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Das Dossier des «Schweizer Monat» zum aktuellen Medienstreit © Schweizer Monat

Zwischen Ideologie und Wirklichkeit

Robert Ruoff /  Der «Schweizer Monat» beschäftigt sich mit dem Service public der SRG.

Es ist «ein richtiges Arenaspiel», hört man von Politikern, die den Kampf um den Service public der SRG in der zuständigen Kommission beobachten konnten. Es ist Schlagabtausch nach dem Motto: Hier die Privaten, dort der Service public. Und nun hat sich auch noch der «Schweizer Monat» mit einem Dossier der «Zukunft des Service public in den Medien» gewidmet. Der «Schweizer Monat» ist das Leib- und Magenblatt all derer, die unerschütterlich an die alleinseligmachende Kraft des Marktes glauben.

Aber die Erwartung trügt. Der «Schweizer Monat» bietet Vielfalt. Der Medienjournalist Nick Lüthi stellt schlicht ein paar Gründe fest für das Unbehagen an der SRG. Die übermächtige Ausdehnung in die Märkte, welche die Privaten eben gerade entdeckt hatten. Oder der wirtschaftliche Druck auf die Zeitungshäuser, die ihre Zukunft im Internet sehen und sich von der SRG dabei bedrängt fühlen. Und schliesslich die politisch-wirtschaftlichen Interessen insbesondere der rechtsbürgerlichen Parteien an den Medien: Sie pflegen die Kritik an der SRG seit Jahrzehnten, und das hat nun auch Teile der CVP erfasst.

Politische Kritik

Gerhard Pfister, der neue Präsident der CVP, schildert im Heft als Vertreter der Politik mit einem vergnüglichen Sarkasmus die Immunität der SRG gegen Kritik, weil die SRG-Spitze bei der jeweils passenden Gelegenheit einerseits ihre unternehmerische Verpflichtung und andererseits ihren «staatlichen» Auftrag ins Feld führt.

Das Etikett «Staatsfernsehen» ist allerdings eine fragwürdige Waffe. Otfried Jarren, der Präsident der Eidgenössischen Medienkommission, erinnert daran, dass der Service public aus guten Gründen eben nicht staatlich ist, aber auch nicht im privaten Besitz einiger reicher Männer. Beides ist gefährlich, wie etwa die historische Erfahrung des Nationalsozialismus zeigt, aber auch das Beispiel des Cavaliere Berlusconi, der mit seinen Medien die politische Macht erobert und sich mit dieser politischen Macht dann auch noch die italienischen Staatsmedien gefügig gemacht hat.

Der ideale Markt

Ein bisschen schwierig wird das Dossier des «Schweizer Monat» erst da, wo es den idealen privaten Markt modelliert. Selina Hofstetter, Mit-Initiantin der «No-Billag»-Initiative, verfängt sich in umständlichen Rechenspielen darüber, warum selbst Private in der Schweiz nicht auf das System der Gebührenfinanzierung verzichten wollen. Und dabei arbeitet sie mit der im Zukunftsmedium Internet längst überholten Trennung von Information und Unterhaltung (und Sport). Zeitgemässe Online-Angebote wie Buzzfeed oder «Watson» wissen schon lange, dass «Unterhaltung», «Erotik», «Sport» und andere Lebenswelten mindestens so viel Information enthalten wie die rituelle Polit-«Information».

Ähnlich läuft es im Text von Ronnie Grob, der «Unterhaltung» einfach den Privaten überlassen und den Service public auf Politik, Wissen und Kultur «rückorientieren» will. Als ob der Service public nicht seit seinen Urzeiten bei der britischen BBC die Dreiheit von Information, Bildung und Unterhaltung umfasst hätte.

Die globale Konkurrenz

Vor allem aber fehlt im Dossier des «Schweizer Monat» die Analyse des wirklichen Marktes. Zum einen gibt es keinen «Medienmarkt Schweiz»; es gibt im besten Fall einen «Medienmarkt Deutschschweiz». Und zum anderen stehen die kapitalstarken globalen Player schon bereit, um sich aus dem freigeräumten Schweizer Markt ihre Filetstücke zu holen. Grob erwähnt zu Recht Netflix: Der absehbare Schweizer Markteintritt des Serienanbieters dürfte schmerzhafte Wirkung zeigen für Schweizer Fernsehprojekte, die ihre Programme mit Serienprogrammen am Leben erhalten. Und beim Fernsehsport sehen wir, wie UPC, eine Tochter der amerikanischen Global Liberty, sich bereits die Schweizer Eishockey-Rechte geholt hat und damit ab 2017 den neuen Kanal «Mysports» lanciert.

Es ist deshalb klug, dass der «Schweizer Monat» am Schluss des Dossiers Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen SRG und Privaten zeigt. Stephanie Grubenmann und Stephan Russ-Mohl zeigen solche Möglichkeiten nicht auf der Basis idealisierter Modelle, sondern auf dem Fundament realer und übertragbarer Erfahrungen. Das dürfte für die Schweiz der erfolgversprechende Ansatz sein.

Dieser Beitrag ist Anfang September in der AZ Nordwestschweiz erschienen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor hat bis 2004 bei SRG/SRF gearbeitet.

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