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250'000 demonstrieren am 24. Dezember 2011 gegen Israels Regierung und die Ultra-Orthodoxen © rt

Israel: Vom Sieg zur selbstverursachten Niederlage

Christian Müller /  Historiker wissen es: Langjährige Besetzungen besiegter Länder zerstören die besetzten Länder, aber auch die Besetzer selbst.

Schon das Römische Reich ist (unter anderem) daran zugrunde gegangen, dass es zu gross war und weite Gebiete nur mit militärischer Besetzung unter Kontrolle halten konnte. Oder auch die Sowjetunion, die von den besetzten Ländern in Ostmitteleuropa wirtschaftlich zwar auch profitieren konnte, letztlich aber ausblutete und innere Erneuerungsprozesse gleichzeitig verunmöglichte.

Israel macht den gleichen Fehler

Das jüngste Beispiel ist Israel. Die schon über vier Jahrzehnte andauernde Besetzung der Westbank und des Gazastreifens, der militärische und polizeiliche Aufwand der Unterdrückung der Palästinenser, das sich – auch im buchstäblichen Sinn des Wortes – Einmauern und Abschotten, all das kostet Israel Geld, viel Geld. Noch schlimmer aber sind die innerstaatlichen Folgen: die für die heranwachsende junge Intelligenz unabdingbare Offenheit des Landes ist nicht mehr gegeben und führt zu einem immer schnelleren «Brain Drain», zur Auswanderung der jungen Akademiker und neuerdings sogar der gut ausgebildeten Facharbeiter in die USA, nach Europa und – man staune – sogar nach Russland. Die ultra-orthodox-jüdischen Gruppierungen umgekehrt finden in der zunehmend enttäuschten und frustrierten Bevölkerung immer mehr Zuspruch, wodurch viele – bei uns selbstverständliche – Bürgerrechte wieder verloren zu gehen drohen. Öffentliche Verkehrsmittel etwa mit getrennten Sitzplätzen für Männer und Frauen sind bereits wieder Alltag, Schwule und Lesben müssen ebenfalls auswandern, wenn sie auch nur halbwegs frei leben wollen. Die Kluft zwischen Reich und Arm ist grösser als in allen anderen Ländern der Welt und nimmt ständig zu. Jeder vierte Israeli lebt in totaler Armut. Selbst Universitätsabgänger gehören mittlerweile zum sogenannten Prekariat, zu jener Bevölkerungsschicht, die zum Beispiel ihre Kinder nicht mehr ordentlich zu schulen vermögen.

Die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Regierung nimmt dramatisch zu. An den Demonstrationen im letzten Sommer nahmen – auch von Regierungsseite unwidersprochen – 450’000 Personen teil. Das sind 7 Prozent der Bevölkerung! Man stelle sich in der Schweiz eine Demonstration von 7 Prozent der Bevölkerung vor: das wären 500’000 Teilnehmer!

Wachsender Extremismus in Israel

Noch lebt der Staat Israel wirtschaftlich halbwegs sicher – dank der Unterstützung aus den USA, jedes Jahr in Miliardenhöhe. Aber auch in Amerika ist ein Umdenken im Gange. Nicht nur weil auch die USA sparen müssen. Es entstehen auch immer mehr jüdische Vereinigungen, die ihren Glaubensbrüdern in Israel deutlich zu verstehen geben: so nicht. Und seit sich ultra-orthodoxe Juden aus Israel erlauben, ihren Glaubensbrüdern jenseits des Atlantiks mangelnde Moral vorzuwerfen, weil sie zum Beispiel die Gleichberechtigung der Frau akzeptiert und verinnerlicht haben, geht auch manchem US-Juden ein neues Licht auf.

Trotzdem sind kritische Stimmen zu Israel aus den USA immer noch selten. Dass Obama – in krassem Gegensatz zu allem, was er in seiner berühmten Kairoer-Rede in Aussicht gestellt hatte – vor der Nibelungen-Treue der Republikaner und der evangelikalen Kirchen zu Israel buchstäblich in die Knie gegangen ist und die völkerrechtswidrige Siedlungspolitik Israels nur noch sehr schonend kritisiert, ist mehr als nur ein Hinweis darauf, wo die Interessen der Mächtigen in den USA sind. Aber die Stimmen, die die Situation im Nahen Osten nach genauer Beobachtung heute differenzierter beurteilen und den zunehmenden Fundamentalismus in Israel nicht einfach «höflich» zu übersehen bereit sind, mehren sich. Und die Analysen kommen immer öfter zum Schluss, dass Israel nach dem spektakulären Sieg über die Streitkräfte der umliegenden Länder im Jahr 1967 durch die lange Zeit der völkerrechtlich mit nichts zu rechtfertigenden Besetzung der eroberten Gebiete recht eigentlich zum Verlierer geworden ist.

Nicht zum ersten Mal: «Foreign Affairs»

Zu den Publikationen, die sich das eine oder andere Mal einen Israel-kritischen Bericht oder Kommentar erlauben, gehört die hochrenommierte Zeitschrift «Foreign Affairs». Sie wagte es schon Anfang 2010, eine detaillierte Analyse des ehemaligen Präsidenten-Beraters Zbigniew Brzezinski zu publizieren, in der dieser zum Schluss kommt, der israelisch-palästinensische Konflikt sei – vereinfacht ausgedrückt – nicht die Folge der Probleme im Nahen Osten, sondern deren Ursache. (Siehe unten die entsprechende Passage des Artikels, in englischer Sprache.)

In der neusten Ausgabe der zweimonatlich erscheinenden Zeitschrift «Foreign Affairs» nun ist die Analyse von Ronald R. Krebs abgedruckt, eines jungen Professors für Politische Wissenschaften an der Universität Minnesota, in der detailliert auf die negativen Auswirkungen der langjährigen Besetzung palästinensischer Gebiete aufmerksam gemacht wird. Die Analyse ist lesenswert, auch bei uns: Ronald R. Krebs: Israel’s Bunker Mentality. (Der Text darf mit freundlicher Genehmigung von «Foreign Affairs» bis Ende Juni 2012 auf infosperber in extenso publiziert werden, was Seitens infosperber bestens verdankt wird. Siehe das pdf-Attachment unten.)


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

Zum Infosperber-Dossier:

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Atommacht Israel und ihre Feinde

Teufelskreis: Aggressive Politik auf allen Seiten festigt die Macht der Hardliner bei den jeweiligen Gegnern.

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