Sperberauge

AKW Leibstadt achtmal frisiert

Kurt Marti © Christian Schnur

Kurt Marti /  Die Leistung von Leibstadt wurde seit 1984 um 28,4 Prozent erhöht. Das Ensi muss mögliche Schaden-Folgen klären.

Wenn Jugendliche ihre Töffli frisieren, werden sie gebüsst. Wenn das AKW Leibstadt seit der Inbetriebnahme im Jahr 1984 achtmal seine Leistung erhöhte, erhielt es von der Atomaufsicht Ensi (früher: HSK) immer den offiziellen Segen.

1984 ging das AKW Leibstadt mit einer Leistung von 950 Megawatt (MW) in Betrieb und ab 2015 beträgt die Leistung 1220 MW. Das heisst, die Leistung wurde in acht Etappen um ingesamt 270 MW erhöht, was einer Erhöhung von 28,4 Prozent entspricht.


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Das AKW Leibstadt ist ein Siedewasser-Reaktor vergleichbar mit einem Dampfkochtopf: Im obersten Bereich entstehen im Reaktordruckgefäss Dampfblasen. Möglicherweise hatten die Leistungserhöhungen zur Folge, dass zu viele Dampfblasen entstanden und die Hüllen der Brennelemente oxidierten, das heisst rosteten.

Die möglichen Auswirkungen der Leistungserhöhungen auf die Brennelemente müssen jetzt genau abklärt werden. Das ist die Aufgabe der Atomaufsicht Ensi.

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Nachträgliche Bemerkung vom 16. Februar 2017: Fahrlässiger Entscheid des Ensi

ktm. Heute hat das Ensi den Weiterbetrieb des AKW Leibstadt bewilligt. Dazu folgende Bemerkungen:

Das Ensi erklärt: «Es ist allgemein bekannt, dass Leistung, Bauart und Position der Brennelemente sowie der Kerndurchsatz – also die Menge an Wasser pro Zeiteinheit, die durch den Kern gepumpt wird – eine entscheidende Rolle bei Dryoutphänomenen spielen.»

Damit gibt das Ensi zu, dass die mehrfachen Leistungserhöhungen des AKW Leibstadt ein wichtiger Grund für die Brennelement-Schäden sind und dass die Leistungserhöhungen mit viel Mut zum Risiko erfolgten.

Die Leistungserhöhungen wurden jeweils vom Ensi (vorher HSK) bewilligt. Deshalb muss untersucht werden, ob das Ensi bzw. die HSK die Leistungserhöhungen genügend sorgfältig abgeklärt haben. Die brisante Frage lautet: Wenn «allgemein bekannt» ist, dass die Leistung «eine entscheidende Rolle bei Dryoutphänomenen» spielt, warum hat das Ensi bzw. die HSK achtmal Leistungserhöhungen bewilligt?

Einerseits behauptet das Ensi, die «Bedingungen, die zum Dryout geführt haben», seien «identifiziert». Andererseits schreibt die Atomaufsicht: «So sind auch die detaillierten physikalischen Mechanismen, die im KKL zum Dryout führten, noch nicht bekannt.»

Die Erklärungen des Ensi sind widersprüchlich und verwirrlich. Einmal mehr drückt sich das Ensi um eine klare Stellungnahme herum, im Interesse der AKW-Betreiber und gegen die Sicherheitsinteressen der Bevölkerung.

Fazit: Der heutige fahrlässige Entscheid des Ensi zeigt einmal mehr, dass eine externe Aufsicht für die Atomaufsicht unbedingt erforderlich ist. Es ist höchste Zeit für eine entsprechende Gesetzesänderung durch das eidgenössische Parlament.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Kurt Marti war früher Geschäftsleiter, Redaktor und Beirat der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES)

Zum Infosperber-Dossier:

Ensi

Atomaufsichtsbehörde Ensi

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi entscheidet darüber, ob AKWs noch sicher genug sind.

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Die Sicherheit Schweizer AKWs

Nach einer Katastrophe drohen Krankheiten oder Tod. Und Gebäude- und Hausratversicherungen zahlen keinen Rappen.

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