Kommentar
kontertext: Trinidad, eine Insel im Würgegriff der Geopolitik
Wir sassen im Jachthafen von Chaguaramas an einem stillen Sonntagnachmittag zwischen den Jahren in der Nähe des amerikanischen Militärstützpunktes, den die USA seit dem 2. Weltkrieg besetzt halten. Sie haben ihn 1943 von der Kolonialmacht England übernommen und nie mehr abgetreten. In Sichtdistanz vor dem südamerikanischen Kontinent gelegen und mit eigenen Öl- und Erdgasvorkommen, ist Trinidad wirtschaftlich und geopolitisch für die Grossmacht interessant genug. Wenige Kilometer entfernt, tauchten an diesem Sonntag vor der Küste Venezuelas am Horizont dunkle Öltanker und auch Schiffe der amerikanischen Kriegsflotte auf.

Seit dem 2. Januar weiss die Weltöffentlichkeit, warum so viele Kriegsschiffe stationiert waren. Die Angriffe auf die angeblichen Drogen-Fischerboote, bei welchen bis Jahresende über 100 Menschen umgebracht wurden, waren nur ein Ablenkungsmanöver im Namen der Bekämpfung von «narco-terrorism». Im Hintergrund lief die Diplomatie heiss. Die Premierministerin Trinidads, Kamla Persad-Bissessar, reiste vor Weihnachten zum amerikanischen Aussenminister Rubio. Zur Kenntnis aber nahm dies im Land kaum jemand. Nur der «Guardian» berichtete Ende Dezember ausführlich darüber. Das hat mit der Geschichte Trinidads zu tun, das als ehemalige britische Kolonie seine Unabhängigkeit bis heute behaupten kann.
Der zweite Anker des Kolumbus
Noch bis vor wenigen Jahren war im Vorhof des National Museums in Port of Spain der rostige, in Beton eingemauerte Anker des Kolumbus als Relikt zu besichtigen. Er soll ihn bei seiner Anfahrt auf die Insel 1498 im Sturm verloren haben. Er ist nun in Restauration und die Frage ist, wo er überhaupt hingehört: Ins Museum oder auf den Müllhaufen der Geschichte? Tatsächlich ist er noch immer ein Schlüssel zum kulturellen Selbstverständnis der Insel, deren indigener Name einst Awarak Yere (Insel der Kolibris) lautete; er wurde mit den Menschen und ihrem Land von den Spaniern annektiert.
Nach vielen Jahrhunderten der Kolonisation und der Ausbeutung hat sich die Frage der Unabhängigkeit in Trinidad bereits nach dem 2. Weltkrieg gestellt – noch bevor die Briten ihre westindischen Kolonien 1962 abgaben. Ein Grund für das erstarkte Selbstbewusstsein war auch das Erdöl, das bereits 1857 bei amerikanischen Bohrungen gefunden wurde und das seit den 40er Jahren kommerziell genutzt wird. Diese Raffinerien mit ihren hohen amerikanischen, britischen und neuerdings chinesischen Beteiligungen besiegeln wie ein zweiter Anker des Kolumbus das Schicksal der Insel – bis heute.
Zwischen den USA und Venezuela
Weil sich die Erdölvorkommen allmählich erschöpfen, sind die in den 70er Jahren entdeckten Erdgasfelder an der Ostküste Basis für die weitere Wirtschaftsentwicklung geworden. Sie decken heute die ganze Stromproduktion auf der Insel. Aber, und dies ist nun im Hinblick auf die aktuelle Situation in Venezuela entscheidend: Auch dieses Erdgas erweist sich als begrenzt, die Ausbeutung war zu gross, der steigende Bedarf und die Exporte wurden falsch kalkuliert. Das heisst: Trinidad braucht neue Partner, und dafür gibt es ein Projekt, das «Dragon-Gasfield» in Venezuela, das von den USA trotz Sanktionen gegen Venezuela mit gefördert werden sollte.

Tatsächlich steckt Trinidad nun mehr denn je in der Klemme zwischen internationalen Interessen. Die Insel braucht die USA und Venezuela. So trat die Premierministerin mit doppelter Strategie die Flucht nach vorne an, besprach mit Rubio die Zukunft der Erdgasfelder, bot den USA weitere militärstrategische Hilfe an und erzählte den Leuten in Trinidad, sie wolle mit Trump die Drogendealer bekämpfen. Nach der Entführung Maduros war ihr erstes Statement an die Bevölkerung, dass Trinidad daran nicht beteiligt gewesen sei. Für die wirtschaftliche Zukunft hängt alles vom Erdgas Venezuelas ab.
Postkolonialer Würgegriff
Bereits 1985 hat Martin Walser mit seinem Essay «Variationen eines Würgegriffs» nach einer Reise einen Bericht über die Insel verfasst. Für ihn war es noch ein absolutes Skandalon, dass eine Insel, die so fruchtbar und reich an Rohstoffen ist, mit der sogenannten Unabhängigkeit vom Mutterland England direkt in die Fänge der USA geraten ist.
Walsers Variationen wären nun zu ergänzen mit den aktuellen völkerrechtswidrigen Attacken der USA in Venezuela, welche die ganze Region betreffen. Die Verfolgung der Monroe-Doktrin (sie soll neu Donroe-Doktrin heissen), welche den USA alle Vorrechte im weiten Feld der «Americans» gegen andere Interessen sichert, war in Südamerika immer wirksam. Neu ist sie es auch in der Karibik.
Es steht vieles auf dem Spiel. Denn die USA schmieden ihre Militärdeals mit Paraguay, Ecuador, Peru wie mit Trinidad und Tobago – Staaten, die untereinander eigene Abkommen haben. Inselstaaten wie Trinidad und Tobago sind zudem in der Karibischen Gemeinschaft Caricom organisiert, zu der auch die Bahamas, Barbados, Guayana und viele andere mehr gehören. Die Caricom wurde in den 40er Jahren als «Westindische Konföderation» gegründet, auf Betreiben Trinidads, das in seinen Rohstoffvorkommen eine grosse Zukunft und einen Schritt in die Unabhängigkeit sah. Und: das über eine Fülle von Politikern und Schriftstellern verfügte, die über eine eigene kulturelle Identität des Kreolischen nachdachten. «The islands write back» hiess einst die dekoloniale Losung.
Ausgerechnet Trinidad stösst nun durch den Schulterschluss der Premierministerin mit Trump die Partnerstaaten der Caricom vor den Kopf. Entscheidend im ganzen Interessenkarussell wird wohl Guyana sein, wo neulich die grössten Ölfelder der letzten Zeit entdeckt wurden. Ob und wie sich die kleinen Inselstaaten gegen die amerikanischen und auch die chinesischen Expansionsgelüste im Untergrund behaupten können, ist mehr als fraglich.
Der Pechsee im verlorenes Paradies
Sinnbild für die grosse Verunsicherung der Menschen auf der Insel mag der Pitch-Lake sein, der Pechsee im Süden der Insel mit seinem weltweit grössten Vorkommen an natürlichem Asphalt. Jahrzehntelang wurde der Asphalt für den Strassenbau in die ganze Welt exportiert. Seit 2018 gibt es eine Vereinbarung mit der Beijing-Construction-Engineering-Group (BCEG), nach welcher der Pitch-Asphalt für grosse chinesische Bauprojekte wie Flughäfen genutzt werden soll. Die Regierung kommuniziert nicht offen über die konkreten Punkte des Abkommens, so dass viele Gerüchte sich um den Pitch-Lake und dessen Ausverkauf an die Chinesen ranken.
Der See ist nicht nur ein geologisches Wunder, das das auf der Kandidatenliste als Unesco-Weltnaturerbe steht; er ist auch ein mythologischer Ort in den wenigen, noch existierenden indigenen Legenden. Jäger, die einst die heiligen Kolibris dort verspeist haben sollen, seien zur Strafe in ihm versunken. Deshalb ist dieses einzigartige ölige Gebilde, das langsam austrocknet, ein trauriges Mahnmal für das kulturelle und ökologische Paradies, das die Insel immer hätte sein können.
Am nächsten Tag besuchen wir Yerettê, das private «Home of Hummingbird», das täglich von bis zu tausend Kolibris aufgesucht wird; sie finden hier Zucker und Fett. Die Kolibris sind zentral für das ökologische Gleichgewicht des Regenwaldes und sie sind aufgrund der agrarwirtschaftlichen Pestizide und dem entsprechenden Insektenschwund ebenfalls bedroht. Insofern leisten die Betreiber des Gartens auch antikolonialen Widerstand und erinnern an Yere und die indigene Verehrung der kleinen Vögel.
Wir schauen ihnen zu: Sie sind winzig, wie auch Trinidad nur eine tiny island ist im geopolitischen Gewimmel Ozeaniens. Der unglaubliche Hunger der Vögel ist Ausdruck ihres Überlebenskampfs, denn Kolibris verbrennen bei ihrem Schwirrflug pro Stunde 10 Prozent ihres Körpergewichts; wenn sie zehn Stunden kein Futter aufnehmen, gehen sie in eine Art Totenschlaf; wenn Nahrung länger ausbleibt, sterben sie.
Dass sie ein Nationalsymbol Trinidads sind, das nun selber um seine Energieversorgung bangen muss, ist eine traurige Koinzidenz. Täglich besuchen Menschen aus der ganzen Welt den einzigartigen Garten, was einem die seltsame Hoffnung gibt, dass wir beim Beobachten der Tiere etwas lernen könnten.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Silvia Henke ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und Publizistin. Sie unterrichtet an der Hochschule Luzern Design & Kunst u.a. Kunst und Politik und visuelle Kultur. Forschungsschwerpunkte sind Kunst und Religion, künstlerisches Denken, transkulturelle Kunstpädagogik. Sie interessiert sich grundsätzlich für die Widersprüche der Gegenwart, wie sie auch in der Medienlandschaft auftauchen, und veröffentlicht regelmässig Texte und Kolumnen in Magazinen und Anthologien.
Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie greift Beiträge aus Medien auf, widerspricht aus journalistischen oder sprachlichen Gründen und reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










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