentieren die chinesischen Militärs, dass China als einziges Mitglieder des Uno-Weltsicherheitsrates über keinen Flugzeugträger verfüge. Selbst Indien oder Thailand haben solches Gerät in ihrem Arsenal. Als strategische Ausrüstung seien Flugzeugträger im 21. Jahrhundert für eine so wichtige Macht wie China unverzichtbar.
Streit ums südchinesische Meer
Admiral Mullen musste sich auch Klagen anhören über die gemeinsamen Manöver der US-Navy mit den Philippinen und Vietnam im südchinesischen Meer. Jene Meeresregion wird aus «historischen Gründen» von China beansprucht. Auf chinesischen Karten ist deshalb diese Meeresregion fast bis hinunter nach Indonesien als chinesisches Hoheitsgebiet verzeichnet. Aber auch Vietnam, die Philippinen oder Brunei pochen auf historische Rechte. Hintergrund des Disputs sind Oel- und Gas-Vorkommen, die dort in gigantischen Volumen vermutet werden.
Chinas Weltumseglung ohne kolonialistische Absichten
Die USA stufen in aller Regel die Stärke der chinesischen Streitkräfte als zu hoch ein. Unabhängige Militärforscher in Europa gehen davon aus, das die Vereinigten Staaten technisch und innovativ rund zwanzig Jahre im Vorsprung sind. Und dennoch: die «China-Bedrohung» feiert international Urstände. Die Chinesen, geschichtsbewusst wie sie sind, konntern mit dem grossen Seefahrer Zheng He aus der Ming-Zeit (15. Jahrhundert). Damals, Jahrzehnte vor Christophorus Kolumbus und Vasco da Gama, war China mit Abstand die führende Seemacht der Welt. Zheng He unternahm im Auftrag der Ming-Kaiser von 1405-1433 mit gigantischen Flotten sieben Expeditionen, die ihn zusammen mit 28’000 Mann nach Thailand, Indonesien, Malaya, Ceylon, Indien, Arabien bis ins südliche Afrika führten. «Zheng He’s wahrlich freundschaftliche und kommerzielle Reisen», so kommentiert die regierungsamtliche Zeitung «China Daily» im Zusammenhang mit der jetzigen Flugzeugträger- und Bedrohungs-Diskussion, «stehen im scharfen Gegensatz zu den europäischen Abenteuern bei der Kolonisation fremder Länder mehr als ein halbes Jahrundert später».
Schweizer Budget reicht wenigstens für Glasfasern
Bundesrat Ueli Maurer hat zwar die beste Armee der Welt, aber Gott sei Dank keine Marine. Sonst könnte er im sino-amerikanischen Disput nicht mehr neutral sein. Dennoch wird er Admiral Mullen um etwas beneidet haben, um das US-Verteidigungsbudget nämlich. In der Schweiz, der ultimativen Basis-Demokratie, kann eben nicht mir nichts dir nichts der Schulden-Plafond angehoben werden. Kleiner Trost: vielleicht reicht es vorerst zwar noch nicht für neue Kampfflugzeuge, aber für Kupferdraht, ja sogar Glasfaser reicht es allemal. Und, wer weiss, vielleicht für chinesische Kampfflugzeuge. Mit einem Neutralitäts-Rabat.


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