Hugo Chávez: Idol oder Teufel

Erich Gysling © zvg

Erich Gysling /  Als Reise-Organisator hatte ich hautnah mit Sympathisanten und Gegnern des Chávez-Regimes zu tun. Der Graben dürfte sich vertiefen.

Niemand konnte in den letzten 14 Jahren durch Venezuela reisen, ohne mit dem Phänomen Hugo Chávez konfrontiert zu werden. Es gab und gibt wohl weiterhin keinen Venezolaner, keine Venezolanerin, der oder die da nicht eine kristallklare Meinung hat: ein Idol für die Einen, ein Teufel oder zumindest ein Diktator für die Anderen.
Wohlgesinnte Regionen hat Chávez bevorzugt
Ich muss da einflechten: ich habe eine zumindest theoretische Interessensbindung an dieses Land, weil ich in Venezuela mit gewisser Regelmässigkeit so genannte Bildungsreisen organisierte. Sie führten in echt wilde Regionen wie den Casiquiare, bekannt auch als Alexander von Humboldt-Wasserweg. Um den Casiquiare zu queren, muss man ein Expeditionsboot ausrüsten lassen (im bereits Caracas-fernen Puerto Ayacucho), man muss auf den letzten Rest von Komfort verzichten, erlebt dafür eine beispiellose Einsamkeit, aber man ist auch darauf angewiesen, dass das Boot mit ein paar Hängematten so ausgerüstet wird, dass es 20 Tage ohne Zwischenversorgung verkehren kann. Im Klartext: das Boot fährt dann, ohne «Verrückte» aus Europa, fünf Tage den Orinoco hinauf, dann mit uns fünf Tage durch den Casiquiare vom Orinoco zum Rio Negro und muss danach retour bis Puerto Ayacucho, ohne Aussicht auf logistische Hilfe irgend welcher Art.

So etwas zu organisieren ist, respektive war (mache ich nicht mehr, ist mir zu mühsam geworden) immer eine Frage des Vertrauens auf das Chávez-Regime. Wieso? Es war nie ganz klar, ob das Regime die Region um Puerto Ayacucho mit genügend Treibstoff versorgen würde, um eine total 20tägige Fahrt zu garantieren. Bei meinen Expeditionen klappte es immer ganz knapp. Die Ungewissheit war immer da – weil die Regierung in Caracas Regionen, in denen gegen Chávez gestimmt worden war (es gab ja immer Abstimmungen und Wahlen), bei der Lieferung von Diesel und Benzin benachteiligte, die pro-Chávez-Regionen dagegen bevorzugte.
Alphabetisierungskampagnen und «Barfuss»-Ärzte
Wenn nun aber die gut bürgerlichen Kreise innerhalb der venezolanischen Gesellschaft behaupteten, Chávez sei ein Diktator, sei nicht anders als Fidel Castro in Kuba oder gar ein alter Bolschewist in der ebenso alten Sowjetunion, so schossen sie weit über’s Ziel hinaus. Chávez beeinflusste zwar innerhalb seines Machtkreises – in Grenzen – die Justiz und machte sich bei den unteren Volksschichten durch die (bisweilen tatsächlich willkürliche) Vergabe von sozialen Geschenken beliebt, aber im Grossen und Ganzen hielt er sich an die Spielregeln der Demokratie. Die Opposition konnte ihm vorwerfen, er beeinflusse die Massen durch seine populistischen Auftritte im Fernsehen, aber Chávez ging nie so weit, dass er die entsetzlich oberflächlichen, kommerziellen, der Opposition nahe stehenden TV-Sender total verbannt hätte. Es gab einige Abschaltungen, aber das führte nicht zur Gleichschaltung.
Chávez führte, das ist eigentlich das Wesentlichere, soziale Programme für die unteren Schichten ein, die insgesamt zur Verbesserung der Lage der früher gravierend Benachteiligten führte: Alphabetisierungs-Programme, Gesundheitsprogramme (tausende kubanische «Barfuss-Aerzte» in Regionen, in denen es vorher null an Versorgung gegeben hatte), Bau von Sozialwohnungen etc. Wer genau hinschaute, konnte, klar, eine gewisse Partei-Willkür erkennen: Begünstigt wurden, wiederum, Regionen und Stadtgebiete, in denen die Mehrheit bei den Wahlen und Abstimmungen zugunsten von Chávez votiert hatten, benachteiligt die anderen.
Hemmungslose Bereicherungen früherer Regierungen
Und letzten Endes konnten und können die Gegner des begnadeten Populisten Chávez auch immer darauf hinweisen, dass die Wirtschaftpolitik seit 1999 (Beginn der ersten Amtszeit von Chávez) im statistischen Resultat äusserst problematisch ist: negative Handelsbilanz, sinkende Produktion im Erdölsektor, Schulden. Nur ist das für die grosse Masse der immer noch Armen nicht wesentlich (30 Prozent weniger unterhalb der Armutsgrenze allerdings als vor 13 Jahren!). Sie weisen, und das muss man eben auch anerkennen, schlicht darauf hin, dass alle früheren Regierungen, die hoch gelobten Demokraten an der Spitze des Staates, für sie null und nichts getan hätten, dass alle vorherigen Präsidenten sich vor allem durch eine hemmungslose Bereicherung im Persönlichen, durch Korruption insgesamt, «ausgezeichnet» hätten.

Was also bleibt von Chávez? Er hat den Armen Hoffnung gegeben, auch etwas Fortschritt, der Mittelschicht und der Oberschicht aber Anlass zu einer tiefgreifenden Frustration.

Als Europäer, als Europäerin würde man da wohl das Fazit ziehen: wir müssen einen Mittelweg suchen. Das wird in Venezuela nicht geschehen. Die Gräben werden bleiben, sie werden sich, da der Charismatiker Chávez fehlt, wohl eher noch vertiefen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor organisierte „harte“ Bildungsreisen in Venezuela und kam dabei in hautnahen Kontakt mit Sympathisanten und Gegnern des Regimes. Er musste immer bangen, ob das Regime, dort, wo seine Expeditionen stattfanden, für genügend Treibstoff-Nachschub sorgen würde.

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