Michael Sailer, Mitglied der «Expertengruppe Reaktorsicherheit» (ERS) des Ensi, verlangt zuerst die Klärung der Ursache der Brennelement-Schäden im AKW Leibstadt © Ökoinstitut Darmstadt
Urek-Präsident Stefan Müller-Altermatt: Vollstes Vertrauen © srf

Rost-AKW Leibstadt: Die Nagelprobe für das Ensi

Kurt Marti / 10. Feb 2017 - Wenn das Ensi demnächst grünes Licht für das AKW Leibstadt gäbe, wäre das ein weiteres Alarmzeichen für die Politik zum Handeln.

«Es muss unbedingt geklärt werden, weshalb die Kühlung nicht funktioniert hat. Auf jeden Fall darf man nicht wiederanfahren, bevor das nicht völlig klar ist», forderte der Atomexperte Michael Sailer im Interview mit der «Rundschau». Sailer ist Geschäftsführer des Ökoinstituts Darmstadt und gehört zu den renommiertesten Atomexperten Europas. Er ist Mitglied der internationalen «Expertengruppe Reaktorsicherheit» (ERS) des «Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats» (Ensi).

Ensi informierte erst nach der Abstimmung

Zwei Aspekte sind im Zusammenhang mit Sailers Aussagen höchst erstaunlich: Erstens wurde Sailer bis am 1. Februar 2017 noch nicht vom Ensi zu den gravierenden Problemen im AKW Leibstadt konsultiert. Zweitens schwiegen sich die Schweizer Printmedien über die brisante Forderung des Atomexperten Sailer aus. Einzig die «Berner Zeitung» erwähnte Sailers Forderung in einem kurzen Artikel.

Das AKW Leibstadt steht seit August 2016 still, weil 47 der 648 Brennelemente «oxidiert», das heisst gerostet sind, weil sie nicht gekühlt wurden. Erschreckend dabei ist, dass die Chronologie der Ereignisse schon im 2012 begann:

  • Ab 2012/13: Im AKW Leibstadt treten systematisch kritische Siedezustände – sogenannte Dryouts (Trockenlegungen) von Brennstäben – auf.

  • 2014: Das AKW Leibstadt bemerkt erste Brennstoff-Schäden. Ein Hüllrohr war durchgerostet, so dass Radioaktivität in den Kühlkreislauf gelangte, wie das Ensi gegenüber der «Rundschau» bestätigte.

  • 2015: Das AKW Leibstadt stellt fest, dass die Brennstoff-Schäden auf Dryouts zurückzuführen sind, und ergreift erste Massnahmen. Trotzdem läuft das AKW Leibstadt weiter.

  • August 2016: Nachdem die Brennstoff-Schäden weiter auftraten, wird das AKW Leibstadt abgestellt und steht seither still.

  • 27. November 2016: Die Abstimmung über die Atomausstiegs-Initiative findet statt.

  • 19. Dezember 2016: Das Ensi erwähnt in einem Nebensatz einer Medienmitteilung erstmals die Dryouts.

  • 1. Februar 2017: Die «Rundschau» von SRF macht die verrosteten Brennelemente im AKW Leibstadt einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

Die brennende Frage lautet: Wieso hat das Ensi erst drei Wochen nach der Atomausstiegs-Abstimmung über die Dryouts berichtet, obwohl die Dryouts den Betreibern des AKW Leibstadt schon seit 2015 bekannt sind?

Ensi muss Interessenabwägung publizieren

Laut der «Rundschau» hat das Ensi die Neubeladung des Reaktorkerns bewilligt und die AKW-Direktion will das Atomkraftwerk Mitte Februar wieder in Betrieb nehmen. Die definitive Betriebsbewilligung des Ensi steht noch aus.

Der wirtschaftliche Druck auf das Ensi ist hoch. Das AKW Leibstadt verliert pro Tag eine Million Franken. Bisher haben sich durch den Stillstand rund 180 Millionen Franken Verluste aufgetürmt. Das Ensi ist in der Zwickmühle zwischen den Sicherheitsinteressen der Bevölkerung und den betriebswirtschaftlichen Interessen der AKW-Betreiber (Alpiq, Axpo, BKW).

Wenn das Ensi demnächst einen Entscheid trifft, ob das AKW Leibstadt weiterlaufen darf oder nicht, braucht es volle Transparenz. Die Interessenabwägung muss publiziert werden.

Zudem kommt das Ensi aufgrund der Kritik des Atomexperten Michael Sailer nicht darum herum, endlich seine eigene Expertengruppe anzuhören. Leider ist Sailer der einzige kritische Atomexperte in dieser Ensi-Expertengruppe ERS. Neben Sailer sitzen drei ehemalige und amtierende VertreterInnen von ausländischen Atomaufsichtsbehörden (Finnland, Frankreich, Belgien) in der ERS sowie der ehemalige Ensi-Chef Ulrich Schmocker und ein Experte für Arbeitspsychologie.

Politik muss Weichen für das Ensi neu stellen

Schluss mit Theorie! Praxis ist lustiger. Nachdem in den 1960er-Jahren die Autolawine angerollt war, fühlten sich immer mehr Leute vom Lärm belästigt. Darum führten die Behörden nach langen politischen Debatten Lärmgrenzwerte für Automotoren ein. Innovativen Ingenieuren gelang es darauf, die lauten Motoren leiser zu machen und ihre Leistung gleichwohl zu steigern. Die stärkeren Motoren erlaubten es, grössere Autos mit breiteren Pneus herzustellen, die trotz höherem Rollwiderstand weiterhin flott beschleunigen. Diese Innovationen förderten das Wachstum der Autoindustrie ebenso wie die durch Abgasvorschriften erzwungenen Abgaskatalysatoren.

Doch der Lärm, den die breiteren Pneus bei wachsender Geschwindigkeit verursachen, neutralisierte die Drosselung des Motorenlärms. Das förderte die Innovationsfähigkeit der Strassenbauer. Sie umrandeten Strassen mit Lärmschutzwänden oder ersetzten hundskommunen Asphalt durch allerlei Arten von «Flüsterbelägen», die den Lärm der lauten Reifen reduzierten. Diese Innovationen förderten nicht nur das Wachstum der Bauindustrie, sondern machten den Strassenverkehr wieder etwas leiser. Aber nur vorübergehend. Denn die Produzenten von staatlichen Vorschriften, starken Motoren, breiten Pneus und flüsternden Strassenbelägen blieben innovativ.

Die nächste Innovation lancierten Sicherheitsexperten und Strassenbauer gemeinsam. Sie ersetzten die glatten Markierungen auf den Fahrbahnen durch gerillte Mittel- oder Seitenlinien. Das wiederum förderte das Wachstum des Farb- und Tiefbaugewerbes. Und es hat den Vorteil, dass nun auch sehbehinderte und schlafende Automobilisten merken, wenn sie die Mittellinie überfahren. Denn wenn ihre breiten Pneus über die Mittellinie brettern, rätscht es hörbar.

Wieviel Naivität ist erlaubt?

Das ist ein klarer Auftrag zweier Wissenschaftler an die Politik, insbesondere an die zuständigen Energiekommissionen (Urek) von National- und Ständerat. Im Interview mit der «Rundschau» hat der Solothurner CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt in seiner Funktion als Präsident der Urek des Nationalrats zu den neusten Ereignissen um das AKW Leibstadt und zur Arbeit des Ensi Stellung genommen. Dabei beteuerte Müller-Altermatt, er habe hundertprozentiges Vertrauen ins Ensi und ins AKW Leibstadt, sonst wäre er «am Demonstrieren» vor dem Ensi oder vor dem AKW Leibstadt. Kein einziges kritisches Wort findet den Weg über seine Lippen.

Fassen wir zusammen: Breitere Pneus kompensieren leisere Motoren. Profilierte Mittelstreifen kompensieren die Wirkung von Schallschutz-Wänden und Flüsterbelägen. Der Lärm bleibt laut und stresst. Jetzt sind Innovationen der Gehörschutz-Branche gefordert. Damit der Innovations-Leerlauf weiter wachsen kann.

Stefan Müller-Altermatt: Vollstes Vertrauen

Unbeeindruckt von der Kritik der Atomexperten und den Fakten sieht Urek-Präsident Müller-Altermatt offenbar keinen Handlungsbedarf. Sein vollstes Vertrauen ins Ensi und das AKW Leibstadt wird durch sein Vertrauen in den Ensi-Rat und die IAEA abgerundet. Die handzahme «Kommission für nukleare Sicherheit» (KNS) lässt er unerwähnt.

Um seine Glaubwürdigkeit notdürftig zu stützen, biedert er sich beiläufig bei den AKW-GegnerInnen an: «Hinter dem Kernkraftwerk Leibstadt steht eine Energieform, die mir persönlich nicht so nahe ist». Aber pikanterweise doch nahe genug, dass er es in eine Arbeitsgruppe der Atomlobby geschafft hat, nämlich in den «Ausschuss nukleare Entsorgung» der Swisselectric, dem Lobbyverband der AKW-Betreiber Axpo, Alpiq und BKW.

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Nachträgliche Bemerkung vom 16. Februar 2017: Fahrlässiger Entscheid des Ensi

ktm. Heute hat das Ensi den Weiterbetrieb des AKW Leibstadt bewilligt. Dazu folgende Bemerkungen:

Das Ensi erklärt: «Es ist allgemein bekannt, dass Leistung, Bauart und Position der Brennelemente sowie der Kerndurchsatz – also die Menge an Wasser pro Zeiteinheit, die durch den Kern gepumpt wird – eine entscheidende Rolle bei Dryoutphänomenen spielen.»

Damit gibt das Ensi zu, dass die mehrfachen Leistungserhöhungen des AKW Leibstadt ein wichtiger Grund für die Brennelement-Schäden sind und dass die Leistungserhöhungen mit viel Mut zum Risiko erfolgten.

Die Leistungserhöhungen wurden jeweils vom Ensi (vorher HSK) bewilligt. Deshalb muss untersucht werden, ob das Ensi bzw. die HSK die Leistungserhöhungen genügend sorgfältig abgeklärt haben. Die brisante Frage lautet: Wenn «allgemein bekannt» ist, dass die Leistung «eine entscheidende Rolle bei Dryoutphänomenen» spielt, warum hat das Ensi bzw. die HSK achtmal Leistungserhöhungen bewilligt?

Einerseits behauptet das Ensi, die «Bedingungen, die zum Dryout geführt haben», seien «identifiziert». Andererseits schreibt die Atomaufsicht: «So sind auch die detaillierten physikalischen Mechanismen, die im KKL zum Dryout führten, noch nicht bekannt.»

Die Erklärungen des Ensi sind widersprüchlich und verwirrlich. Einmal mehr drückt sich das Ensi um eine klare Stellungnahme herum, im Interesse der AKW-Betreiber und gegen die Sicherheitsinteressen der Bevölkerung.

Fazit: Der heutige fahrlässige Entscheid des Ensi zeigt einmal mehr, dass eine externe Aufsicht für die Atomaufsicht unbedingt erforderlich ist. Es ist höchste Zeit für eine entsprechende Gesetzesänderung durch das eidgenössische Parlament.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Kurt Marti war früher Geschäftsleiter, Redaktor und Beirat der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES)

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Atomaufsichtsbehörde Ensi

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6 Meinungen

Unglaublich das es in der Schweiz keine massiven Proteste zu diesem Thema gibt. Trotz der Bekanntmachungen in diesem Artikel.... Ist die schweizerische Bevölkerung wirklich so naiv. Das nenne ich Volksverdummung auf aller höchstem Niveu, so, dass es ein gefährliches Maß an nimmt. Liebe Schweizer es geht hier um euer Land und nicht nur um Teile Deutschlands oder Österreichs. Wenn hier schlimmeres passiert dann kommen die Touristen nicht nur wegen des hohen Frankenkurses nicht mehr zu euch... Guten Morgen
Robert Maier, am 10. Februar 2017 um 08:20 Uhr
Wieviel «kriegt» Stefan Müller-Altermatt von der Atomlobby für seine Jobs? Sauhäfeli - Saudeggeli!
Willi Herrmann, am 10. Februar 2017 um 12:52 Uhr
Auf www.akw-nein.ch hat Balthasar Glättli, atomkritischer grüner NR, eine Petition mit bereits über 10'000 Unterschriften gestartet, um das Hochfahren von Leibstadt zu verhindern: bitte unterzeichnen!
Kurt Marti fasst die Lage hier super zusammen, ein absolut drängendes Problem.
Das ENSI hat den aktuellen Störfall selbst gemäss internationaler Schadenklassifikaktion INES mit INES1 kategorisiert. In dieser Kategorie drohen „allenfalls höherstufige Folgeereignisse“ bei Weiterbetrieb ohne Schadensbehebung! Dass sich das ENSI damit über seine eigene Beurteilung hinweg setzen will, ist ein Skandal!
Markus Vetterli, am 10. Februar 2017 um 13:42 Uhr
Kritische Siedezustände seit 2012! Wildi und Buser haben recht: Die Atomaufsicht muss komplett umgekrempelt werden und selbst unter Aufsicht gestellt werden, auch wenn Leibstadt weiter steht. Ein eklatanterer Beweis, dass die Behörde so wie sie ist, nicht taugt, ist kaum vorstellbar.
Peter Vogelsanger, am 10. Februar 2017 um 15:45 Uhr
Wer kontrolliert wen und wer macht die beste Kontrolle? Natürlich können wir Leibstadt abschalten, aber bitte schalten Sie auch alle Ihre elektrischen Geräte ab und verzichten Sie auch sofort auf alle fossilen Brennstoffe, also kein Auto und keine Flugreise mehr! Und schirmen Sie sich gegen franz. KKW's wirksam ab, man kann nie wissen!
Beda Düggelin, am 10. Februar 2017 um 19:25 Uhr
Kernproblem bleibt die – bezüglich Kompetenz und Unabhängigkeit – wenig überzeugende Aufsicht über das Ensi. Dazu drei Punkte:

• Im Ensi-Rat verstehen gerade mal zwei Mitglieder die Funktionen von Nuklearanlagen. Sonst: eine Biophysikerin leitet das Gremium, ein Bundesjurist (als BFE-Vizedirektor a.D. sicher völlig unbefangen …), eine Lebensmittelchemikerin, ein Aviatiker. – Soweit also das Personal der nuklearen Oberaufsicht.
• Bei der Kommission nukleare Sicherheit (KNS) sieht es zwar fachlich etwas besser aus. Trotzdem reibt man sich die Augen, wenn ein ehemaliger (Beznau-)AKW-Leiter als Mitglied aufgelistet erscheint: Befangenheit inbegriffen! Und eine Psychologin – mit nuklearer Sicherheitskompetenz? Doch der schwächste Punkt im Aufsichtssystem sitzt in seiner Struktur: die KNS kann lediglich „Empfehlungen“ formulieren – das Ensi entscheidet autark.
• Wie von Kurt Marti hervorgehoben, gehören der Expertengruppe Reaktorsicherheit (ERS) neben Michael Sailer vor allem „atomsympathische“ Mitglieder an. Als besonders „vertrauensbildende“ Massnahme sitzt auch der Vorgänger des aktuellen Ensi-Chefs im Gremium.

Darauf also gründet UREK-Präsident Müller-Altermatt sein «vollstes Vertrauen» in die Atomaufsicht. – „Vertrauen stellt sich bei Fragen grosser Bedeutung nur langsam ein“ , meint Ovid.
André Lambert, am 11. Februar 2017 um 23:54 Uhr

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