Der Bundesrat hat noch 2010 Atomgefahr ignoriert

Niklaus Ramseyer /  Eine Bundes-Broschüre vom Mai 2010 listet jegliche Horror-Szenarien auf – bis hin zum «schweren Erdbeben». Doch kein Wort zum Atom.

Die Broschüre, welche der Bundesrat im Mai 2010 publiziert hat *), ist nur zwölf Seiten stark. Doch unter dem Titel «Vorsorgeplanungen des Bundes» breitet sich darin ein wahrer Horrorkatalog mit allen möglichen Grosskatastrophen aus: Von einer Pandemie mit «weit über 1000 Todesopfern» geht das über den «Abschuss eines Passagierjets» (»stürzt auf ein Wohnquartier ab») bis zu verschiedenen Terror-Anschlägen – mit «schmutziger Bombe», mit Pokenviren oder dem Kampfgift Sarin «in einem beliebten Einkaufszentrum».

3000 Tote im Raum Basel

Und natürlich Erdbeben: «Schweres Erdbeben», steht zu hinterst in der Broschüre: «Die Stärke der Erschütterung ist identisch mit dem Erdbeben im Jahr 1356, das die Stadt Basel nahezu komplett zerstört hat.» Die fatalen Folgen: «3000 Todesopfer, 10 000 Schwerverletzte, 6000 Verschüttete», rechnet das Heftchen vor, auf dessen dritter Seite der «Sicherheitsausschuss (SiA)» des Bundesrates bestehend aus Micheline Calmy-Rey (SP), Eveline Widmer Schlumpf (BDP) und Ueli Maurer (SVP) der geneigten Leserschaft von Passfotos breit entgegen strahlt. Hinzu kämen: «350 000 Obdachlose (über Wochen/Monate)» sowie «70 bis 140 Mrd CHF direkte Sachschäden» und «5 000 zerstörte Gebäude».

Tschernobyl schnell vergessen
Aber nirgends ein zerstörtes Atomkraftwerk: Nicht einmal ein beschädigtes unter den immerhin «20 000 sehr schwer beschädigten Gebäuden (abzureissen)». Wie überhaupt die Problematik «Kernkraftwerk» oder «Atommüll» in dem ganzen Katalog mit keinem Wort erwähnt wird. Keine einzige Jodtablette kommt da vor.

Dabei gibt die Landesregierung vor, der Bundesrat sei schon seit 1994 bereit «auf die wachsende Komplexität von Krisen reagieren zu können». Das einzige wirklich bedrohliche Grossereignis, das die Schweiz in letzter Zeit erlebt hat, war Tschernobil 1986: Damals traute sich niemand mehr Salat zu essen, die Mütter durften ihre Babies nicht mehr stillen – und die Behörden aller Stufen waren rundum überfordert. Vergangen und vergessen: Weil in Sachen AKW ganz offenbar nicht sein kann, was nicht sein darf. N.R.

*) «Vorsorgeplanungen des Bundes»
Von M. Calmy Rey, E.Widmer-Schlumpf und U. Maurer 2010, 12 s, broschiert, Hrsg. Stab Sicherheitsausschuss des Bundesrates (SiA)
Gratis zu beziehen bei: www.blb.admin.ch/bundespublikationen


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