ChinaGirl

Auch im chinesischen Fernsehen werden die Mädchen hübsch aufgemacht © flickr / Makototaipei

Service Public à la Chinoise

Peter G. Achten /  Das chinesische Staatsfernsehen wird als Service public ausgegeben. Der Vergleich mit der Schweiz allerdings hinkt.

Chinas Grossstädte sind gut verkabelt. Auch Satelliten-Fernsehen ist möglich. Das Angebot ist überwältigend. Weit über hundert Kanäle sind mitten in Peking zu empfangen. Chinesische Kanäle und den Phönix-Kanal aus Hongkong. Ausländisches – die allmächtige Kommunistische Partei als Informationsmonopolist gebietet es – ist nicht im Angebot, aber, um ehrlich zu sein, auch nicht besonders gefragt. Ausser in Hotels, die vom Satelliten mit Genehmigung der Behörden von CNN über BBC bis zu Al-Jazeera in die Gästezimmer beamen. Jede Provinz, jede grössere und kleinere Stadt, jede Region betreibt Fernseh- und Radio-Programme. Dazu kommt das zentrale Fernsehen CCTV mit fünfzehn Kanälen. Als leidenschaftlicher Zapper auf weit über hundert Kanälen fällt mir die Auswahl schwer. Unterhaltung, Sport und selbstverständlich Information.

Viele Programme, gleicher Inhalt

Die Informationssendungen werden professionell präsentiert, ganz international in Design und Präsentation. Die Tagesschau kann man ja schliesslich – die vielen missglückten Versuche auch in der Schweiz zeigen es – nicht neu erfinden. Die CCTV-Hauptnachrichten sind die Ausnahme. Die Präsentatoren und Präsentatorinnen treten zwar nicht mehr im Mao-Gewand auf, sondern modern, dennoch aber verströmen sie mit ihren ab Teleprompter vorgelesenen News noch immer einen Hauch des real existierenden Sozialismus. News für Nostalgiker also. Vom parteilich überwachten Inhalt aller Info-Sendungen sei hier für einmal abgesehn.

Sport ist eine grosse Stärke des chinesischen Fernsehens, sowohl Studiosendungen wie vor allem Live. Was die Unterhaltung betrifft, wird mit der grossen Kelle angerichtet. Soaps in endlosen Fortsetzungen thematisieren die Gegenwart ebenso wie revolutionäre und kaiserliche Vegangenheit. Ein besonderes Vergnügen ist es, die verschiedenen Mao personifizierenden Schauspieler zu beobachten. Doch der chinesische Service Publique widmet sich auch mit Gusto anderen Unterhaltungsformaten. Jeder Schund wird gnadenlos vom Westen kopiert. Emotionale, seichte Reality Shows oder Talkshows zum Beispiel. Dann aber auch viele Talent-Formate mit unsäglichen Juroren und einigen talentierten, mehr aber noch schrägen, tolpatschigen Kandidatinnen und Kandidaten. Schadenfreude und Voyeurismus kennen offenbar keinen ost-westlichen Kulturunterschied.

Die Aufseher zählen die Minuten

Und jetzt das! Die Überwachungsbehörde – die Staatliche Administration für Radio, Film und Fernsehen (SARFT) – hat die vom Satellitenkanal der Provinz Hunan produzierte Talentshow «Supergirl» für nächstes Jahr aus dem Programm gekippt. «Supergirl» ist eines der beliebtesten und kommerziell erfolgreichsten Unterhaltungsprogramme Chinas mit Einschatlquoten von bis zu 400 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern. Die SARFT-Bürokraten haben durchgegriffen, weil sich Hunan-TV nicht an Zeitrichtlinien gehalten hat. Vor vier Jahren wurde verfügt, dass erstens Talentshows nicht mehr in der Prime Time (19h30 bis 22h30) gesendet werden und dass sie nicht länger als neunzig Minuten dauern dürfen. «Supergirl» hat es einmal auf sage und schreibe 182 Minuten gebracht und wurde verwarnt. Danach wurde die Zeitlimite zwar immer noch gelegentlich, doch nur um wenige Minuten überschritten. Das aber hat für das negative Verdikt gereicht. Li Hao, Stellvertretender Chefredaktor von Hunan-TV, gab in vorauseilendem Gehorsam der chinesischen Presse zu Protokoll, dass im nächsten Jahr «Supergirl» durch Programme ersetzt werde, die «moralisch und ethisch aufbauend» sind und die «öffentliche Sicherheit» fördern. Auch praktische Sendungen, zum Beispiel Tips für die Hausarbeit, sind geplant. Li Haos Programmplanung liegt ganz in dem von SARFT-Vollstreckern ebenfalls vor vier Jahren definierten Service Publique. Viele der Talent-Sendungen seien «vulgär» und entsprächen nicht dem Auftrag an das Fernsehen nach «gesunder und positiver Orientierung».

Aber es gibt auch Widerspruch. Das Regierungsblatt «China Daily» zitiert Jin Yong, Professor an der Kommunikations-Universität, mit den Worten, er glaube, die Zeitüberschreitung sei nur ein Vorwand gewesen. «Einige der Moderatoren», so Yong, hätten sich während der Sendung «unpassend und unangebracht geäussert» und seien zudem nicht «korrekt gekleidet» gewesen. «Superboy», eine «Supergirl» nachempfundene Sendung, hat von den Überwachern gleich zu Anfang die Weisung erhalten, nur «gesunde und ethisch inspirierende» Songs zum Besten zu geben. Bei «Supergirl» spielte wohl auch das Publikums-Voting per SMS und Telefon eine Rolle, weil an Demokratie und nahöstlichen Aufbruch gemahnend. Letzteres wiederum bestreiten Kommentatoren in chinesischen Blättern mit dem schlagenden Argument, Demokratie gebe es ja in der Volksrepublik.

Staatsfernsehen ist nicht Staatsfernsehen

Oberste Wächter von Wahrheit, Moral, politischer Korrektheit und gutem Geschmack – genau das macht das Staatsfernsehen aus. Ohne jede Rekursmöglichkeit, ohne Transparenz. All jene Journalisten und Politiker in der Schweiz, die wider besseres Wissen täglich vom Schweizer Staatsfernsehen schwafeln, sollte das eine Lehre sein. Staatsfernsehen gibt es in China, Nordkorea, Vietnam oder Cuba. Nicht aber in der Schweiz.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

Zum Infosperber-Dossier:

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Chinas Innenpolitik

Hohe Wachstumszahlen; riesige Devisenreserven; sozialer Konfliktstoff; Umweltzerstörung; Herrschaft einer Partei

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