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Mehr Schienen – höhere Defizite © Vargas / Fotalia.de

Die SBB stecken in der Wachstumsfalle

Hanspeter Guggenbühl /  Die SBB bewegen sich in einer Wachstums- und Verschuldungsspirale: Ihr Verkehr wächst. Noch stärker aber wachsen die Schulden.

Verkehrsnetze seien «Treiber des Wohlstandes und des wirtschaftlichen Wachstums in der Schweiz», stellte der Bundesrat fest. Diesen Befund übernahm SBB-Präsident Ulrich Gygi gestern Mittwoch an der Bilanz-Medienkonferenz: «Die SBB halten die Volkswirtschaft am Laufen.»

Verkehr nahm stark zu

Der Verkehr der Bundesbahnen wuchs im letzten Jahrzehnt weit stärker als die am realen Bruttoinlandprodukt (BIP) gemessenen Volkwirtschaft: Von 2000 bis 2010 stieg die Zahl der SBB-Passagiere um 56 Prozent, die Verkehrsleistung in Personenkilometern (Passagierzahl mal gefahrene Kilometer) sogar um 61 Prozent. Einen grossen Wachstumsschub löste 2004 die Eröffnung von «Bahn 2000» aus, die das Angebot sprunghaft erweiterte.

Mit einer Passagierzunahme von sechs Prozent gegenüber dem bisherigen Rekordwert im Vorjahr lag das Wachstum im Jahr 2010 ebenfalls über dem langjährigen Durchschnitt. Zudem transportierten die SBB – nach dem Einbruch in den Vorjahren – 2010 auch wieder mehr Güter: Die Verkehrsleistung in Tonnenkilometer lag 2010 nur noch leicht unterm dem Rekordwert von 2007.

Schulden wuchsen stärker

Weniger stark als der Verkehr stieg 2010 der Ertrag daraus, nämlich um drei Prozent auf 3,6 Milliarden Franken. Das heisst: Pro Kilometer reisten Güter und Personen 2010 etwas billiger. Die Beiträge der öffentlichen Hand (vorab für den Ausbau des Bahnnetzes und den defizitären Regionalverkehr), die in der SBB-Rechnung als Ertrag verbucht werden, summierten sich 2010 auf 2,6 Milliarden. Der gesamte Ertrag (Verkehrs- und Nebenerträge plus Staatsbeiträge) betrug 7,8 Milliarden Franken. Unter dem Strich blieb ein Konzerngewinn von knapp 300 Millionen Franken.

Dieser Gewinn reicht bei weitem nicht, um die Investitionen der SBB ins Rollmaterial sowie die Beiträge an die notleidende Pensionskasse zu finanzieren. Folge: Die Nettoverschuldung der SBB stieg 2010 gegenüber dem Vorjahr um weitere 11 Prozent auf total 17,3 Milliarden Franken. Nicht nur kurz-, auch mittelfristig ist die Verschuldung der SBB stärker gewachsen als die Verkehrsleistung – und viel stärker als der Verkehrsertrag. Was zeigt: Das Wachstum der SBB, das die «Volkswirtschaft am Laufen hält», basiert auf Pump.

Spirale von Wachstum und Schulden

Ursache dieser Schuldenwirtschaft ist der Erfolg einer Mobilität, die zu billig ist. «Unsere Leistungen sind in den letzten Jahren viel stärker gewachsen als die Preise», konstatiert SBB-Chef Andreas Meyer. Beispiel: Besitzer von Generalabonnements (GA), die von Mengenrabatt profitieren, bezahlen mit durchschnittlich acht Rappen pro Kilometer Fahrt nur die Hälfte der Bahnkosten. Derweil wächst die Zahl der vielfahrenden GA-Besitzer rasant.

Um den wachsenden Verkehr zu bewältigen, müssen Bund und Kantone immer mehr Geld ins Schienennetz und die SBB mehr Geld ins Rollmaterial investieren. Öffentlicher Widerstand verhindert, dass die Bahnen ihre bei weitem nicht kostendeckenden Tarife genügend erhöhen können.

Ein Stopp dieser Wachstums- und Schuldenspirale ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: «Bis zum Jahr 2030 wird der Personenverkehr auf der Schiene um 50 Prozent, in Agglomerationen um 100 Prozent zunehmen», prophezeit Ulrich Gygi. Der dazu nötige Ausbau von Netz und Rollmaterial wird neben den Investitions- auch die Unterhaltskosten erhöhen. Gleichzeitig verlangt der Bund von den SBB steigende Trassepreise als Entgelt für das defizitäre Schienennetz.

Den wachsenden Schulden stellt Andreas Meyer den öffentlichen Nutzen der Bahn gegenüber: «Die SBB sichern Arbeitsplätze, schützen die Umwelt, verbinden die Regionen. Sie bewegen jeden Tag fast eine Million Menschen und fördert ihre Lebensqualität.» Zumindest die letzte Feststellung in Meyers Werbespot ist nicht ganz unbestritten. Denn Resultate aus der Glücksforschung zeigen, dass Pendeln zu den Tätigkeiten gehört, die den Menschen am wenigsten gefällt.


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