Kommentar

Sprachlust: Sie lechzen rings, rechts wie links

© Grietje Mesman © Grietje Mesman

Daniel Goldstein /  «Rechts», «links», «liberal», «konservativ»: gängige politische Begriffe. Werden so Parlamentarier eingestuft, brauchts Definition.

«manche meinen, lechts und rinks kann man nicht velwechsern. werch ein illtum!» Ob der österreichische Sprachvirtuose Ernst Jandl dieses Gedicht politisch gemeint hat, weiss ich nicht. Aber es gibt in der Geschichte durchaus Beispiele dafür, dass die bequeme Anordnung des politischen Spektrums von links bis rechts durcheinandergerät, meist durch Verschiebungen über eine gewisse Zeit hinweg. Das begann schon bald nachdem die Sitzordnung in der französischen Nationalversammlung von 1789 diese Begriffe geprägt hatte: ganz links die schärfsten Republikaner, rechts aussen die treuesten Monarchisten.
Rechts also die Bewahrer, links die Neuerer. Doch als sich im 19. Jahrhundert die Republik endgültig durchgesetzt hatte, rückten ihre bürgerlichen Vorkämpfer immer mehr in die konservative Rolle, und zu ihrer Linken tauchten neue Veränderer auf: Sozialisten, die nun ihrerseits beanspruchten, den Fortschritt zu verkörpern, also progressiv zu sein. Ein weiteres Jahrhundert später: Kommunistische Machthaber in der Endzeit ihres Regimes konnte man kaum noch ernsthaft als Linke betrachten, jedenfalls nicht als Progressive.
Nicht nur eine Dimension
In einem bestimmten Zeitpunkt betrachtet, haben aber «rechts» und «links» als politische Begriffe durchaus ihre Nützlichkeit bewahrt und sind recht wenig umstritten, auch wenn sich manche Politiker etwa als «weder links noch rechts, sondern vorne» zu profilieren versuchen. Sie versuchen also, den Fortschrittsgedanken aus dem hergebrachten Schema zu lösen. Das tut gewissermassen auch die Forschungsstelle Sotomo der Universität Zürich, wenn sie die Schweizer Parlamentarier nicht nur nach den beiden Seiten einteilt, sondern in einer zweiten Dimension zwischen «liberal» und «konservativ» («Bund» und TA vom 12.9. sowie Parlamentsspiegel im Internet).
Die Platzierung erfolgt aufgrund der Abstimmungen, und mit wenigen Ausnahmen finden sich die Abgeordneten in einer grösseren oder kleineren Wolke, die ihrer Partei entspricht und sich deutlich von jener anderer Parteien abhebt, zuweilen mit leichten Überschneidungen. Der Knackpunkt dabei ist, wie die einzelnen Abstimmungen den Achsen zugeordnet werden. Wie Sotomo-Leiter Michael Hermann dargelegt hat (TA und «Bund» vom 27.9.), wird vor allem die Einstufung als «liberal» angefochten – nicht etwa, weil sie missliebig wäre, sondern weil alle sie beanspruchen, auch die Konservativen.
Lasset uns am Alten . . .
Aus der Sotomo-Küche stammt auch die Spinnendarstellung in der Wahlhilfe Smartvote, die mehr Aufschluss darüber gibt, wie man – hier via Fragebogen – zu seiner Einstufung kommt: Am genauesten entspricht das Eintreten für «offene Aussenpolitik» der Liberalität, jenes für «restriktive Migrationspolitik» dem Konservatis­mus. Ganz rechts sind die finanzpolitisch Restriktiven, ganz links steht «Ausgebauter Sozi­alstaat». Gemäss Hermanns Begleittext zum Parlamentsspiegel entspricht diese waag­rechte Achse auch den Rollen der Sozialpartner. Die Vertikale bezeichnet er als «Öff­nungs- oder Modernisierungsachse».
Damit wären wir wieder bei der Frage, wer den Fortschritt oder eben die Modernisierung für sich beanspruchen darf. Und daran scheiden sich die Geister, nicht nur im Lauf der Zeit. Denn zu jedem einzelnen Zeitpunkt gab und gibt es verschiedene Ansichten darüber, was an der Gegenwart erhaltenswert sei und was der Fortschritt wegzufegen habe. Leicht einigt man sich auf einen Spruch, der oft Gottfried Keller zugeschrieben wird, aber nie mit Werkangabe, und der auf manchen Fassaden prangt, auch auf uralten: «Lasset uns am Alten, so es gut ist, halten, aber auf dem alten Grund Neues wirken jede Stund.» Politik beginnt dort, wo man das eine vom andern scheiden muss. Etiketten dienen der Übersicht, wenn sie weder polemisch noch gedankenlos verwendet werden.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Autor einer regelmässigen Sprachlupe in der Zeitung «Der Bund» und ab 2012 Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel».

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581


Der Meinungsaustausch wird nach zehn Tagen automatisch beendet. Oder er wurde zu diesem Artikel gar nicht ermöglicht.