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Altes Buch – neu zu lesen: Philip Roth's Roman aus dem Jahre 2004 © Pinterest.com/CC

«Die Kunst des Schwindels»

Red. /  Hat US-Autor Philip Roth die Ära Trump vorweggenommen? 2004 beschrieb er den fiktiven Wahlsieg eines «America First»-Kandidaten.

Charles Lindbergh, der Atlantikflieger, bewunderte Nazi-Deutschland und focht unter dem Slogan «America First» für amerikanische Neutralität im Zweiten Weltkrieg. 2004 hat der US-Schriftsteller Philip Roth ihn zur Hauptfigur seines Romans «The Plot Against America» gemacht: In einer Was-wäre-wenn-Geschichte wird Franklin Roosevelt im Jahre 1940 ab- und Charles Lindbergh zum Präsidenten gewählt. Aus der Perspektive einer jüdischen Familie in Newark/New Jersey – seiner eigenen – erzählt Roth, was jener Umschwung bewirkte.

Wurde 2016 wahr, was 2004 als Fiktion erfunden wurde? Die Journalistin Judith Thurman hat Roth gefragt und per E-Mail eine Antwort erhalten, die im Magazin New Yorker publiziert wird. Nachstehend einige Auszüge.

Zum Vergleich von Roman und Realität
«Mein Roman wurde nicht als Warnung geschrieben. Ich versuchte nur mir vorzustellen, wie es für eine jüdische Familie wie meine, in einer jüdischen Gemeinschaft wie Newark, gewesen wäre, wenn wir 1940, am Ende der am klarsten antisemitischen Dekade der Weltgeschichte, von etwas auch nur annähernd Ähnlichem wie dem Nazi-Antisemitismus befallen worden wären. Ich wollte mir vorstellen, wie es uns ergangen wäre. Das bedeutete, dass ich zuerst eine amerikanische Regierung erfinden musste, die uns bedroht hätte. Was die Bedrohung durch Trump angeht, so würde ich sagen, dass das Furchterregendste – wie für die verunsicherten und verängstigten Familien in meinem Buch – darin besteht, dass er alles und jedes möglich macht, natürlich eingeschlossen die nukleare Katastrophe.»

Zum Vergleich Lindbergh-Trump

«Es ist leichter, die Wahl eines imaginären Präsidenten wie Charles Lindbergh zu verstehen als die eines wirklichen Präsidenten wie Donald Trump. Lindbergh war, bei allen Nazi-Sympathien und rassistischen Neigungen, ein grosser Fliegerheld, der bei seiner Atlantiküberquerung 1927 ungeheuren physischen Mut und fliegerisches Genie gezeigt hatte. Er hatte Charaker und Substanz und war zusammen mit Henry Ford weltweit der berühmteste Amerikaner seiner Zeit. Trump ist lediglich ein Schwindler. Das relevante Buch über seine amerikanischen Vorläufer ist Herman Melville’s ‹The Confidence Man‹, sein finster-pessimistischer, kühn-phantasievoller letzter Roman, der geradesogut «The Art of the Scam» (Red: «Die Kunst des Beschisses» – ein Bezug auf Trumps «The Art of The Deal») hätte heissen können.»

Zu Donald Trump

«Es ist nicht Trumps Charakter, der menschliche Typus – der Liegenschaftenhändlertypus, der nackte, gefühllose Killerkapitalist – der die Vorstellung übersteigt. Es ist Trump als Präsident der Vereinigten Staaten»

«Während der Amtszeiten von Richard Nixon und George W. Bush fand ich als Bürger vieles alarmierend. Doch was auch immer ich als ihre Beschränktheit in Charakter oder Intellekt gesehen haben mag – nichts war so menschlich armselig wie Trump: unwissend über Staat, Geschichte, Wissenschaft, Philosophie oder Geschichte, unfähig, Subtilität oder Nuance auszudrücken oder zu erkennen, frei von jedem Anstand und mit einem Vokabular von siebenundsiebzig Worten, das wir eher Jerkish als Englisch nennen». (Red: Jerkish von jerk – «Lümmel»).

Zur Rolle der Schriftsteller

«Anders als osteuropäischen Schriftstellern in den siebziger Jahren wurden amerikanischen Schriftstellern nicht die Führerausweise entzogen oder ihren Kindern verboten, sich in akademischen Stätten einzuschreiben. Schriftsteller hier leben nicht in einem totalitären Polizeistaat, und es wäre unklug so zu tun, es sei denn – oder bis – es zu einem echten Angriff auf unsere Rechte kommt und das Land in Trumps Lügenstrom versinkt. Vorderhand denke ich, dass die Schriftsteller weiterhin kraftvoll die enorme amerikanische Freiheit nutzen werden, zu schreiben, was sie wollen, sich zur politischen Situation zu äussern oder sich zu organisieren, wie sie es für nötig halten.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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4 Meinungen

  • am 30.01.2017 um 02:49 Uhr
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    Roths Roman war Produkt einer kranken Phantasie – Lindbergh hatte nicht im mindesten den Wunsch, in den USA eine Nazidiktatur zu errichten.
    Aber offenbar hat Roth zur Anti-Trump-Hysterie nichts Substantielles beizutragen. Der abgedroschene «intellektuelle» Dünkel – «wir haben aber den größeren Wortschatz und verwechseln Wortschatz mit Intelligenz» – das bringt’s doch wohl nicht.

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  • am 30.01.2017 um 10:15 Uhr
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    @Rainer Möller. Natürlich war Roths Roman reine Phantasie, was denn sonst? Ihm aber anzudichten er habe damit den Wunsch nach einer Nazidiktatur ausgedrückt ist so absurd wie Ihre naive Weltsicht.

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  • am 30.01.2017 um 20:29 Uhr
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    Ich habe den Roman von Philip Roth auch gelesen und verfolge jetzt auch die Politik von Trump, jetzt die absurden Einreisesperren gegen Angehörige von muslimischen Staaten. Sogar Bundesrat Didier Burkhalter kritisierte dieses Dekret von Trump.

    Kaum Beachtung fand die Meldung von Dutzenden Toten bei dem kürzlichen US-Angriff im Jemen, bei dem 30 Menschen umgekommen sind.

    Dieser Angriff zeigt, die neue US Regierung von Donald Trump beteiligt sich also weiter am Krieg in Jemen. Sicher auch am Krieg in Afghanistan, im Irak, in Libyen und in Syrien. Auch unter Trump werden wahrscheinlich die aussergerichtlichen Hinrichtungen mit Drohnen in verschiedenen Ländern wie unter Obama weitergeführt. Trotzdem die USA Krieg führt werden die Rüstungsexporte der Schweiz nach den USA sicher nicht eingestellt. Seit 1973 wäre es klar verboten Kriegsmaterial an Staaten zu liefern die in Kriege verwickelt sind, wie es heisst, wenn das «Bestimmungsland in einen internen oder internationalen bewaffneten Konflikt verwickelt ist.»

    Die Nationalbank, Grossbanken und unsere Pensionskassen werden unter Trump sicher weiter in US-Anlagevehikel investieren die ihr Geld auch in Firmen platzieren die Rüstungsgüter herstellen, die sogar Atombomben, Streubomben und Antipersonenminen produzieren.

    Trump führt Krieg und die Schweiz liefert ihm Waffen. Die Bundesräte lamentieren vermutlich weiter gegen die stupiden Einreisesperren der USA und segnen weiter Waffenexporte nach den USA ab.

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  • am 6.02.2017 um 12:22 Uhr
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    Sehr treffender Kommentar von Heinrich Frei. Dass ein US-Präsident die Interventions-Kriegspolitik der USA nicht einfach einstellen kann (nicht dass ich dem Herrn Trump dies je geglaubt hätte), ist nichts als logisch. Die gesamte US-Wirtschaft (und damit verbunden viele westliche Volkswirtschaften) basiert beinahe ausschliesslich auf dem Militär- und Rüstungskomplex.

    Kriege erzeugen –> Waffen an alle Beteiligten verkaufen (die sind dann verschuldet = leicht kontrollierbar) –> am Ende als «grosser Retter» selber intervenieren und bei Gelegenheit noch ein wenig Öl/GAS/GOLD aneignen.

    Würde Amerika dies von heute auf morgen einstellen, hätte das ein Wirtschaftseinbruch von katastrophalem Ausmasse zur Folge.

    Buch: Das Ende der Megamaschine – Fabian Scheidler

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