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Auch ohne das alte KKW Mühleberg haben die BKW genug Strom für ihre Kunden © BeenAround/Flickr

BKW hat genug Strom ohne neue Atomkraftwerke

Hanspeter Guggenbühl /  Die Berner BKW kann problemlos aus der Atomenergie aussteigen. Denn sie produziert mehr Strom als ihre Konsumenten verbrauchen.

«Kernenergie bleibt ein unverzichtbarer Pfeiler für eine zuverlässige und klimafreundliche Stromzukunft.» Das schrieben BKW-Präsident Urs Gasche und BKW-Chef Kurt Rohrbach im Geschäftsbericht 2010, bevor die Atomkatastrophe vom 11 März 2011 in Japan die Schweizer Energiepolitik erschütterte. Die Gültigkeit dieser Aussage war kürzer als die Halbwertszeit von Atommüll. Denn am 19. April 2011 beauftragte der Verwaltungsrat die BKW-Geschäftsleitung, den «geordneten Ausstieg aus der Atomkraft» zu planen.

Die neue Strategie soll im März 2012 vorliegen. Mögliche Wege ohne neue Atomkraftwerke, so zeigt die Analyse der BKW-Daten, sind bereits absehbar.

Produktion übertrifft den Konsum

Die BKW-Kraftwerke produzieren heute 2,4 Milliarden Kilowattstunden (kWh) mehr Strom, als Wirtschaft und Haushalte im BKW-Versorgungsgebiet verbrauchen. Das zeigen die Daten im Geschäftsbericht 2010 (siehe Tabelle am Schluss: «Die Strombilanz der BKW»). Von der gesamten Produktion von 10,55 Milliarden kWh entfielen 2010 allerdings 2,4 Milliarden auf Beteiligungen im Ausland, insbesondere die französischen Atommeiler Cattenom und Fessenheim sowie ein Gaskraftwerk bei Livorne in Italien. Aber auch ohne Auslandbeteiligungen wäre die BKW-Strombilanz heute nahezu ausgeglichen.

Bei einem «geordneten Ausstieg» würde das AKW Mühleberg nach 50 Jahren Laufzeit 2022 abgeschaltet, die französischen AKW Fessenheim und Cattenom 2020 bis 2030, während das AKW Leibstadt bis zum 60. Geburtstag im Jahr 2044 weiter Atomkraft verstromen könnte. Auf der andern Seite wird das im Bau befindliche Kohlekraftwerk Wilhelmshaven, an dem sich die BKW mit 33 Prozent beteiligte, ab 2012 neu rund 1,8 Milliarden Strom für die BKW produzieren. Zudem plant die BKW, die Produktion aus neuen erneuerbaren Energien auf 0,6 Milliarden kWh auszubauen, nachdem es das Ausbauziel gegenüber früher kürzlich reduziert hatte.

Resultat beim Atomausstieg

Im Jahr 2030 könnte die BKW trotz Atomausstieg immer noch 8,1 Milliarden kWh Strom produzieren (siehe Tabelle am Schluss), also nahezu gleich viel, wie Wirtschaft und Haushalte 2010 im BKW-Gebiet verbrauchten. Diese Perspektive war schon vor der Katastrophe in Japan absehbar. Doch die BKW setzte auf weiter wachsenden Stromverbrauch. Darum plante sie eine Beteiligung von 15,5 Prozent oder 500 Megawatt an neuen Atomkraftwerken in der Schweiz.

Damit stellt sich die neue Frage: Wie lassen sich bei einem Ausstieg 500 Megawatt Leistung respektive die Produktion von 4,0 Milliarden kWh Atomstrom ersetzen (oder einsparen)? Drei Szenarien zeichnen sich ab:

1. Gaskraft: Am einfachsten wäre, Atom- durch Gaskraftwerke zu ersetzen. Dazu könnte die BKW ihr Gaskraftwerk-Projekt mit 400 Megawatt Leistung in Utzenstorf aus der Schublade holen. Bei Volllastbetrieb liessen sich damit 3,2 Milliarden kWh Strom erzeugen. Der Haken daran: Damit allein stiege der CO2-Ausstoss in der Schweiz um rund vier Prozent. Das widerspricht den klimapolitischen Zielen.

2. Einsparen: Mit einer konsequenten Stromspar-Politik liesse sich der Stromverbrauch um einen Drittel oder 2,7 Milliarden kWh vermindern. Dazu müsste die BKW endlich tun, was Linke und Grüne seit 30 Jahren fordern: Mengenrabatte ersetzen durch Stromtarife, die bei wachsendem Verbrauch progressiv steigen. Damit verringert sich der Stromeinsatz für Heizungen. Zudem würden ineffiziente Anlagen, Geräte, Beleuchtungen und Industriemotoren ersetzt.

3. Erneuerbar: Mit hohen Investitionen in Wind-, Solar-, Biomasse- und kleine Wasserkraftwerke liesse sich die Stromproduktion aus erneuerbarer Energie massiv erhöhen. Der Haken daran: Der Investitionsbedarf ist gross, ebenso der Widerstand gegen Windkraftwerke und die Trockenlegung von Bächen.

Die Umsetzung aller hier skizzierten Szenarien stösst auf ökonomischen, ökologischen oder politischen Widerstand. Denkbar wäre deshalb eine Kombination aus Stromsparen, vereinzelten kleinen Gaskraftwerken mit hohem Anteil an Wärmenutzung sowie der Förderung von erneuerbaren Energien auch ausserhalb des Strombereichs.

Die Strombilanz der BKW

Die Tabelle zeigt den Stromkonsum im BKW-Versorgungsgebiet im Jahr 2010, die Stromproduktion der BKW im Jahr 2010 und die voraussichtliche Produktion 2030 bei einem geordneten Ausstieg aus der Atomenergie, alles in Millionen Kilowattstunden (Mio. kWh) .

in Mio. kWh
Konsum 2010 total 8153

Produktion 2010 10’552
davon:
– Wasserkraft 3754
– Fossil 700
– Neue Erneuerbar 177
– Atomkraft 5921
davon
— KKW Mühleberg 2980
— KKW Leibstadt 1291
— KKW Fessenheim 603
— KKW Cattenom 1047

Produktion 2030 total 8144
davon
– Wasserkraft 3754
– Fossil* 2500
– Neue Erneuerbare 600
– Atomkraft 1290
davon
— KKW Leibstadt 1290

* Gaskraftwerk Livorno plus ab 2012 neues Kohlekraftwerk Wilhelmshaven
** Gemäss korrigierten Ausbauplänen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

keine

Zum Infosperber-Dossier:

SolaranlageBauernhof-1

Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke

Erstes, zweites und drittes Gebot: Der Stromverbrauch darf nicht weiter zunehmen.

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