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Maya Graf, seit 2001 im Parlament © SF/Tagesschau

«Ein Highlight wird das WEF sein»

Urs Zurlinden /  Grünen-Nationalrätin und Bald-Nationalratspräsidentin Maya Graf über ihr Erfolgsrezept und die Wahlverluste der Grünen.

Frau Graf, was bringt Sie auf die Palme?
Maya Graf: Dazu braucht es sehr viel, ich habe viel Geduld!

Sie gelten ja als durch und durch nett. Ist das Ihr Naturell oder Kalkül?
Ein einmal gefasstes Image bringt man kaum weg. Die Maya Graf ist zwar liebenswürdig und geduldig – ich mag die Menschen. Aber ich kann auch sehr bestimmt auftreten und würde von mir behaupten: ich habe eine natürliche Autorität.

Neben einem laut polternden SVPler kann die leise Grüne leicht überhört werden?
Das ist ein Trugschluss.

National prominent wurden Sie 2003 mit dem Film «Mais im Bundeshuus». Haben Sie schauspielerische Talente?
In der Politik schadet es nicht, wenn man gerne vor der Kamera steht…

… wie viel Schauspielerei verträgt die Politik?
Der Hintergrund für einen Auftritt muss immer die Glaubwürdigkeit sein. Wer als Schauspieler seine Rolle glaubwürdig spielt, hat eine gute Resonanz, Effekthascherei hingegen wird durchschaut. Eine Rolle einzunehmen und sie konsequent durchzuziehen, das ist auch in der Politik sehr wichtig.

Im Film haben Sie mit viel Charme bürgerliche Männer an die Wand gespielt. Ist das Ihr Erfolgsrezept?
Selbstverständlich nicht! Mein Erfolgsrezept ist, dass ich die Dinge, die ich fordere, auch selbst lebe und mir ein Fachwissen erarbeitet habe. Als Hauptthema geht es mir in meiner ganzen politischen Laufbahn um unsere natürlichen Ressourcen, die wir für unsere künftigen Generationen bewahren müssen. Ich konnte mich also auch mit Argumenten durchsetzen. Aber selbstverständlich ist es hilfreich, wenn frau angehört und respektiert wird – und da ist sicher ein Quäntchen Charme nicht schlecht.

Sollten Frauen also in der Politik vermehrt ihren Charme einsetzen?
Das sollten sie nicht müssen, sondern dürfen. Auch Männer täte ab und zu etwas mehr Charme nicht schlecht.

Welchen Tipp geben Sie einer jungen Frau für den Einstieg in die Politik?
Sie sollte es nie alleine tun! Politik machen heisst, im Team arbeiten. Zuletzt steht sie dann vielleicht alleine ganz vorne, wie ich das jetzt darf; aber kämpfen muss man immer zusammen mit Gleichgesinnten. Zudem sollte sie sich von einer Niederlage nicht frustrieren lassen, es gibt immer einen nächsten Schritt zum Ziel. Und: Sie sollte die Lust am Politisieren nie verlieren. Es muss auch Humor Platz haben und Spielerei.

Der Frauenanteil stagniert auf bescheidenem Niveau. Woran liegt es?
Punkto Frauenförderung sind wir ein Entwicklungsland – das ist einfach zur Kenntnis zu nehmen! Wir haben erst seit 1971 das Wahl- und Stimmrecht, wir haben erst spät in Familien ergänzende Kinderbetreuung investiert und wir haben immer noch zu oft das veraltete Modell im Kopf: Frau zuhause, Mann arbeitet. Da ist noch viel zu tun, und ich hoffe, dass eine nächste Generation von Frauen und Männern die Aufteilung von Beruf, Erwerb, Politik und Familie wirklich anders regeln.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Frauenanteil in der Politik und in den Chefetagen?
Wenn man in der Politik Karriere machen will, gibt es oft dieselben Probleme wie in der Wirtschaft. Allerdings ist es bekanntlich durchaus möglich, eine Mehrheit von vier Frauen im Bundesrat zu haben. Es braucht einen Effort der Wirtschaft, dass die Frauen in den Kaderpositionen Fuss fassen können.

Noch beträgt der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen der hundert grössten Unternehmen klägliche fünf Prozent. Fehlt den Frauen der Drang nach oben?
Das würde ich nicht sagen. An den Universitäten sind die Hälfte der Studierenden heute Frauen. Die gehen nach dem Studium verloren, nicht weil sie keine Karriere machen wollten, sondern weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Unsere Wirtschaft ist nach den Bedürfnissen der Männer aufgebaut. Ein Grossteil der Frauen haben andere Bedürfnisse zu führen, gefördert zu werden, teilzeit zu arbeiten, weniger hierarchisch zu denken und zu entscheiden. Wir müssen dieses männlich dominierte Umfeld kritisch durchleuchten und dann die Rahmenbedingungen verbessern. Dann hätten auch junge Väter, die Väter sein wollen, grössere Chancen, Karriere zu machen.

Braucht es eine Quotenregelung?
Ja, für einen Übergang ganz bestimmt.

Das Thema haben die FDP-Frauen wieder auf die Traktandenliste gesetzt. Erstaunlich?
Die FDP-Frauen spüren vielleicht am eigenen Leib, dass sie selber wenig Einfluss haben – oder dass gut qualifizierte Frauen aufgeben.

Norwegen kennt seit 2006 eine Quotenregelung – ziemlich erfolglos.
Ich kenne die Situation in Norwegen zu wenig. Die Quote ist nur ein Mittel, die Rahmenbedingungen und das Umfeld gehören dazu. Es braucht ein ganzes Setting.

Eine Quotenfrau braucht keinen Leistungsausweis. Das ist doch wahrlich diskriminierend!
Warum reden wir nur über Quoten? Als Grüne bin ich sicher keine Quotenfrau!

Tatsächlich nicht? Sie werden zur höchsten Schweizerin gewählt, nur weil die CVP den Grünen den Vortritt lässt.
Die Konstellation ist eine andere: Die Grünen arbeiten nun schon seit 30 Jahren im Parlament mit. In kantonalen Parlamenten ist es üblich, dass zum Beispiel im Abstand von sieben oder zwölf Jahren auch einmal eine Nichtregierungs-Partei das Präsidium erhält. Auf Bundesebene ist das seit 15 Jahren ein Streitpunkt: Die Grünen haben schon in den 90er Jahren mit dem heutigen Datenschutzbeauftragten Hanspeter Thür ihren Anspruch geltend gemacht. Wir wurden immer wieder vertröstet bis die CVP jetzt eine Lücke geöffnet hat. Das ist die Anerkennung für unsere politische Arbeit – und für mich persönlich eine speziell grosse Ehre und Verpflichtung.

Bei Ihrem ersten Anlauf 2007 stand Ihnen Pascale Bruderer von der SP vor der Sonne – eine Kollegin aus dem rot-grünen Lager.
Sie ist eine Kollegin, die ich sehr schätze. Die damalige Wahl war für uns beide kein Problem, wir hatten beide unsere Rollen.

Die Grünen verlieren eine Wahl nach der anderen. Was ist los?
Das ist übertrieben! Wir haben die letzten zehn Jahre immer gewonnen – ohne dass es in den Medien hiess: Die Grünen gewinnen schon wieder! Jetzt haben wir eine Stagnation. Das ist ein Warnzeichen, und wir müssen das ernst nehmen.

Wie machen sich die beiden Co-Präsidentinnen Regula Rytz und Adèle Thorens?
Die machen das sehr gut. Adèle Thorens ist sehr gut vernetzt in der Romandie, während Regula Rytz die Exekutiverfahrung mitbringt. Sie kann führen, kennt die Politik seit 30 Jahren und weiss, wie man Themen auf den Punkt bringt und umsetzen muss. Nun müssen wir ihnen etwas Zeit lassen.

Als höchste Schweizerin werden Sie zum Aushängeschild der Partei. Wie wollen Sie punkten?
Ich möchte dieses Amt als Anerkennung für die 30 Jahre aktive Parlamentsarbeit der Grünen verstanden wissen. Meine Person repräsentiert den grünen Aufstieg exemplarisch: Ich bin ein Kind der frühen Öko-Bewegung, habe Kaiseraugst zwar verpasst und wurde dann rechtzeitig dem Waldsterben, mit den Erdölkrisen, mit der Jugend-, der Friedens- und mit der Frauenbewegung in den 70er und 80er Jahren politisiert. Die Grünen sind der Schmelzpunkt dieser Bewegungen.

Auf derartige Werbespots müssen Sie nun für ein Jahr verzichten: Als Nationalratspräsidentin sind Sie politisch neutralisiert.
Ja, ich werde die Präsidentin des ganzen Nationalrates und alle Parlamentarierinnen und Parlamentarier gleichermassen vertreten. Aber ich werde zahlreiche Anlässe besuchen, Referate halten und dabei Themen aufgreifen wie Landwirtschaft, Energiewende, grünes Wirtschaften. Es ist halt so: Unsere grünen Themen bestimmen im Moment die Traktandenliste der Politik.

Die Baselbieter Biobäuerin löst den Thurgauer Bauern Hansjörg Walter ab – und übergibt in einem Jahr dem Entlebucher Ruedi Lustenberger – das Ländliche dominiert?
Das ist mir auch aufgefallen. Zuvor war ja noch der Walliser Weinbauer Jean-René Germanier. Die ländliche Schweiz hat Gewicht in diesem Parlament! Ich bezeichne mich allerdings als Vermittlerin zwischen Stadt und Land. Das Thema ist spannend: Wie bringen wir die wachsende Bevölkerung der Agglomerationen mit der ländlichen Bevölkerung zusammen, die schwindet und sich zunehmend bedroht fühlt. Das war beim Ja zur Zweitwohnungsinitiative sehr gut spürbar.

Was werden Sie anders machen als ihr Vorgänger Walter?
Er hat es sehr gut gemacht, und ich habe viel von ihm gelernt. Er hat sich nie aus der Ruhe bringen lassen, das beeindruckt mich.

Werden Sie durch das Land tingeln?
Ich werde möglichst viele Anlässe in allen Landesteilen besuchen. Das sollen nicht nur Kaderanlässe sein, auch die gewöhnlichen Leute sollen mich kennenlernen können.

Ist schon ein Highlight in Sicht?
Ein Highlight wird das WEF sein. Das wird für mich insofern interessant, da ich eine sehr kritische Haltung habe zu diesem privaten Wirtschaftstreffen, das viel Politisches einbindet. Dann werde ich aber auch das Weltsozialforum in Tunis besuchen, das seit nunmehr zehn Jahren als Gegenbewegung zum WEF stattfindet. So kann ich einerseits die Elite der Wirtschaft treffen und andererseits Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft, die über eine bessere Welt für alle debattieren.

Wie wär’s nach einer grünen Nationalratspräsidentin mit einer grünen Bundesrätin Maya Graf?
Was ich in meiner politischen Karriere gemacht habe, habe ich immer im Moment gerne und hoffentlich auch gut gemacht. Dabei denke ich nicht schon ans Nächste.

Aber ausschliessen wollen Sie nichts?
Wie es weiter geht, ist in der Politik nie planbar.

Bio-Box

Maya Graf wurde am 28. Februar 1962 geboren und ist in Sissach aufgewachsen. Nach der Handelsmittelschule in Liestal schloss sie 1990 die Höhere Fachschule im Sozialbereich beider Basel ab und arbeitete von 1994 bis 2001 als Sozialarbeiterin in Liestal. Seit 2000 ist sie Mitbewirtschafterin der Hofgemeinschaft «Unter der Fluh». Seit 2001 sitzt sie im Nationalrat, von 2009 bis 2010 als Fraktionspräsidentin der Grünen, dann als Vize- und ab 2013 als Nationalratspräsidentin. Maya Graf ist verheiratet und Mutter zweier Kinder im Alter von 16 bis 19 Jahren.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

keine. Das Interview erschien zuerst in der "Südostschweiz am Sonntag".

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