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Vertraulich... © HayDmitriy/Depositphotos

Transparenz hätte Katastrophe in Crans-Montana wohl verhindert

Urs P. Gasche /  Mit dem Stempel «vertraulich» lassen sich unterlassene Kontrollen, Fehlverhalten und Filz verbergen – nicht nur im Wallis.

Hätten die Walliser Behörden ihre amtlichen Kontrollberichte im Internet online stellen müssen, wäre schnell ans Licht gekommen, dass die Gemeinde Crans-Montana die Constellation-Bar gar nicht wie vorgeschrieben jährlich kontrollierte. Jeder hätte nachsehen können, ob die Kontrolleure die Schallschutzdecke und die Notausgänge kontrolliert haben.

Wahrscheinlicher noch: Die Gemeinde hätte die Kontrollen regelmässig und ordnungsgemäss durchgeführt – im Wissen, dass die Berichte öffentlich sind. Auch die Barbetreiber hätten sich wahrscheinlich stärker an die Vorschriften gehalten, um keine Nachlässigkeiten publik werden zu lassen. Vielleicht hätten Medien sogar Ranglisten der sichersten Lokale veröffentlicht.

Die Kontrollberichte hätten zudem offengelegt, ob die Kontrollen unangekündigt oder nach Voranmeldung stattfanden. In der Schweiz erfolgen zu viele Kontrollen nach vorausgegangener Ankündigung.

Doch von Transparenz sind wir weit entfernt. Selbst auf Anfrage der «NZZ am Sonntag» verweigerten Dutzende Walliser Gemeinden Auskunft über ihre Brandschutzkontrollen. 


Geheime Verfügungen und Beschwerden

Gesetze und dazu gehörende Verordnungen stehen offen im Internet. Doch ob und wie die Behörden die Verordnungen mit ihren zahllosen Verfügungen umsetzen, bleibt meist verborgen. 

Richten sich Verfügungen an Privatpersonen, etwa bei Steuerbescheiden oder Schulverweisen, ist diese Geheimhaltung verständlich.

Anders sieht es bei juristischen Personen wie Unternehmen aus: Hier sollte das öffentliche Interesse an Transparenz meist schwerer wiegen. 

Falls die Gemeinde Crans-Montana verpflichtet gewesen wäre, ihre Betriebs- und Baubewilligungen im Netz zu veröffentlichen, wären Unzulänglichkeiten wahrscheinlich rechtzeitig ans Licht gekommen – oder die Gemeinde hätte die Sicherheit der Besuchenden von Anfang an ernster genommen.

Derartige an Unternehmen gerichtete Verfügungen gehören ins Netz. Das würde Willkür und Vollzugsverweigerung der Behörden vorbeugen. Auch Einsprachen von Unternehmen gegen solche Verfügungen sollten öffentlich sein. So liessen sich fragwürdige Beschwerden und Einsprachen reduzieren.

Wenn etwa die Suva feststellt, dass Arbeiter gefährdet sind und sie dem Unternehmen Massnahmen anordnet, informiert sie weder die betroffenen Arbeiter noch die Gewerkschaft. Und wenn ein Unternehmen gegen die Verfügung der Suva Beschwerde einlegt, bleibt auch das für die Betroffenen unter Verschluss.

Transparenz ist der Schlüssel zur Vorsorge und der Schlüssel, um informiert mitreden zu können.


Transparentes Regieren

Sitzungsprotokolle der Regierenden sollten öffentlich zugänglich sein, sofern sie keine Staatsgeheimnisse enthalten. «Nur wenn klar ist, mit welchen Lobbyisten sich Chefbeamte treffen, über welche internen Bedenken sich Regierungsräte hinwegsetzen und welche Mängel interne Untersuchungen zutage fördern, lassen sich Entscheide einordnen, kritisieren – und gegebenenfalls wieder umstossen», schrieb «NZZ»-Redaktor Giorgio Scherrer. Besonders die Bürgerlichen sieht er  in der Pflicht: «Obwohl Kritik an einer eigenmächtigen und überbordenden Verwaltung zum Kern ihrer Politik gehört, haben sie sich bisher schwer getan mit der Stärkung des Öffentlichkeitsprinzips.»

Lobbyismus und Filz gedeihen im Verborgenen am besten – das passt nicht zu einer Demokratie. 

Wer von Subventionen profitiert

Im Internet sollte abrufbar sein, wer vom Bund oder von Kantonen Subventionen erhält. Wer Steuergelder bezieht, soll öffentlich dafür geradestehen. Wäre etwa transparent gewesen, wer wie viele Corona-Kredite erhielt, hätte mancher Missbrauch verhindert werden können – und damit wären auch viele Kontrollen und Gerichtsverfahren nicht nötig gewesen. 

Der Bund verteilt jährlich rund 50 Milliarden Franken an Subventionen. Steuerzahlende haben ein Recht zu wissen, wer ihre Gelder erhält. Dieses Recht wiegt schwerer als der Anspruch auf Diskretion der Empfänger.

Transparenz würde Missbrauch vorbeugen.


Weniger Wiederholungstäter

Mehr Transparenz würde Behörden und schwarze Schafe disziplinieren. Diese könnten Gesetze zum Schutz der Sicherheit, der Gesundheit und der Umwelt nicht mehr unter dem Deckel der Anonymität ignorieren.

Der viel beschworenen Eigenverantwortung würde Transparenz einen Impuls verleihen. Wer schlechte Kontroll- und Messergebnisse veröffentlicht sieht, wird sich bemühen, nicht erneut aufzufallen. Manche Regulierungen würden überflüssig. 

Doch gerade jene, die nach Deregulierung und Bürokratieabbau rufen, wollen von Transparenz oft wenig wissen. Sie berufen sich auf Geschäftsgeheimnisse oder machen den Datenschutz geltend. Dieser ist ihnen meist egal, wenn er nicht sie, sondern die Bürgerinnen und Bürger oder Konsumentinnen und Konsumenten betrifft. 


Medikamente und Medizinprodukte

Transparenz sollte oberstes Gebot sein, wenn es um Gesundheit, Leben und Tod geht. Das ist der Fall bei vielen Medikamenten und Medizinprodukten wie Herzklappen, Stents, Herzkathetern oder künstlichen Gelenken. 

Aus gutem Grund braucht es vor deren Verkauf eine Zulassung der Behörden. Die Hersteller erstellen selber Studien zu Nutzen und Risiken, doch Behörden wie Swissmedic oder die europäische Zulassungsbehörde EMA veröffentlichen diese häufig nicht oder nicht mit den Rohdaten. Die Firmen berufen sich auf «Geschäftsgeheimnisse», auch wenn die Studien keine enthalten. Deshalb ist es unabhängigen Forschern kaum möglich, die Zulassungsstudien zu prüfen und zu reproduzieren.

Mehr Transparenz würde viele Rückrufe von Medikamenten und Medizinprodukten und vor allem viele gesundheitliche Schäden vermeiden.


Küchen in Restaurants und Hotels

Einige Restaurantküchen arbeiten so unhygienisch, dass Salmonellen, Campylobakter oder Kot-Bakterien Gäste krank machen. Oder Metzger verkaufen tiefgefrorene Steaks, Koteletts oder Fische als «frisch».

Solche Missstände decken Lebensmittelinspektoren regelmässig auf. Häufig müssen sie die gleichen schwarzen Schafe immer wieder beanstanden. Das erstaunt nicht. Denn die Sünder können darauf zählen, dass sie anonym bleiben. Die Kantonschemiker nennen die ertappten schwarzen Schafe nicht beim Namen. Das Amtsgeheimnis geht vor. 

Der Kanton Zug geht einen anderen Weg. Seit 2009 vergibt er an Restaurants und Takeaways Hygienenoten. Das Aufhängen des Zertifikats ist für die Wirte freiwillig. Doch wer das Zertifikat nicht aufhängt, macht sich verdächtig. Nach 2009 ging die Quote der Beanstandungen zurück.


Krebserreger in Nahrung und Umwelt

Kantonschemiker finden Krebserreger in Speiseölen, Mikroplastik im Trinkwasser, Pestizide in Bächen und Flüssen. In ihren Berichten veröffentlichen sie jedoch nicht, an welchen Orten oder bei welchen Produkten sie welche Proberesultate ermittelt haben. 

Viele Schweizer Gewässer sind beispielsweise mit dem Pestizid Deltamethrin schwer belastet. Es ist das Giftigste, das noch breit angewandt wird – besonders in Rapsfeldern. Im Internet sucht man vergeblich nach den genauen Orten und Verursachern.

Anders in Kalifornien. Dort veröffentlicht die Regierung die Menge der einzelnen Pestizide pro County, pro Fläche und pro Gemüse- oder Früchteart oder Weintrauben.

Die US-Umweltbehörde EPA veröffentlicht ein Inventar der Umweltbelastung mit freigesetzten und entsorgten giftigen Chemikalien von einzelnen Industrieunternehmen.

Wer bei seinem wirtschaftlichen Handeln die Umwelt belastet, soll dies vor der Öffentlichkeit nicht verheimlichen dürfen.


Immobilienmarkt und Besitzverhältnisse

So lange gehandelte Preise für Land und Häuser im Internet nicht abrufbar sind, sollte niemand von einem «Markt» sprechen. Abfragen in Grundbüchern könnten offenlegen, welche Konzerne, Pensionskassen und Privatpersonen welche Immobilien besitzen. Deren Einfluss und Macht sind von öffentlichem Interesse.

In Dänemark ist das anders. Dort stehen Daten und Preise von Immobilien-Transaktionen in öffentlichen digitalen Registern, etwa hier.

Die steuerbaren Einkommen und Vermögen bleiben in der Schweiz teilweise unter Verschluss. In Schweden hingegen sind die steuerbaren Einkommen und teilweise die Vermögen veröffentlicht. Auch Steuerdaten von Unternehmen sind zugänglich. Grundlage ist das Öffentlichkeitsprinzip, das in Schweden viel weiter reicht als in der Schweiz oder in Deutschland. 

Diese Transparenz hat geholfen, viele Skandale, Korruption und Vetternwirtschaft aufzudecken.


Die Liste der Intransparenz ist noch viel länger. In der Schweiz herrschen immer noch Gepflogenheiten eines Obrigkeitsstaats: Regierung und Beamte behandeln ihre Arbeit grundsätzlich als vertraulich. Das Öffentlichkeitsgesetz hinkt den Regelungen in den USA oder in Schweden weit hinterher. Viele Behörden agieren defensiv und nutzen Tricks, um das Recht auf Transparenz zu unterlaufen.


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10 Meinungen

  • am 19.01.2026 um 11:46 Uhr
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    Ja, mehr Transparenz ist sicher wünschenswert. Allerdings frage ich mich bei solchen Diskussionen oft wo die Grenzen zu ziehen sind. Wir wollen ja auch kein Denunziantentum fördern. Transparent veröffentlichte Fakten machen auch nur dann Sinn, wenn die Leser diese Fakten auch verstehen und damit umgehen können, wollen wir die Schwurblerwelt nicht weiter anheizen. Zudem denke ich, dass wir vermehrt an unserer Fehlerkultur arbeiten sollten. Es wird immer Fehler und Unfälle geben. Diese können aber nur verhindert werden, wenn man mit Fehlern auch positiv umgehen kann. Steht am Anfang immer zuerst eine Anklage und eine Vor-Verurteilung und die Angst vor persönlichen Angriffen und Diskrimination, werden Fehler in unserer komplizierten Welt wohl eher zunehmen als abgebaut werden.

  • am 19.01.2026 um 11:48 Uhr
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    Vielen Dank für diesen Transparenz-Beitrag. Er freut mich sehr.
    Meine wohl älteste Erinnerung an eine Kontrolle betrifft die SUVA. Ich arbeitete in einer metallverarbeitenden Fabrik. Die SUVA meldete eine Kontrolle an, also wurden alle informiert. Konkret arbeitete man z.B. in der Stanzerei ohne die Sicherheitseinrichtungen. Die Arbeiter waren damit einverstanden, denn sie wurden im Akkord bezahlt. Die Sicherheitseinrichtungen verlangsamen den Prozess, so dass sie weniger verdienten. Für die SUVA-Kontrolle wurde alles ordnungsgemäss montiert und nach der Kontrolle wieder entfernt. Für solche Arbeiten gibt es heute zwar Roboter, aber das Prinzip der angemeldeten Kontrollen ist dasselbe – auch in anderen Bereichen. Für den Tag der Kontrolle wird, wo möglich, alles in Ordnung gebracht. Die Schlamperei geht nach der Kontrolle weiter.

  • am 19.01.2026 um 14:25 Uhr
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    Die Verschleierung der Interessen beginnt schon in der Politik. Die Einkünfte vieler gewählten Personen sind unbekannt. – Transparenz verbessert auch die Qualität, weil veröffentlichte Berichte erlauben ‚Weiterbildung‘ für Interessierte!

  • am 19.01.2026 um 16:01 Uhr
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    «Lobbyismus und Filz gedeihen im Verborgenen am besten – das passt nicht zu einer Demokratie.» Wobei, eine Lobbykratie ist auch eine Form der Demokratie, passend für die Schweiz.

  • am 19.01.2026 um 19:22 Uhr
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    Wie ändern wir das?

    • am 20.01.2026 um 07:59 Uhr
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      Andere politische Mehrheiten würden reichen.

  • am 19.01.2026 um 20:01 Uhr
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    Transparenz ist ein wesentliches Element wirklicher demokratischer Verhältnisse.
    Wo Transparenz fehlt, entstehen Machtungleichgewichte, weshalb Organisationen wie Democracy International und Transparency International sich für Informationsfreiheit und strengere Regeln gegen Lobbyismus einsetzen, um die Demokratie zu schützen.
    Die gezielte mangelnde Lohntransparenz nutzt fast nur den Eigentümern von Kapitalgesellschaften.
    Die Realöhne von immer mehr Beschäftigten in der Schweiz sinken.
    Die genannte Inflationsrate kommt instransparent zustande, wenn die Steigerung der Krankenversicherungsprämie, Immobilienkosten/ Mieten auutoreperaturen intranparent ungenügend berücksichtigt werden.
    Die Absprachen (Deals) der Bundesräte bleiben für meisten Schweizer auch intransparent.
    Libertäre Kapitalgewaltige profitieren von «Intransparenz» und lassen ihre Meinungsmacher damit die Masse für dumm verkaufen.

  • am 20.01.2026 um 09:48 Uhr
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    «Transparenz» :das Wort dieses Jahrzehnts in der Politik – das macht mißtrauisch.Denn Schlagworte in der Politik deuten immer auf die Vermeidung differenzierter Betrachtung hin. Was ist mit «TRANSPARENZ» im Sinne des Artikels gemeint ? Die Sichtbarmachung wesentlicher Faktoren für die ÖFFENTLICHKEIT – die dann diese Fakten zur Kenntnis nehmen muß um ggf. Korrekturmaßnahmen zu erwirken. Man muß das praktisch betrachten, dann wird klar : viel Arbeit für den Bürger. Im Grunde wird die Kontrollfunktion DORTHIN ZURÜCKVERLAGERT, von WO aus sie delegiert worden war – aus Gründen der Arbeitsökonomie – an eigens dafür geschaffene Kontrollgremien. Bedeutet: «die Kontrolleure sollen kontrolliert werden». Dasläuft im Prinzip auf ein immer tiefer verschachteltes System hinaus – welches unweigerlich in der Ineffizienz konvergieren muß. FACIT : Transparenz löst NICHT das Grundproblem :die Verantwortungslosigkeit der menschlichen Träger des originären KOntrollapparates-mit schicksalhaften Opfern.

    • am 21.01.2026 um 11:41 Uhr
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      Ja, das ist auch was ich mit dem Begriff Fehlerkultur meine. Dazu müssen wir noch viel lernen.

  • am 20.01.2026 um 11:21 Uhr
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    Transparenz ist das A und O einer Demokratie. Komischerweise sind es aber immer Behörden oder Politiker welche diese ablehnen oder umgehen. Betroffen ist auch die Rechtssprechung. Restaurants mit aufgedeckten hygienischen Problemen werde nie veröffentlicht. Warum werden sie geschützt und gefährden die Gesundheit der Gäste. Natürlich weiss ich dass es Täterschutz Organisationen gibt, welche sogar bei einer eindeutigen Videoaufnahmen verhindern, dass ein Richter diese Aufnahmen anwenden darf. In UK gibt es überall CCTV-Kameras, welche viele Verbrechen aufdecken und zur Verurteilung führen.
    Die Schweiz macht genau das Gegenteil.
    Transparenz würde in vielen Fällen den Bürger vor Verbrechen, Ungemach und Korruption schützen

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