Verwirrung um Schweizer Kampfjets

Niklaus Ramseyer ©

Niklaus Ramseyer /  Rund um Kampfjets wird viel Unfug verbreitet. Fest steht: Bomber braucht die Schweiz ganz sicher keine.

Jetzt geht die Kampfjet-Debatte wieder los: Nachdem das Volk dem früheren SVP-Wehrminister (Ueli Maurer) den Kauf neuer Militärflieger (Gripen) an der Urne verweigert hat, will nun der Neue (Guy Parmelin) für 490 Millionen die 30 verbleibenden F/A-18-Hochleistungsjets seiner Luftwaffe zwecks längerer Verwendung (bis 2030) nachrüsten. Zudem sollen gut die Hälfte der 50 noch älteren Abfangjäger F-5 Tiger für den Luftpolizeidienst weiter verwendet werden.

30‘000 Franken pro Flugstunde

Das macht Sinn: «Luftpolizeidienst» ist in Friedenszeiten nämlich die Hauptaufgabe der Luftwaffe. Sie fliegt solche Einsätze stets nur gegen unbewaffnete, meist zivile Flieger, die sich in den Schweizer Luftraum verirrt haben. Und da beginnt schon die Verwirrung: «Trotz allen Massnahmen wird der F/A-18 gegenüber modernen Kampfjets im Luftkampf stets weiter ins Hintertreffen geraten», warnt etwa die NZZ. Fakt ist: Die Luftwaffe der neutralen Schweiz, die gerade ihren 100sten Geburtstag feiern konnte, hat in dieser langen Zeit noch nie einen veritablen «Luftkrieg» führen müssen. In den letzten 70 Jahren auch nie mehr «Luftkämpfe» gegen einzelne bewaffnete Luftfahrzeuge, wie letztmals etwa mal (meist erfolgreich) während dem zweiten Weltkrieg. Sie erfüllt damit ihren Zweck und ihre Aufgabe optimal.

Was bleibt, sind die Aufgaben «Luftraumüberwachung» (was weitgehend vom Boden aus geschieht) und «Luftraumsicherung». Letzteres vorab während internationalen Grossanlässen (WEF etc.) Und dies machen unsere Piloten – im unteren Luftraum jedenfalls – nicht selten mit Propellermaschinen vom Typ Pilatus. Die oft als «veraltet» gescholtenen F-5 sind für die Luftraumsicherung in Friedenzeiten weiter oben meist durchaus auch ausreichend. Und sie helfen Kosten sparen: Während sich eine Flugstunde mit einem modern bewaffneten (Advanced Medium Range Air to Air Missile, AMRAAM) F/A-18 mit gut 30‘000 Franken zu Buche schlägt, belaufen sich diese Auslagen beim einfacheren F-5 etwa auf 5‘000 und beim Pilatus nur noch auf ein paar 100 Franken.

Kampfjet-Kauf nicht dringend

Parmelins Plan «reparieren, statt investieren» macht somit auch bezüglich Betriebskosten Sinn: Von den 50 F-5 Tiger kann die Hälfte weiter verwendet und die andere Hälfte als Ersatzteillager «kannibalisiert» werden. Auch das gibt Arbeit im Inland. Mit seiner Zwischenlösung kauft sich der welsche Verteidigungsminister zudem mehr Zeit für die Beschaffung neuer Flieger, die dann etwa ab 2030 zum Einsatz kämen.

Doch dringend ist diese Neubeschaffung keineswegs, wie der obige Blick in die Geschichte zeigt. Bezüglich des Bedarfs unseres Landes an Luftkampfmitteln nämlich herrscht auch viel Unklarheit. Es gilt dabei zu unterschieden:

  1. Ob die Streitkräfte nur den eigenen Schweizer Luftraum überwachen, sichern und notfalls verteidigen müssen.
  2. Ob sie auch Angriffe mit grosser Reichweite über die Landesgrenze hinaus tragen wollen.
  3. Ob sich diese Luftstreitkräfte auf die Abwehr von Luftfahrzeugen (dritte Dimension) konzentrieren.
  4. Oder ob sie auch Luft-Boden Operationen (mit Bomben, Raketen und Bordwaffen) fliegen wollen.

Bomber für neutrale Schweiz völlig unnötig

Armeeführung, Verteidigungsministerium und Bundesrat haben dies zu Beginn der 90er-Jahre geklärt und entschieden: Für die neutrale Schweiz seien nur die Punkte 1 und 3 sinnvoll. Weder seien weitreichende Operationen über die Landesgrenze hinaus wünschbar und sinnvoll, noch Bombardierungen im In- oder Ausland. Denn: Für die (Air to Ground)-Unterstützung der Bodentruppen im Verteidigungsfalle seien Hochleistungsflugzeuge «viel zu teure und verletzliche Waffenplattformen», wurde damals argumentiert. In der Landesverteidigung genügten die weitreichenden Geschütze der Artillerie (M-109 Kaliber 15,5 Langrohr) zur Unterstützung der Bodentruppen mit weitreichendem «operativem Feuer» durchaus.

Folglich wurden die F/A-18, die als «Fighter» (Abfangjäger)/«Attacker» (Erdkämpfer) eigentlich beides könnten, in der Schweizer Version damals bewusst nur mit Luftkampfkapazitäten (von der US-Marine) beschafft. Das sparte viel Geld. Moderne Luft-Boden-Kampfmittel kosten schnell mal über 1 Million Franken pro Schuss.

Piloten wollen mit Nato-Bomben schmeissen

Und unser Land ist damit nun Jahrzehnte lang problemlos und gut gefahren. Umso mehr staunten kompetente Kommentatoren, dass nun mit der F/A-18-Nachrüstung gleich auch noch eine Aufrüstung zumindest einiger der US-Marine-Flieger zu Bombern einhergehen soll. Verdächtig zudem: Während Parmelins «Expertengruppe», die derlei vorschlägt, genau sagen kann, dass die Nachrüstung zwecks Lebensverlängerung insgesamt 490 Millionen kosten werde (pro F/A-18 also gut 16 Millionen), will sie die Rechnung für die Aufrüstung zur Bomberfähigkeit nicht genau beziffern können. Das nährt den Verdacht, dass die Kosten für dieses unsinnige Vorhaben dann zumindest teilweise im Gesamtkredit kaschiert werden sollen.

Fest steht nämlich: Auf den Aufbau der Bomberkapazität drängen vorab jene paar ewig gestrigen Verteidigungsfunktionäre in Parmelins Departement (und auch ein paar uneinsichtige Politiker), welche unsere Streitkräfte immer noch in Nato- und EU-Militärstrukturen «integrieren» möchten.

Und noch mehr die Militärpiloten. Weshalb sie sich die Erdkampffähigkeit so sehr wünschen , zeigen Szenarios jener internationalen Nato-Luftkampfübungen, an denen sich auch unsere Militärpiloten mit ihren F/A-18 regelmässig beteiligen: Da fliegt etwa ein Kampfjet in Nordschweden über ein liebliches Tal mit Wald und Flüsschen. Der Kommandant meldet dem Piloten Feindflieger, die er auch gleich in seinem Radar (Headupdisplay) sieht, und mit Abstandswaffen (AMRAAM) bekämpft. Jetzt aber: «Achtung, Artilleriestellung rechts von der Brücke!» Und hier ist die Übung und der Spass für den Schweizer Piloten dann jählings vorbei: Mit seinem F/(A)-18 kann er ja nicht in den Erdkampf. Er muss passen.

Nato-Anpasser lassen nicht locker

Im Kreis der «International Fighterpilot-Communitiy» sieht ein solcher Pilot am Abend in der Offiziersmesse dann natürlich eher alt aus. Dies umso mehr, als er (weil leider aus der neutralen Schweiz) auch nicht über seine Bombereinsätze in der weiten Welt von Afghanistan bis Syrien prahlen kann. Derlei Demütigungen sind der wesentliche Grund, weshalb die Luftwaffe schon einen Teil jener Gripen-Kampfjets auch mit Bomberkapazität beschaffen wollte, die dann an der Urne gescheitert sind. Die für die Verteidigung unseres Land völlig unnötigen Bomber haben gar mit zum Absturz der Vorlage beigetragen.

Aber die Bomber-Freunde lassen offenbar nicht locker. Jetzt kommen sie wieder mit diesem alten Hut, der uns leicht mehrere Duzend bis zu über 100 Millionen an Steuergeldern kosten könnte. Ob die Räte genug Mut und Sachverstand haben werden, um den Bomberkredit wieder aus der Vorlage zu streichen, ist nämlich nicht sicher: Eine unheilige Allianz aus Nato-Anpassern in der Mitte des Saales (CVP und FDP) mit unbedarften Internationalisten und EU-Integristen auf der linken Seite könnte (mitsamt ein paar Freunden der Piloten in der SVP) den Unfug doch noch durchwinken. Mit weiteren Implikationen: Sind die F/A-18 dann mal zu Bombern aufgerüstet und die Piloten ausgebildet, werden die neuen Kampfjets später bestimmt auch in der Jadgbomber-Konfiguration (Multirole) beschafft – unter neuerlichen Kostenfolgen für uns Steuerzahler. Darum gilt hier einmal mehr: Wehret den Anfänge(-r-)n!


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3 Meinungen

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    am 25.11.2016 um 14:29 Uhr
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    Das Argumentarium erscheint plausibel. Vor .. Jahren hatten wir mal über die Frage nach CH-Atombomben abzustmmen. Der einzige technisch realistische Einsatzort Innsbruck war auch im CH-Volk nicht mehrheitsfähig…

    Ich finde die Zusammenarbeit zw. Payerne und Belfort durchaus realistisch und im interesse der CH. Die Nato ist allerdings ein Club, welcher die CH-Interessen nicht wirklich unterstützt. OSZE ist unsere Referenzgrösse.

    Die Schweiz soll durchaus ihre Verantwortung wahren können und es stört mich auch nicht besonders, wenn die FA-18 den Luftraum über Neyruz (FR) im Rahmen des WEF-Schutzes übermäsig strapazieren. Aber ich betrachte dies trotz allem als etwas folkloristische Übung. … inklusive die Überwachung russischer (sowjetischer ?) Staatsflieger.

    Die Schweiz ist bekannt für «vorauseilenden Gehorsam». Aber man sollte auch da nicht übertreiben.

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    am 25.11.2016 um 15:07 Uhr
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    Die Armee will die F/A-18 Jets zu Kampfbombern aufrüsten. Wird in Bern befürchtet die Russen werden wieder einmal einmarschieren? Wie zu Napoleons-Zeiten, als die Russen in 1799 Zürich waren? Der Russenweg am Balgrist und der Kosakenweg in Zürich-Seebach erinnert daran.

    Bei Bombardierungen mit F/A-18 Jets in der Schweiz, gegen einen äusseren oder inneren Feind, würden vor allem Männer, Frauen und Kinder in der Schweiz umkommen, wie jetzt im Krieg im Afghanistan, dem Irak, in Libyen, in Syrien und im Jemen. In modernen Kriegen kommen 90 – 95 Prozent Zivilisten um.
    .
    Mit eigenen Kampfbombern würde die Schweiz Armee natürlich richtig Nato-tauglich. Schon heute ist die Schweizer Armee als Mitglied der so genannten «Nato Partnerschaft für den Frieden» eng mit der NATO verbunden. Die NATO ist ein Militärpakt, der sich mit der „Partnerschaft für den Frieden“ ein pazifistisches Mäntelchen umgelegt hat: Der Wolf der sonst Kinder frisst, lässt immer wieder Bomben regnen, die den Frieden mit humanitären, militärischen Interventionen sichert: Auf dem Balkan 1999, in Afghanistan seit 2001, dem Irak, in Libyen.
    Die Neutralität der Schweiz steht nur auf dem Papier, ist Propaganda. Neutral ist die Schweiz sowieso nicht, denn als Nato-Staaten auf dem Balkan, in Afghanistan, im Irak, in Libyen usw. Bomben niederregnen liessen, um diesen Ländern dort Demokratie mit Bomben und Granaten beizubringen, lieferten wir den Nato Kriegsministern brav Waffen und Munition für ihre «Friedenseinsätze».

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    am 26.11.2016 um 21:17 Uhr
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    @Frei/Ramseyer. Auseinandersetzungen sind insofern unnötig, als Armeegegner notwendigerweise auch Gegner der immerwährenden bewaffneten Neutralität sein müssen, welche problemlos herstellbar wäre, wenn der politische Wille dazu wäre. Es sind die im März und und November 1815 vereinbarten sicheren Grenzen, für die es aber vorläufig seit dem Betrug mit Schengen keinen Konsens mehr gibt. Es ist aber nach wie vor wahrscheinlicher, dass es in ein paar Generationen die Schweiz noch gibt als dass es die Europäische Union noch gibt oder die Nato. Soweit nicht diese über die Lufthoheit über die Schweiz verfügt und man das nicht will, braucht es nun mal eine Luftwaffe, allerdings jenseits der «besten Armee der Welt» und sonstigen Illusionen. Einen zurechnungsfähigen Staat erkennt man daran, dass er seine Grenzen sichern kann. Die Abneigung gegen Nato und andere undemokratische supranationale Organisationen wird langfristig dazu beitragen, dass die Meinung, die Schweiz brauche keine Kampfflugzeuge, am Ende dann doch in die Minderheit versetzt wird. Auch Kuba braucht Kampfflugzeuge, vielleicht noch dringender als die vom verstorbenen Fidel begeistert gefeierten Atomkraftwerke sowjetischer Bauart, von denen er zum Befreiungstheologen Frei Betto bekannte: «Das Atomkraftwerk von Cienfiegos wird gebaut unter Berücksichtigung strengster Sicherheitsvorschriften, damit es Meerbeben, Erdbeben und sogar dem Absturz eines Passagierflugzeuges widerstehen kann.» Hasta la vittoria siempre, Fidel!

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