Im Gefängnis. Eingesperrt. Selber.

Robert Ruoff ©

Robert Ruoff /  «Die Schweiz ist ein Gefängnis». Nachzulesen in DAS MAGAZIN. In die Gegenwart eingeleitet von Peter von Matt.

Man weiss manchmal nicht so recht, was DAS MAGAZIN eigentlich will, das dem «Tages-Anzeiger» und anderen Zeitungen beiliegt. Manchmal ist es nur einem Thema oder einer Stadt gewidmet. Manchmal schreiben die Kolumnisten. Manchmal schreiben sie auch nicht. Oder sie haben keinen Platz. Oder sie sind vielleicht in den Ferien. Und manchmal ist DAS MAGAZIN, was es seinem Namen nach sein will: ein Behältnis für einen mehrteiligen Inhalt. Vielleicht weiss die Redaktion selber nicht so genau, was sie will.

Aber diesmal liefert sie uns ein starkes Stück. Neben einem Besuch bei Tomi Ungerer in Irland, einem Gespräch mit Emily Bell zum Sterben der Zeitungen und einem Text zum Männerdutt druckt sie, ganz am Anfang, die berühmte Rede von Friedrich Dürrenmatt zur Verleihung des Gottlieb Duttweiler Preises an den tschechoslowakischen Schriftsteller, Dissidenten und Staatspräsidenten Vaclav Havel.

Das war vor ziemlich genau 25 Jahren, am 22. November 1990, in Rüschlikon. Es war die Rede, nach der Flavio Cotti und andere Bundesräte Friedrich Dürrenmatt nicht mehr die Hand reichen wollten und der Redner nach seinem Vortrag ganz allein im Saale stand, als ausgegrenzter Aussenseiter, weil er in einer genialen Groteske diesen Satz gesprochen hatte: «Die Schweiz ist ein Gefängnis».

Ich will heute nicht viel mehr dazu sagen. Ich will nur darauf hinweisen, dass DAS MAGAZIN uns damit einen Text von historischer, gegenwärtiger und künftiger Bedeutung aufs Einfachste zugänglich macht. Mit einem einleitenden, Richtung weisenden Text von Peter von Matt.

Peter von Matt schreibt: «Man muss die Rede sehr sorgfältig lesen und insbesondere darauf achten, wie Dürrenmatt sich der anstössigen Behauptung nähert…(…). Es entwickelt sich ein durchrhythmisierter Text, ein Schlagzeugsolo um die Wörter Freiheit, Gefängnis, Gefangene, Wärter, Verwaltung, Überwachung, schliesslich Europa und die Welt. Dabei kippt ständig eines ins andere um, weil der Grundgedanke ganz einfach ist: Die Schweiz sei so sehr auf ihre Freiheit erpicht, dass sie sich in dieser Freiheit einsperre. Wir sässen in unserer Unabhängigkeit wie hinter hohen Mauern.
Das war damals witzig und absurd, heute erscheint es prophetisch.»

Und weil es so prophetisch ist, stellt sich uns die Frage, was zu tun ist von dem, was wir bisher nicht oder zu wenig getan haben. Naheliegend wäre, auszubrechen. Widerstand zu leisten.


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Eine Meinung zu

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    am 1.11.2015 um 11:57 Uhr
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    Ausgegrenzte Aussenseiter waren in jenem Fall die Bundesräte. So ausgegrenzt wie Dürrenmatt müsste man sein! Da würde sich jeder Autor die Finger danach abschlecken! Der Text ist metaphorisch zu verstehen, wie v. Matt treffsicher aufarbeitete. Im Alter von 20 Jahren war Dürrenmatt, damals keineswegs ein Fall von Spätreife, noch für den Anschluss an Deutschland, wie er sich öffentlich äusserte. Und im März 2014 ging mein verehrter Doktorvater an der Leipziger Buchmesse noch von 30% Idioten in unserer Gesellschaft aus, was zwar nach Robert Menasse im Sinne von Dürrenmatt im griechischen Wortsinn zu verstehen sei. Die grosse Stärke von Dürrenmatt, auch im Vergleich zu Frisch, war das Verhältnis zur Antike. Sowieso kann man auf jeder Seite, die Dürrenmatt schrieb, eine Überraschung finden. Das ist bei fast keinem zweiten Autor so, obwohl schon sein Grossvater als Verfasser eines täglichen Gedichts für die Buchsi-Zitig schon manchmal Genie zeigte, zum Beispiel als er 1902 vor einem «Holokaust» in Deutschland warnte. Die tagespolitischen Einschätzungen von Uli Dürrenmatt, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Peter von Matt und wohl auch von uns, die wir hier manchmal über Gott und die Welt diskutieren, sind nicht automatisch kompetenter als beim Durchschnitt der Bevölkerung, wiewohl die Perspektiven gelegentlich genial reizvoll sein können, zum Denken anregend. Mit dem durchschnittlichen Abstimmungsverhalten in der Schweiz kann ein Demokrat Mühe haben. Gehört halt zu einem Demokraten.

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