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Mal Kriegshetzer, mal Propagandist, mal Landesvater - Kim Jong-un zeigt verschiedene Gesichter. © AK Rockefeller/flickr/cc

Diktator schreit nach Krieg, das Volk nach Nahrung

Peter G. Achten /  Das Kriegsgeschrei Kim Jong-uns verstellt den Blick auf den real existierenden Sozialismus im nordkoreanischen Arbeiterparadies.

Während vor allem westliche Medien hyperventilierten, die Spannungen würden steigen, und Politiker aller Couleur so taten, als ob die Welt kurz vor dem ersten Atomkrieg stünde, beging die Volksrepublik wenig martialisch den «Tag der Sonne», den Geburtstag des Dynastie-Gründers Kim Il-sung, mit einem Marathon in Pjöngjang samt internationaler Beteiligung und einem Volksfest. Das hin und wieder eine Rakete gestartet und ein «Bömbchen» getestet wird, das allerdings liegt stets im Bereich des Möglichen. Kim Jong-un lässt sich nicht lumpen.

Der junge General jedenfalls hat Vater und Grossvater in einem bereits übertroffen: Er beherrscht die hysterische Propaganda in Perfektion. Die Welt und vor allem der Erzfeind USA horchen auf. Das war und ist offenbar die Absicht. Mit Atombomben drohen als höchste Form der psychologischen Kriegsführung sozusagen.

Ausländische Touristen von Pjöngjang begeistert

Ausländische Touristen kehren derweil total begeistert zurück. Zeichen den Wohlstandes wollen sie in der Hauptstadt gesehen haben. «Ganz anders», meinte ein amerikanischer Tourist, «als uns die Lage von unserer Regierung und unseren Medien geschildert wird». Einige Ausländische Experten andrerseits tagträumen jenseits aller Wirklichkeit bereits von der «neuen nordkoreanischen Mittelklasse».

Pjöngjang ist tatsächlich kein potemkinsches Dorf. Allerdings leben in der nordkoreanischen Hauptstadt nur jene, welchen die Führung absolut vertraut. Das ist die Elite aus Partei, Armee, Wissenschaft und Geheimdienst, die Kim Jung-un und die ihn umgebende Führung bei Laune halten müssen. Schliesslich geht es um den Machterhalt. In Nordkorea gibt es grob gesehen drei Schichten:

  • Die erste setzt sich zusammen aus vielleicht zwei bis drei Millionen absolut vertrauenswürdigen Nordkoreanern und Nordkoreanerinnen.
  • Die zweite Schicht besteht aus der grossen Mehrheit der Arbeiter, Bauern und Intellektuellen. Das Fussvolk sozusagen, dem das Regime nicht hundertprozentig über den Weg traut.
  • Die letzte Schicht schliesslich sind die Illoyalen, Volksfeinde, Abtrünnigen, Verräter und deren Familien, denn es gilt Sippenhaft. Experten schätzen diesen Anteil auf rund ein Viertel des 25-Millionen Volkes. Pjöngjang ist mit andern Worten die Krone des real existierenden Sozialismus mit Vorrechten, von denen das gemeine Volk in den Provinzen nur träumen kann.

Ein wirtschaftlich wenig erfreuliches Bild

Nordkorea also ist nicht Pjöngjang. Gesicherte statistische Daten über das Land sind zwar nicht erhältlich, doch aus dem, was südkoreanische Universitäten, die Asiatische Entwicklungsbank, andere Internationale Organisationen sowie Geheimdienste zusammen getragen haben, ergibt sich ein wirtschaftlich wenig erfreuliches Bild. Angefangen beim fundamentalen Bedürfnis nach Nahrung.

Nordkorea hat wenig Anbaufläche und dazu oft Trockenheit und Überschwemmungen. Das haben jedoch auch andere Länder, ohne das Volk Hunger leiden zu lassen. Eine verfehlte, planwirtschaftlich gelenkte Landwirtschaft trägt zur desolaten Versorgung bei. Dazu kommt ein Verteilungssystem, das im Zuge der Militär-zuerst-Politik die Streitkräfte bevorzugt. Die grosse Hungersnot in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre hat fast einer Million Menschen das Leben gekostet. Auch heute herrscht noch Lebensmittelknappheit.

Nach UNO-Angaben sind ein Viertel der Bevölkerung unterernährt. Betroffen sind vor allem Kinder und Alte. Nordkorea hängt am Tropf internationaler und chinesischer Lebensmittelhilfe. Nordkoreaner sind durchschnittlich sechs Zentimeter kleiner als Südkoreaner. Die mittlere Lebenserwartung liegt mit etwas über 60 Jahren sehr tief.

Schattenwirtschaft ermöglich das Überleben

Die Infrastruktur von Industrie und Transport ist in einem desolaten Zustand. Die Energieversorgung ist prekär, die Produktivität gering. Ein Nordkoreaner produziert gemessen am Brutto-Inlandprodukt durchschnittlich zehnmal weniger als ein Südkoreaner. Dreissig bis vierzig Prozent des Staatshaushaltes wird für die 1,3- Millionen-Mann-Armee aufgewendet. Nordkorea überlebt, weil eine Schattenwirtschaft aus privaten Händlern, Bauern mit kleinen Gemüsegärten, kleine und mittlere Unternehmer, Werkstattbesitzer, Restaurantbetreiber und Schmuggler aktiv ist.

Das ungesetzliche Treiben könnte jederzeit unterbunden werden, weil illegal, doch es wird zeitweise stillschweigend toleriert. Selbst schlecht gemanagte Staatsbetriebe werden plötzlich kreativ und mischen mit. In den letzten zehn Jahren ist so nach Berechnungen von Ökonomen das Brutto-Inlandprodukt (BIP) jährlich um 1% bis 1,5% gewachsen. Das BIP per capita wird zwischen 600 (nominal) und 1700 Dollar (PPP kaufkraftbereinigt) geschätzt.

Oft sind die Grenzen zwischen privat und staatlich in dieser informellen Wirtschaft nur schwer zu ziehen. Alles ist möglich, und alles ist extrem korrupt. Mit Geld lässt sich alles und jedes kaufen. Nicht zu übersehen ist auch, dass das oft als «Eremiten»-Reich apostrophierte Land längst nicht mehr so hermetisch von der Aussenwelt abgeschnitten ist, wie es den Anschein macht. Die Elite verfügt zwar noch nicht über Internet und weltweit durchschaltbare Handys. Aber ein Intranet und Mobilfunknetz mit bereits einer Million Handys lassen die Informationen im Innern des Landes fliessen.

Reform-Versuche im Keim erstickt

Von wirtschaftlichen Reformen, wie sie viele Experten und Beobachter vom Jung-Tyrannen Kim Jong-un erwarten, ist freilich noch nichts zu sehen. In den letzten zehn Jahren gab es verschiedene Reform-Versuche in der Landwirtschaft und der Industrie, die aber alle wieder im Keim erstickt worden sind. Die Sonderwirtschaftszonen sind nur dort auf tiefem Niveau erfolgreich, wo Chinesen investieren. Die Währungsreform vor vier Jahren hat das private, also illegal angehäufte Kapital mit einem Federstrich vernichtet, was wohl auch das Ziel war.

Nordkorea jedoch ist ein potentiell sehr reiches Land. Vor allem Bodenschätze und seltene Mineralien sind reichlich vorhanden. Dazu kommt ein Heer disziplinierter und gut ausgebildeter Arbeiter, Bauern und Hochschulabsolventen. Der Traum von einem Billig-Lohn-Land par excellence. In Kaesong am Rande der Waffenstillstandszone generieren bereits jetzt südkoreanische Firmen zum ökonomischen Nutzen sowohl Pjöngjangs als auch Soeuls satte Exporte.

All diese Vorteile freilich sind mit der ständigen atomaren Drohkulisse kaum in der Wirklichkeit umzusetzen. Devisen besorgt sich das Land derzeit vornehmlich mit Export von Rohstoffen nach China, Waffenhandel, den Löhnen von Wanderarbeitern, dann aber auch mit einer Reihe von illegalen Geschäften vom Drogenhandel über Falschgeld bis hin zu gefälschten Zigaretten.

Nach wie vor enge Verzahnung mit China

China ist mit Nordkorea zwar nicht mehr derart befreundet, wie zur Zeit von Kim Il-sung, dem 1994 verstorbenen «Präsidenten in alle Ewigkeit». Wenn die Freundschaft auch nicht mehr wie einst so «eng ist wie Lippen und Zähne» ist, so spielt das Reich der Mitte wirtschaftlich noch immer die Hauptrolle, obwohl das atomare Säbelrasseln des Erb-Diktators Kim Jong-un auch in Peking extrem schlecht ankommt. China liefert rund rund fünfzig Prozent aller Lebensmittel und 90 Prozent der Waren des täglichen Bedarfs, ist für 85 Prozent aller Erdöllieferungen, für 90 Prozent aller Auslandinvestitionen und drei Viertel allen Handels verantwortlich.

Peking hat zwar schon Kim Il-sung, dann dessen Sohn Kim Jong-il und nun dem Enkel Kim Jong-un nahegelegt, doch nach chinesischem Vorbild zu modernisieren. Motto etwa: Marktreform und Machterhaltung. Doch die Situation Chinas bei Beginn der Reform 1979 durch Deng Xiaoping ist total verschieden von jener Nordkoreas 2013, und zwar wirtschaftlich, sozial und führungsmässig. Kim und seine Umgebung wollen auf Nummer sicher gehen. Das wiederum heisst, dass sie die Partei, die Armee und den Geheimdienst von Reformen überzeugen müssen. Und überzeugen heisst vor allem, die Macht und die damit verbundenen Privilegien erhalten.

Vollmundige Versprechen Kim Jong-uns

Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es zunächst einmal Brot beziehungsweise Reis, dann Spiele und schliesslich atombewaffnete Raketen. Der ehemalige Premier Nordkoreas formulierte die Ziele am Volkskongress in Pjöngjang im März folgendermassen: «Mit ultramodernen, wettbewerbsfähigen technologischen Gütern werden Zulieferer- und Enprodukt-Exportmärkte bedient». Auch die eigene Bevölkerung solle nicht vergessen werden, «sodass keine Wünsche mehr offen bleiben».

Kim Jong-un ging in der ökonomischen Propaganda noch einen Schritt weiter. Nordkorea, befand der junge Mann, müssen eine «Wissensgesellschaft» werden in der «ausländische Investitionen breiten Raum erhalten». Diese Versprechen sind so vollmundig, wie die Säbelrassel-Propaganda mit Ausdrücken wie «die USA, eine Nation von Kannibalen», «die USA von moralischer Lepra befallen» oder man werde «Soeul und Amerika in einem Flammenmeer ersticken».

Der besondere Propaganda-Hintergrund

Die neue, offizielle Parteilinie heisst vorerst «Leichtindustrie und Atomwaffen». Was nicht unterschätzt werden sollte, ist die Tatsache, dass vermutlich die Mehrheit des Volkes – abgeschnitten von internationalen Informationen und abhängig von der heimischen Propaganda – sich von den USA, Südkorea und Japan tatsächlich bedroht fühlt. Der Mythos vom ausgewählten, von Feinden umgebenen reinrassigen Volk wird nicht erst von den Kommunisten gefördert. Nicht zu vergessen die Vergangenheit, wo China seit Jahrhunderten und vornehmlich Japan im 20. Jahrhundert eine unrühmliche Rolle spielten. Vor diesem Hintergrund ist die für ausländische Ohren oft frivol-apokalyptisch formulierte nordkoreanische Propaganda zu interpretieren.

Auf Atomwaffen wird der junge Kim nie verzichten. Schon sein Vater hat die Lektion des Nahen Ostens mit Saddam Hussein gelernt. Reformen werden erst kommen, wenn die Kontrolle des Volkes gesichert ist, sowie Partei, Armee und Geheimdienst überzeugt werden können, dass ein wirtschaftliches Schlaraffenland für alle keine destabilisierende Wirkung hat. Kim Jong-un versprach ja schon zum Neuen Jahr, 2013 werde «ein Jahr der grossen Schöpfungen und Veränderungen, die einen radikalen Umschwung bewirken» und das Land zu einem «wirtschaftlichen Riesen» machen werde.

China, Südkorea und den USA wird es recht sein, denn an einer Implosion der Tyrannei in Nordkorea hat niemand ein wirkliches Interesse.


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