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Studenten im Gezi-Park: Der Beginn anhaltender Proteste in der Türkei © Mr Ush/cc

Türkei: Die junge Generation ist erwacht

Red. /  Bis vor einem Jahr war die junge Generation in der Türkei politisch kaum aktiv. Das hat sich inzwischen grundlegend geändert.

Um den Jahrestag des Beginns der regierungskritischen Gezi-Proteste und nach dem Grubenunglück in Soma ist die Lage in der Türkei angespannt. In den vergangenen Tagen gingen die Sicherheitskräfte gewaltsam gegen Demonstranten vor. Zwei Menschen starben – einer von ihnen an einem Kopfschuss.
Vor allem die junge Generation lehnt sich auf gegen die Politik Erdoğans. Fast über Nacht ist die Protestkultur erwacht. Wie erleben junge Türkinnen und Türken diese bewegte Zeit? Was treibt sie auf die Strasse? Ein Stimmungsbericht aus Istanbul vom «The European».


Die Türkei ist ein sehr junges Land. Mit einem Durchschnittsalter von 30 Jahren und einem Viertel der Bevölkerung unter 18 Jahren erscheint die Altersstruktur das genaue Gegenstück Deutschlands zu sein. Die grosse Anzahl junger Menschen ist besonders in Istanbul sofort zu spüren. Die Stadt ist lebendig, innovativ, pulsierend. Von überallher aus dem Land kommen junge Menschen in die stetig wachsende Mega-Metropole. In den letzten 25 Jahren hat sich die Bevölkerungszahl Istanbuls auf stolze 13 Millionen vervierfacht.
Viele Jahre lang verlief dieser Aufstieg weitestgehend ruhig und friedlich. Doch damit ist nun Schluss, denn seit Kurzem wird auch wieder ordentlich demonstriert. Auch hier, die Jungen ganz vorne mit dabei. Während junge Türkinnen und Türken auch schon vor ein paar Jahren gerne auf Partys gingen und Unternehmen gründeten, ist die junge Protestkultur hingegen vollkommen neu. Bis 2013, so wird uns wieder und wieder gesagt, war die Jugend der Türkei weitestgehend politisch inaktiv, ja sogar desinteressiert. Dies zeigt sich auch an der Altersstruktur des türkischen Parlaments. 2011 war das Durchschnittsalter 51 Jahre. Gerade einmal 12 Prozent der Parlamentarier waren unter 40 Jahren. Frauen grundsätzlich unterrepräsentiert. Die Türkei, ein Land regiert von alten Männern.
Eine apolitische Generation erwacht
Wir haben nachgefragt, woher das Desinteresse der Jungen kommt. Ein Grund liegt nach Aussage unserer jungen Gesprächspartner in der jüngeren Vergangenheit. Die Militärherrschaft Anfang der 1980er-Jahre, die teilweise mit extremen Gewalttaten und Unrecht einherging, hat eine ganze Generation, die Eltern der heutigen jungen Türken, nachhaltig vom politischen Leben entfremdet. Folglich zogen diese ihre Kinder im Glauben gross, dass politische Ambitionen gefährlich, aber auch sinnlos seien. Dieses anerzogene apolitische Denken hatte keinen Einfluss auf die Wahlbeteiligung, jene ist erstaunlich hoch in der Türkei, aber auf das sonstige politische und gesellschaftliche Engagement junger Menschen.
Dieser Zustand politischer Stille hielt bis zum Mai 2013, als die Polizei unter extremer Gewaltanwendung gegen Umweltaktivisten vorging, welche eine Umgestaltung des Gezi-Parks im Herzen Istanbuls verhindern wollten. Als wir mit verschiedenen jungen Frauen und Männern in Istanbul über diese bewegte Zeit sprachen, zeigte sich klar, dass die ab Mai folgenden Proteste im Gezi-Park und auf dem Taksim-Platz ein Befreiungsschlag waren. Mehr noch. Es war das Erwachen einer Generation, die sich jahrelang zurückgehalten, zugeschaut und zu oft weggeschaut hatte. Vor einem Jahr, mehr oder weniger zufällig so scheint es, kam das Fass zum Überlaufen. Die Proteste erfuhren ungeahnte Masse an Unterstützung. Fast über Nacht wurde die junge Türkei politisch aktiv und entwickelte Visionen und Pläne. Nicht nur in Istanbul, sondern in vielen Teilen des Landes. Die freie Meinungsentfaltung explodierte.
Seitdem ist nichts mehr, wie es einmal war. Die Proteste eskalierten, die Staatsgewalt antwortete mit harten Mitteln. Es gab mindestens 15 Tote und Hunderte, wenn nicht Tausende Verletzte. Weltweit solidarisierten sich Menschen mit den jungen türkischen Demonstranten. Nach dem vorigen Sommer sind die Gezi-Proteste, ihre Folgen und Auslöser das Gesprächsthema Nummer eins. Es wird uns sogar gesagt: «Wir reden nur noch über die Proteste und die politische Lage. Es gibt kein anderes Thema. Es ist beinahe schon wieder nervig.»
Erdoğan auf Abwegen
Die Regierung Erdoğan wurde und wird als Unterdrückung empfunden. In den vergangenen Jahren häuften sich Fälle, in denen Grundrechte wie Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Geschlechtergleicheit, aber auch Trennung von Staat und Kirche übergangen wurden. An unserem ersten Abend in Istanbul wurde der elektronische Nachrichtendienst Twitter abgestellt. Neben Facebook das meist genutzte Nachrichtenmedium unter jungen Türken. Für uns ist es die erste echte Erfahrung mit Zensur. Ein bedrückendes Erlebnis. Darauf angesprochen, dass Erdoğan bis 2013 international hoch anerkannt und respektiert wurde, antwortet einer unserer Gesprächspartner: «Ich weiss nicht genau, wann er den Verstand verloren hat. Wahrscheinlich ist das schon sehr lange her. Es hat nur gedauert, bis das auch wirklich an die Öffentlichkeit gedrungen ist. In der Türkei machen wir uns schon seit Langem Sorgen. Im Ausland hingegen scheint davon vor 2013 nicht viel angekommen zu sein.»
Von dem, was wir hören, steht es zu befürchten, dass Erdoğan die Verfassung weiter verwässern wird. Für seine Politik bekommt er von einem breiten Teil der Bevölkerung, allen voran älteren und sozial schwächeren Wählerschichten, breite Unterstützung. Die Erfolge seiner Partei bei der letzten Regionalwahl unterstreichen diese Beobachtung. Hier zeigt sich, dass der Konflikt in der Türkei auch ein Generationen- und Bildungskonflikt ist. Für viele unserer neuen Freunde ist klar, dass Erdoğan die Türkei auf einen Weg in Richtung Theokratie führen wird. «Die Trennung von Staat und Kirche gibt es eh schon lange nicht mehr», sagt man uns.
Die Proteste sind auch ein Generationenkonflikt
Genau das macht den jungen Menschen Sorgen. Die liberale Demokratie aufgeben zugunsten eines Systems à la Iran? Nein, danke, sagen die Jungen. Und wenn sie aus liberalen Elternhäusern kommen, erfahren sie erstaunliche Unterstützung. Wir hören Geschichten von den Anfängen der Proteste. Eine Demonstrantin erzählt uns, wie sie ihren Eltern am Anfang erzählt hat, woran sie sich beteiligt. «Damals hatten meine Eltern viel Angst um mich und versuchten, mich aufzuhalten. Sie meinten, es sei zu gefährlich. Wenig später wurde der Widerstand weniger. Sie meinten nur noch, ich sollte mit meinen Freunden weiter hinten bleiben, weg von den Kämpfen. Nach ein paar Wochen war alles anders. Meine Eltern haben uns förmlich aus den Betten gezogen und uns zum Protest geschickt. So wichtig war es nun auch für sie.» Ihre Freundin erzählt Ähnliches: «Meine Mutter hat Gasmasken für uns gekauft und Flüssigkeiten hergestellt, die wir uns gegen das Tränengas unter die Augen reiben konnten. Wir bekamen Proviant und Verpflegung. Meine Mutter hat oft geweint, wusste aber, dass wir das Richtige tun.»
Dennoch ist dies in vielen Familien anders. Wir hörten auch Geschichten, in denen die Proteste Familien im Streit entzweiten. Oft werde der Konflikt auch entlang einer Generationenlinie geführt. Das tut dem Land weh. Die Demografie der Proteste zeigt dies klar. Die meisten Demonstranten waren junge Vollzeitbeschäftigte, mehr als ein Drittel Studenten, die Hälfte Frauen, wie eine Studie des Istanbul Policy Center zeigt. Das Durchschnittsalter lag bei 28 Jahren. Es protestierten also genau die sozialen Schichten, die politisch hoffnungslos unterrepräsentiert und regelmässig unbeachtet blieben und bleiben. Interessant ist es, zu sehen, dass knapp 80 Prozent der Demonstranten keiner Partei oder politischen Organisation angehörten. Für diese Menschen ging es nicht um parteipolitische Ideen oder Ziele, sondern um mehr. Mit fast 60 Prozent führte die Mehrheit der Demonstranten Angst vor Freiheitsverlust als grössten Motivator an.
So überrascht es nicht, dass beinahe die Hälfte der Taksim-Besetzer erst kamen, als sie von der Polizeigewalt hörten. Schnell entwickelte sich eine starke Solidarität unter den jungen Demonstranten. Unbekannte wurden unterstützt und verbunden. Menschen verschiedenster Glaubensrichtungen beteten nebeneinander. Innerer Zwist und Rivalität schienen vergessen. Es gab nur ein Ziel: Widerstand gegen einen als autokratisch empfundenen Staat.
Die Türkei steuert in die Ungewissheit
Wir haben diese Gespräche Ende März geführt, also wenige Tage vor den als so entscheidend wahrgenommenen Kommunalwahlen, die auch als grosser Stimmungstest galten. Damals wurde uns gesagt, dass für viele junge Menschen undenkbar sei, dass Erdoğans Partei noch einmal triumphieren könne. Heute wissen wir, dass Erdoğan tatsächlich triumphiert hat. Gleich nach der Wahl dann wieder besorgniserregende Worte. Die Opposition werde bezahlen. Gleichzeitig scheint es auch uns, dass Erdoğan die junge Opposition im eigenen Land unterschätzt. Er mag nun gewonnen haben, wird sich aber langfristig mit einer Generation auseinandersetzen müssen, die nicht stillhält und zuschaut, sondern agiert und gestaltet. Die Entscheidung, wohin die Türkei gehen wird, mag noch nicht gefallen sein, es ist aber klar, dass das Land und seine jungen Menschen zunehmend politisch interessiert sind. So werden wir bestimmt noch viel hören vom Land zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer.

Dieser Artikel erschien am 5. Mai 2014 im «The European».


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