Geld vom Bund – ja, für was denn?

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Monique Ryser /  Verschobene Wahloperationen wegen Corona sind kein Grund für Geld vom Bund. Berset liest Spitälern die Leviten.

Bundesrat Alain Berset lässt sich nicht leicht aus der Ruhe bringen. Seit Beginn der Corona-Krise antwortet er auf alle Fragen meist geduldig, oft mit Humor. Beim Thema «Bundesgeld für Spitäler als Entschädigung für nicht ausgeführte Wahloperationen» hört für ihn der Spass aber auf. «Als wir Anfang März Wahloperationen in der ganzen Schweiz aussetzten, hat sich niemand beklagt.» Hielt er an der Medienkonferenz am Mittwoch als Erstes fest. «Es war die heisse Phase, alle waren froh, dass es nicht noch zu einer Konkurrenzsituation der Kantone und Spitäler gekommen ist.» Die Diskussion um Entschädigungen habe später begonnen. «Sehr viel später», sagte er mit maliziösem Lächeln. «Bon, lassen Sie mich also rekapitulieren, um was es geht: Operationen, die nicht unbedingt nötig waren, mussten Anfang März verschoben werden. Seit Ende April, also seit zwei Monaten, können sie nachgeholt werden. Wo also ist das Problem? Könnte es eventuell sein, dass eine Operation, die für Ende März geplant war und bis heute nicht nachgeholt wurde, eine unnötige Operation war?» Wenn ja, wäre das doch eine gute Nachricht, folgert er.
Tatsächlich hat eine Auswertung des Bundesamtes für Gesundheit 2016 ergeben, dass Patienten mit Privat- oder Halbprivatversicherung 2,2-mal häufiger am Knie operiert werden als Grundversicherte. An der Wirbelsäule nehmen die Ärzte bei den Zusatzversicherten 1,5-mal mehr operative Eingriffe vor, und Hüftgelenke werden 1,3-mal häufiger ersetzt. Bei Zusatzversicherten steige die Wahrscheinlichkeit operiert zu werden um 17 Prozent und bei den meisten dieser Eingriffe handelt es sich um Wahloperationen. Das koste Millionen, titelte der Tages Anzeiger damals. Gemäss der Zeitschrift Beobachter ist sogar jede dritte Operation nicht nötig.
Finanziert werden die Spitäler von den Krankenkassen und den Kantonen. Diesen helfe der Bund bereits mit viel Geld, sagte Berset. Und verwies darauf, dass der Bund ab jetzt alle Corona-Tests bezahle. Das entlaste die Krankenkassen und die Kantone um mehrere hundert Millionen. «Also, nochmals: Es ist doch eher eine gute Nachricht, dass Operationen, die offenbar unnötig waren, nicht durchgeführt wurden. Auch weil damit die Patienten nicht dem unnötigen Risiko ausgesetzt wurden, die jede Operation mit sich bringt.» Der Bundesrat sähe folglich keinen Grund, Spitäler für den rund zweimonatigen Stopp der Wahloperationen zu entschädigen. Das sagte er mit einer Bestimmtheit, die er zuletzt mit dem Satz «Bleiben Sie zu Hause» an den Tag gelegt hatte. Für Spitäler, die Geld für ausgefallene Wahloperationen möchten, heisst das wohl genau das.


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2 Meinungen

  • am 27.06.2020 um 12:48 Uhr
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    Interessanter Aspekt den Berset in die Diskussion bringt.Würde auf alle unnötigen Operationen entlastet wäre der Bedarf an Krankenhäuser, Ärzten, Pflegepersonal geringer. Die Prämienzahler würden entlastet. Das Gesundheitswesen wird heute von Wegelagerern dominiert, die auf Kosten Allgemeinheit ihre Pfründe sichern. Bestes Beispeil der Spitalrat des Unispitals Zürich. Angeführt von einem SP und FDP Mann, die auch kassieren aber wenig bringen!

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  • am 29.06.2020 um 13:04 Uhr
    Permalink

    @Brunner:
    Sie meinen: «Das Gesundheitswesen wird heute von Wegelagerern dominiert, die auf Kosten Allgemeinheit ihre Pfründe sichern."

    … richtig, man überlebt auch mit Hüftschmerzen und Gangschwierigkeiten. Bis zu seinem Tode kann solches erduldet werden. Also: Kein Problem – man stirbt nicht daran, wenn man sich keine Hüftgelenkoperation machen lässt. «(Er)sparen» wir uns doch solche, oder?

    Haben wir hier den Beleg dafür, dass eine Operation unnötig ist? Ganz offensichtlich, wenn man Ihrer und Bersets «Logik» Folge leistet. Dann aber – bitte – konsequent diese «tolle» Logik durchziehen (und nicht nur dort anwenden, wo es einem gerade passt), z.B.:

    Da wir auch auf holprigen Schotterstrassen ans Ziel kommen, ist das Asphaltieren, Unterhalt und Ausbau der Infrastruktur unnötig. Lassen wir es doch. (Er-)sparen wir uns diese «Operation». Usw. usf.

    [Da die Schweiz auch ohne Berset, ja ohne das Bundesratsgremium, weiter existieren wird, können wir uns auch diesen – als «unnötig» – sparen. …]

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