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Der Hauptsitz des chinesischen Fernsehens CCTV in Beijing © Ole Scheeren

Chinas rasantes Tempo fordert die USA und Europa heraus

Urs P. Gasche /  China befindet sich auf der Überholspur. Die Zahlen sprechen für sich. Man muss sie zur Kenntnis nehmen.

Über die grossen Probleme im Land mit 1,4 Milliarden Einwohnern sind wir ziemlich gut informiert: Immobilienkrise, Rückgang und Alterung der Bevölkerung, Jugendarbeitslosigkeit, Überwachungsstaat, Unterdrückung von Minderheiten.

China wird auch vorgehalten, mehr als die Hälfte des weltweiten CO2-Ausstosses aus der Verbrennung von Kohle zu verursachen.

Pro Kopf der Bevölkerung sehen die gesamten CO2-Emissionen allerdings anders aus: Rund 8 Tonnen pro Einwohner in China und Deutschland, 14 Tonnen pro Einwohner in den USA.

Weniger in den Medien und in den Köpfen sind die grossen Leistungen Chinas. Sie werden die Weltwirtschaft und die Geopolitik der kommenden Jahre massgeblich beeinflussen.


Einschlägige Fakten

China 

► produziert 70 Prozent aller Elektro-Autos der Welt.

► produziert 70 Prozent aller Lithium-Ionen-Batterien der Welt. Sie werden vor allem für E-Fahrzeuge und wiederaufladbare Batterien eingesetzt.

Weltweite Batterie-Produktion.ElementsVisualCapitalist
An der weltweiten Produktion von Lithium-Ionen-Batterien hatte China 2024 einen Marktanteil von 70 Prozent.

► produziert 65 Prozent der weltweit installierten Leistung neuer Wind- und Photovoltaik-Anlagen.

► produziert 70 Prozent aller zivilen Drohnen weltweit; auch einen grossen Teil der militärischen Drohnen.

► produziert 33 Prozent aller Industrie-Roboter weltweit.
Im Jahr 2024 waren 295’000 oder 57 Prozent aller weltweiten Industrie-Roboter in China installiert. Das waren sechsmal mehr als in den USA mit 50’000. 

► produziert im Jahr 2024 mehr Handelsschiffe, als die USA in den letzten 80 Jahren herstellten.

Neuster Hochgeschwindigkeitszug in China.Xinhua
Neuster Hochgeschwindigkeitszug in China

► baute mehr Hochgeschwindigkeitsstrecken als alle anderen Länder zusammen. Das Netz erreichte 2025 über 50’000 Kilometer. Das sind 70 Prozent des globalen Netzes. Spanien, Frankreich, Italien und Deutschland bringen es zusammen auf rund 12’000 Kilometer.

► produziert weniger als 1 Prozent aller Passagierflugzeuge. Es dominieren Airbus und Boeing ­– auch innerhalb Chinas.


Weltweiter Absatz

  • Die Massenproduktion,
  • der enorme Wettbewerb unter den Produzenten in China,
  • die nicht genügende Nachfrage in China selber,
  • eine staatliche Förderung (vergleichbar mit der in den USA und in Europa)

sorgen dafür, dass China diese Industrieprodukte der neusten Technik zu unschlagbaren Preisen vor allem nach Asien, Afrika und Lateinamerika exportieren kann. Das trägt dort zu einer weniger klimaschädigenden Entwicklung bei.

Der chinesische Konzern BYD verkaufte im Jahr 2025 mehr E-Autos als der lange führende US-Konzern Tesla. Weil Trump auf E-Autos aus China 2024 einen Zoll von 100 Prozent verhängte, konzentriert sich BYD auf Märkte wie Mexiko oder Thailand.

Was Chinas Position noch weiter stärkt: China nutzt die «wahrscheinlich 1,3-Billionen-Dollar-Einnahmen» aus dem grossen Handelsüberschuss, um seinen Handelspartnern günstige Kredite zu gewähren. Das kritisiert die  «Nationale Sicherheitsstrategie», welche die Trump-Regierung im November 2025 veröffentlichte. Darin rufen die USA namentlich Europa, Japan, Korea, Australien, Kanada und Mexiko dazu auf, Importe aus China zu begrenzen. Der Einfluss Chinas in diesen Weltgegenden ist den USA ein Dorn in Auge. 

Nachdem Kanada beschloss, jährlich 49’000 E-Autos aus China mit einem Vorzugszoll von 6,1 Prozent ins Land zu lassen, drohte Präsident Trump, Importe aus Kanada mit Zöllen von 100 Prozent zu belegen, sollte das Land auf diesen bescheidenen Deal mit China nicht verzichten.


Aufholjagd bei der KI

Die US-Tech-Konzerne Nvidia, Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta sind bei der sogenannten Künstlichen Intelligenz immer noch führend. Doch auch bei dieser Spitzentechnologie ist China am Aufholen. Zuerst sorgte DeepSeek für Aufsehen – ein KI-System auf Open-Source-Basis. Laut dem US-Think-Tank Information Technology & Innovation Fondation ist es eine Frage der Zeit, bis China die USA bei der KI einholt, wenn nicht sogar übertrifft (Infosperber vom 4. Juli 2025: Der Fight um Open-Source ist geopolitisch entbrannt).

Ende 2025 kaufte Meta das chinesische KI-Start-up-Unternehmen Manus mit Sitz in Singapur für rund zwei Milliarden Dollar. Kurz darauf erklärte Chinas Regierung, sie wolle prüfen, ob Manus gegen das Verbot von Technologie-Export aus China verstosse! 

Beijing hatte auch verhindert, dass Tiktok – eine ByteDance-Tochter mit Sitz in Singapur und Los Angeles – das Algorithmus-Herzstück den USA offenlegt. Deshalb bleibt ByteDance an Tiktok mit 20 Prozent beteiligt.


«Albtraumszenario» für die Pharmaindustrie

Bei der Herstellung und im Verkauf von Medikamenten waren die USA und Europa bisher weltweit führend. In Europa will die ertragsstarke Pharmabranche noch höhere Preise durchsetzen. In der Schweiz kassiert die Pharmaindustrie ein ganzes Viertel der Krankenkassenprämien (Spitalmedikamente inbegriffen). 

China könnte der Preistreiberei in den kommenden Jahren ein Ende setzen.

Beispiel Krebsmedikamente: Diese extrem teuren Arzneimittel sind für die Pharmabranche besonders lukrativ. Es wäre ein «Albtraum-Szenario», wenn es China gelänge, bei Krebsbehandlungen die Führung zu übernehmen, erklärte Leland Miller von der U.S.-China Economic and Security Review Commission

Der Albtraum könnte wahr werden. Nachdem China lange für das Herstellen günstiger Nachahmerprodukte (Generika) bekannt war, wird das Land unterdessen zum Entwicklungs- und Zulassungsort für neue Wirkstoffe. (Infosperber vom 9. Dezember 2025: «Pharmaland China stellt die USA bald in den Schatten»). 

Chinesisches Mediament gegen Lungenkrebs vor dem Durchbrucj. WION
Die US-Arzneimittelbehörde FDA nannte das chinesische Medikament Sunvozertinib einen «Durchbruch». Es hilft bei einem seltenen Lungenkrebs, gegen den die gängige Chemotherapie versagt.

Führende chinesische Pharmaforscher wurden in den USA ausgebildet. Trumps Ausländerpolitik erleichtert es China, selbst Forscher, die in den USA bereits etabliert sind, zurückzulocken. Für ihre Forschung finden sie in China sehr gute Bedingungen. Fast ein Drittel aller klinischen Medikamentenstudien weltweit wurden 2024 in China durchgeführt.

Laut «Nature Reviews Drug Discovery» wurden letztes Jahr bereits 39 aller weltweit zugelassenen Arzneimittel mit neuen Wirkstoffen zuerst in China zugelassen. Vor zehn Jahren waren es erst 5 Prozent. China hat damit sowohl Japan als auch Europa überholt.


China kann sich gegen die USA wehren

Angesichts der wirtschaftlichen Stärke Chinas musste Präsident Trump zurückkrebsen. Seine gegen China verordneten hohen Zölle musste er bald wieder zurücknehmen.

Trump erlaubte dem Chipkonzern Nvidia, komplexe Chips wieder nach China zu verkaufen.

Die US-Regierung verzichtete auf ein Verbot von Tiktok, obwohl der chinesische Mutterkonzern ByteDance immer noch ein Fünftel der Aktien besitzt.


«Wie wenig dies hierzulande registriert wird»

China-Kenner und -Experte Wolfgang Hirn stellte in seinem Buch «Der Tech-Krieg» schon 2024 fest: «Die USA sehe ich bei Künstlicher Intelligenz und Biotech (noch) vorne, während ich China im Bereich der Digitalisierung sowie dem weiten Feld von Energie und Verkehr an der Spitze der Entwicklung sehe.»

In einem Interview sagte Hirn:

«Mittelfristig wird China aus dem Handelskrieg eher gestärkt hervorgehen, weil es seine Investitionen in die neuen Technologien massiv verstärkt … Global gesehen besteht die Gefahr, dass sich zwei Technologiewelten entwickeln – eine westliche und eine chinesische. Es findet immer weniger Austausch unter den Wissenschaftlern beider Welten statt. Dabei bräuchten wir angesichts der grossen Menschheitsprobleme wie Klimawandel, Gesundheit und Ernährung mehr Zusammenarbeit unter den Wissenschaftlern und nicht weniger.»

«Europa ist abgeschlagener Dritter … Ich bin für ein strategisch unabhängiges Europa im Sinne von Emmanuel Macron. Aber diese Position ist derzeit in der EU nicht mehrheitsfähig.»

«Es überraschte mich, wie schnell China in vielen Technologien aufholte und weiter aufholt. Und noch mehr überrascht mich, wie wenig das hierzulande registriert wird.»

«Ohne Handy und WeChat-App wäre ich verloren»

«Welt»-Reporter Julius Fitzke berichtete kürzlich im «Magazin» von seiner jüngsten Reise nach China:

«Die Alleskönner-App WeChat ist heute für alles zuständig. Man bezahlt mit WeChat im Geschäft oder ruft sich ein Taxi. Im Restaurant greift man mit der App auf die Speisekarte zu und wählt am Bildschirm sein Essen aus. In einer öffentlichen Toilette muss ich mit WeChat ein Kästchen an der Wand aktivieren, woraufhin eine Armlänge Klopapier aus einem Schlitz fährt.

Ich kann mit der App Musik hören, mich von überdrehten Kurzvideos berieseln lassen, Babysitter buchen oder sogenannte HelloBikes freischalten – blaue Elektrofahrräder, die überall in der Stadt herumstehen.

Ohne Handy und WeChat-App wäre ich hungrig, verloren und ein stummer Analphabet. Es ist mein Zugang zur chinesischen Welt. Und für die chinesische Regierung ist es der Zugang zu den Menschen. Was immer sie sich schreiben, wohin auch immer sie fahren, was auch immer sie bezahlen: Die Partei ist dabei.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

Flagge_China

Chinas Innenpolitik

Hohe Wachstumszahlen; riesige Devisenreserven; sozialer Konfliktstoff; Umweltzerstörung; Herrschaft einer Partei

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