Mandela stirbt, SRF schläft

Jürg Lehmann ©

Jürg Lehmann /  Während andere Sender über den Tod Nelson Mandelas berichten, bringt TV SRF «Aeschbacher» und das NZZ-Format.

Am Donnerstagabend um zirka 22.45 Uhr teilt der südafrikanische Präsident Jacob Zuma mit, dass der Nationalheld Nelson Mandela 95-jährig gestorben ist. Die grossen News-Stationen wie CNN, BBC World und andere schalten sofort auf die globale Aktualität um, senden Einschätzungen und Würdigungen aus aller Welt. Radio SRF berichtet um 23 Uhr in den Nachrichten über Mandelas Ableben und bringt dazu einen Beitrag von Afrika-Korrespondent Patrik Wülser.

Auch die News-Online-Portale sind selbstverständlich hochpräsent. Die Onlineredaktion von SRF wirft alle Restriktionen über Bord und schaltet zirka 6’000 Zeichen zum Tod Mandelas auf der Homepage hoch, bevor überhaupt eine einzige Sekunde dazu über den TV-Sender gegangen ist. Hier läuft seit 22.25 Uhr «Aeschbacher», gefolgt um 23.20 Uhr vom NZZ-Format zum Thema «Krimi & Küche» mit einem kulinarischen Ausflug in das «Schlaraffenland der Emilia-Romagna».

CNN und BBC zeigen inzwischen in Live-Schaltungen aus Washington US-Präsident Barack Obama und aus London den britischen Premier David Cameron, die Mandelas gewaltige Lebensleistung würdigen. Korrespondenten berichten, in den Studios sitzen Experten und zeichnen den Weg des grossen südafrikanischen Versöhners nach. Auf Fernsehen SRF werden unterdessen leckere Speisen zubereitet.

Gewiss, man darf und soll die Mittel internationaler TV-Sender nicht auf die Schweiz umlegen und hier gleiches verlangen. Aber vielleicht hätte man zwischen «Aeschbacher» und «NZZ-Format» einen kurzen Mandela-Schwerpunkt setzen oder allerwenigstens die aktuelle «Breaking News» als Rollband über den Sender laufen lassen können.

Nichts davon. Endlich, nach über einer quälend langen Stunde um 23.59 Uhr die «Tagesschau Nacht» mit einem mehrminütigen Mandela-Beitrag. Alles genau nach Programmschiene. Soviel zum News-Verständnis eines Senders, wenn ein Jahrhundertpolitiker stirbt.


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3 Meinungen

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    am 6.12.2013 um 15:24 Uhr
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    Ach‘ wissen Sie Herr Lehmann, als Kennedy erschossen wurde, haben wir es durch das Schweizer Staatsfernsehen erst am andern Tag erfahren – lol
    Die haben also in den letzten 50 Jahren durchaus Fortschritte gemacht. Ich frage mich ob das Schweizer Fernsehen wenigsten im 2018 die Archive bezüglich der Polizeikrawalle um das Globus-Providurium endlich öffnet, um die Verantwortlichen offiziell auszumachen? Es gäbe einen TV-Bericht vom 2. Stock des Hotels Central der nie veröffentlich werden durfte und vielleicht auch vernichtet wurde… – Stalin lässt grüssen!

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    am 8.12.2013 um 10:01 Uhr
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    Lieber Jürg, Du erwartest doch nicht im Ernst, dass das Schweizer Fernsehen sein Programm für eine aktuelle Nachrichtensendung über den Haufen wirft. Das hiesse ja, dass das SF ein Nachrichten- und kein Unterhaltungsmedium wäre. Mir kommen auf Anhbieb mindestens ein Dutzend Orte in den Sinn, auf denen ich eher nach aktuellen Nachrichten fahnden würde als im Schweizer Kanapee-TV.

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    am 9.12.2013 um 17:59 Uhr
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    BRAVO, dass das Schweizer Fernsehen keine Breaking News produziert hat. Nelson Mandela ist mehr wert, als eine billige Schnellschlagzeile zu unpassender Zeit, welche zwar dem heutigen Zeigeist entspricht. MANDELA SOLLTE NACHHALTIGER IN UNSREN HIRNEN VERBLEIBEN?
    Hand aufs Herz, wer von den Schlagzeilen-Junkies erinnert sich im neuen Jahr an den guten alten Nelson, der so stark dem Norman Freeman gleicht 😉

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