Cover-Bonhage-Haag

Gegensätzlicher können Bücher kaum sein: Briefe einer glühenden Nationalsozialistin und das Tagebuch einer Pazifistin im Zweiten Weltkrieg © Tredition / Reclam

Aus einer wahnsinnigen Welt

Hans Steiger /  Zeugnisse zweier Frauen, die in einer Wahnsinnswelt auf genau Gegenteiliges hofften: «Sieg des Führers» kontra «Nie wieder Krieg».

Konträrer können Bücher kaum sein: Hilde Bonhage sah mit dem Dritten Reich wahres nationalsozialistisches Menschentum anbrechen. Anna Haag kämpfte als Pazifistin im Krieg gegen Angst und Verzweiflung, getragen von einer Vision des «Nie wieder!» Es sind erhellende Rückblenden in die Welt des Wahnsinns vor und während dem Zweiten Weltkrieg, informativ zwar, aber keine nüchternen Berichte. Da lassen sich andere finden. Ich selbst hätte, weil vermeintlich ausreichend informiert, kaum ein weiteres Sachbuch jener Art gelesen. Hier war Neues, mit Blick auf die Gegenwart womöglich Wesentlicheres zu lernen: Wie zwei in einer ja gar nicht so fernen Vergangenheit lebende deutsche Frauen an genau entgegensetzten Enden des weltanschaulichen Spektrums in Worte fassten, was sie damals persönlich bewegt hat.

Ein höchst unbequemes Erbe

Anstoss zur vergleichenden Lektüre gab der gewagte – und gelungene – Versuch von Barbara Bonhage, mit einem bedrückenden Papierberg zu Rande zu kommen. Rund tausend Briefe, die beim Aufstieg wie im Niedergang des Nationalsozialismus in ihrer Familie zirkulierten, hatten der Enkelin unerwartet deutlich enthüllt, was davor ein Tabu war. Obwohl oder gerade weil die Nazi-Vergangenheit von Hilde Bonhage, ihrer 1945 verstorbenen Grossmutter, bekannt war, mochte niemand darüber sprechen. «Ich habe eigentlich kaum Erinnerungen an sie», sagte der Vater. Der kriegsversehrte Grossvater, dessen gebügelte Hosen ein Holzbein versteckten, war bei Besuchen meist stumm.

Aber die Briefe blieben. Sie überstanden im Dunkel ihrer Kartons mehrere Umzüge, samt ein paar Fotos, einem Adressbuch, einigen Büchern. Irgendwann durfte die in der Schweiz lebende Enkelin erste Dokumente einsehen und sogar übernehmen. Sie hatte sich ja auch schon forschend mit der Zeit des Nationalsozialismus befasst, etwa mit nachrichtenlosen Vermögen bei hiesigen Banken und deren Wertpapiergeschäften mit dem sogenannten Dritten Reich. Und eines Tages fand die ganze Korrespondenz, «chronologisch geordnet, sorgsam gefaltet und pro Jahr zu einem kleinen oder grösseren Bündel geschnürt», den Weg zu ihr. «Es wurde dokumentierbar, was niemand erzählte.» Was tun mit diesem «seltenen und seltsamen» Quellenfund?

In der Vorbemerkung zum nach intensiven Recherchen in Eigenregie publizierten Buch hält die Autorin fest, es sei wichtig, dass Nachkommen derart verblendeter Vorfahren ihr «Erbe ausschlagen». Aber nicht mit Schweigen und Vergessen. «Wenn wir die Geschichten schon kennen, sollen wir von solchen, wie Hilde eine war, erzählen.» Sie wählte die Form einer auf den Briefen basierenden Biografie. Leicht war es spürbar nicht, sich mit all dem Wissen um die Verbrechen des Nazi-Regimes nachträglich jener jungen Frau zu nähern, die zur begeisterten Aktivistin der NS-Frauenschaft, zu einer wütenden Antisemitin, zur menschenverachtenden Okkupantin in eroberten Ostgebieten und – durch eines ihrer ausdrücklich dem Führer geschenkten Kinder – zur eigenen Grossmutter wurde.

«Mein Kampf» noch im Sterben

Anfänglich gibt es noch Spuren von Verständnis, wenn die in London geborene Hilde als Kind einer dort im Ersten Weltkrieg ausgewiesenen deutschen Mittelstandsfamilie wieder Anschluss sucht und im Ruhrgebiet bei einer «völkisch» orientierten Jugendgruppe findet. Für den passenden Mann sieht sich die Studentin gezielt bei einer «Burschenschaft der Alemannen» um. Die gemeinsamen Lektüren sind dementsprechend. In den Briefen sind üble Leseblüten zu finden. Und sie sah mit eigenen Augen bei «den niederen Rassen oft Chaos und Dreck». Sicher gebe es da «arme Würmer», aber «wir müssen für sie sorgen». Eigentlich «dürften sie ja nie geboren sein». Mit jedem Zitat schwindet der Rest von Mitleid für die jung ideologisch Verführte. 1933 tritt sie der nationalsozialistischen «Frauenschaft» bei, 1937 der Partei. Nun enden auch private Schreiben mit «Heil Hitler! Dein Schwesterlein».

Parteitage werden zu Höhepunkten ihres Lebens. Hilde verehrt den Führer, will ihm auch als Pionierin im besetzen Osten dienen, zieht samt Gemahl, der dort eine Anwaltspraxis eröffnet, nach Posen. Eines der härtesten Dokumente im Buch ist ein Foto, welches Hilde aufnahm, um stolz zu zeigen, in welches Haus sie dort einziehen würden. «Bei der Frau im Eingang mit dem Säugling auf dem Arm dürfte es sich um die vormalige Bewohnerin handeln, die aufgrund der ‹Arisierungen› mit ihrer ganzen Familie rechtswidrig vertrieben wurde», merkt die Enkelin an, die der Spur auch vor Ort folgte. Und jenes Kind, «falls es überlebt hat», könnte jetzt 80 Jahre alt sein. Hilde war begeistert. Endlich ein eigenes Heim. 14 Zimmer! Es wurde ein Dienstmädchen gesucht, «sehr sauber und zuverlässig». Zwangsarbeiter mussten Umbauten vornehmen und die Söhne lernten, diese auf Polnisch zu beschimpfen. «Geht nach Hause – ihr Schweine!» Das war dem Vater der Autorin, die 1990 mit ihm an den Ort seiner Kindheit gefahren war, präzis im Gedächtnis geblieben. Derart systematische Demütigungen gehörten «zum guten Ton»; er signalisierte Herrschaft. Kinder imitierten die Verhaltensweisen schnell.

Zu allen Phasen eingeflochtene Zusatzinformationen machen mehr als deutlich, dass solcher Herabwürdigung massenhaftes Morden folgte, und die aktuellen Schlagzeilen zu politisch und militärisch geschürten Konflikten in einer damals besonders betroffenen Region machen die Lektüre doppelt beklemmend. Während ihr Andreas mit fanatischem Kampfwillen an die Ostfront will, ist Hilde erfreut, wieder schwanger zu sein. Inzwischen häufen sich deutsche Verluste. «Es müssen ja Kinder geboren werden», schreibt sie der Schwester, um «die schreckliche Lücke» zu schliessen. Bis zum bitteren Ende hält sie den mit Geschrei als «total» ausgerufenen Krieg für richtig. Bei der Flucht aus dem Deutschland wieder entrissenen Polen quert sie im Januar/Februar 1945 das im Chaos versinkende Reich und verbringt ihre letzten Monate nahe der Grenze zur Schweiz. Sie war dort, von Lungentuberkulose geplagt, wiederholt in einem Schwarzwald-Kurhaus. Doch sie erholt sich nicht mehr. «Mein Kampf», das für sie trotz allem Trost spendende Leitbuch, habe neben der Toten gelegen. Ob es auch mit in den Sarg kam, bleibt offen. Letztes verständnisloses Kopfschütteln. Ein verfehltes Leben!

Pazifistin, umgeben von Krieg

Ganz anders meine Gefühle beim Lesen der Tagebucheinträge von Anna Haag. Ihr war ich bereits vor bald 20 Jahren in einem Porträt-Band des regionalen Silberburg-Verlages begegnet, der «die engagierte Stuttgarter Pazifistin» und (SPD-)«Landtagsabgeordnete mit vehementem frauenpolitischem Elan» auch als Journalistin und Schriftstellerin würdigte. Auszüge aus den Aufzeichnungen, die sie in der Kriegszeit im Kohlenkeller versteckte, waren da wichtige Elemente. Eigentlich wollte ich in der nun bei Reclam erschienenen kompletten Edition nur nochmals ein paar Passagen lesen, um sie mit frischen Eindrücken empfehlen zu können. Doch schon nach wenigen der gut 400 Seiten zogen mich die manchmal flüchtigen, dann wieder ausufernden, oft sehr pointiert und nie phrasenhaft wirkenden Notizen in ihren Bann. Eine tiefe Sympathie liess mich mitleiden, hoffen und bangen.

Die auch im Ausland wirkende Publizistin war bis zu deren Verbot im Jahre 1933 bei der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit aktiv, ihr Mann als Mathematiklehrer von den Nazis wegen pazifistischen Äusserungen strafversetzt worden. Eine gefährliche Ausgangslage. Zudem lebten ein Sohn und Enkelkinder in London, was mit dazu beitrug, dass Radiosendungen der BBC für die in ihrer gleichgeschalteten Heimat verbliebene Familie zur wichtigsten Nachrichtenquelle wurden. Das blieb auch so, als der verbotene Empfang von «Feindsendern» zu Todesurteilen führte. Immer wieder schlägt sich dort Gehörtes in spontanen Kommentaren nieder. Einmal setzt sich Anna Haag intensiv mit einem an die Zuhörenden in Deutschland gerichteten Aufruf zum aktiven Widerstand auseinander. Sich selber befreien, ja. Gern. Aber wie denn? «Mit dem Schürhaken? Dem Teppichklopfer? Dem Spazierstock?» Das war nicht Sarkasmus, sondern Verzweiflung. «So gründlich entwaffnet und so entrechtet, geknechtet, bespitzelt, innerlich zerrissen, misstrauisch, machtlos, heimatlos – jawohl: heimatlos» sei zuvor kaum ein Volk gewesen. Das eigene Land besetzt «durch die Nazihorden». Aufgewühlt seien sie an jenem Abend – im Mai 42 – «zu verlässlichen Gesinnungsgenossen» gelaufen. Was könnten wir tun? «Nichts», lautete dort eine etwas bedächtigere Antwort, «nichts als vorsichtig sein. Es ist noch nicht Zeit.»

Rundum dominierten Regimetreue oder Anpassung. Wie ein dreister Pausenclown zieht der Nazi-affine Apotheker aus dem Nachbarhaus mit seinen Lagebeurteilungen zum Auf und Ab an den Fronten durch die Beschreibung der grausam langen Jahre. Oft sagen einfachere Leute unverblümt die Wahrheit, was dann auch andere unvorsichtig werden lässt. Sogar als nachträglicher Leser stockte mir bei einigen der Notizen kurz der Atem: Wenn das der Gestapo in die Hände gefallen wäre! Immer wieder gingen Gedanken zurück zum anderen Buch: Hilde Bonhage hätte Anna Haag wohl angezeigt, gnadenlos, und sich über deren Hinrichtung gefreut. Kritik am Führer anzuzeigen, wäre für sie garantiert eine hehre Pflicht gewesen.

Eigennützig verlogen (über)leben

Später, als nachts immer häufiger Bomben fallen, mischt sich Angst mit Hoffnung. Sterben oder bald befreit werden? Aber im Bunker kann es trotz gemeinsamer Anspannung kein ehrliches Gespräch dazu geben. «Ich war früher ein freundlicher Mensch, hilfsbereit, den Menschen zugetan, heiter, offen. Was ist aus mir geworden? Verschlossen, misstrauisch, verlogen, hasserfüllt, eigennützig: das ist mein Konterfei heute.» Am eigenen Überleben orientiert, gesichert, während anderswo Millionen ohne Obdach sind, «auf der Flucht vor dem deutschen Schrecken». Und was hier den Juden angetan wird! «Innerhalb von zwei Stunden müssen sie ihr Haus verlassen. Mitnehmen? Was sie tragen können. Wohin sie kommen?» Früh waren mehr als Ahnungen über Vernichtungslager im Umlauf. Wie da an eine bessere Welt glauben? Alles müsste von Grund auf anders werden und viel Kraft bleiben, um zu verhindern, dass sich so etwas wiederholt.

Es finden sich viele Einträge zur Zukunftsperspektive. Schon im Sommer 1941, als der Kriegsrausch ungebremst scheint, «den die Zeitungen, die Dichter, Künstler, die Politiker und – ach Gott – leider, leider auch so viele Frauen angefacht haben.» Wie soll, kann das enden? Warum begann es? Nur weil dumme Deutsche «einen Verrückten, der sich für ein Genie ausgab, vergotten» und an ihn glauben? Generalfeldmarschall von Reichenau hatte eine andere Antwort: «Weil wir das kriegerischste Volk der Welt sind!» Doch es folgten Zeichen von Kriegsmüdigkeit. Einmal berichtet die Tochter aus der Mädchenschule, wo sich die Direktorin martialisch über «Stalingrad» ausgelassen habe. «Eisiges ablehnendes Schweigen während der ganzen Stunde.» Als zwei Schülerinnen sich für das «unerhörte Betragen» rechtfertigen sollten, hätten sie mitgeteilt, der Bruder einer Klassenkameradin habe dort elendiglich umkommen müssen. Andere lärmten während dieses Verhörs vor dem Rektorat. Darauf wurde die ganze Klasse zu einer Aussprache beordert. Erfolg? Alle seien erneut in ihr eisiges Schweigen verfallen. Sie werde diese tapfere siebte Klasse und deren «Auflehnung gegen den Untertanengeist» nie vergessen, steht in der Notiz vom 8. Februar 1943. Irgendwie, irgendwo müsste das verewigt werden.

Dass im Nachwort zum hier erstmals vollständig publizierten Tagebuch detailliert auf den Weg vom handgeschriebenen Original über das von der Verfasserin erstellte Typoskript bis zur vorliegenden Edition eingegangen wird, ist wichtig. Denn der sorgfältige Vergleich ergab, dass sie 1945 bei der Reinschrift kaum vom Originaltext abwich, inhaltlich nichts schönte. Also lassen sich hier «widerständige Gedanken schwarz auf weiss» finden, die authentisch seien und heute – so die Herausgeberin – erneut «vonnöten», mehr denn je. Auch hier war übrigens eine Enkelin am Aufarbeiten des Erbes beteiligt. Sie überbrachte 2013 einen roten Karton mit dem Manuskript. Und die 1938 in England geborene Sybil Oldfield merkte an, die als «Anti-Nazi-Pazifisten» geltenden Grosseltern hätten ihr eigenes antimilitaristisches Engagement mitgeprägt. «Besonders die Warmherzigkeit von Anna Haag» sei ihr in Erinnerung geblieben» sowie deren resolute Art, den Ereignissen im Leben «und im Leben ihrer Familie» zu begegnen.

Nie wieder militaristischer Zwang

Leider ist die Skizze ihres immerhin von 1888 bis 1982 dauernden Lebens im Buch knapp. «Und wir Frauen?» lautete zum Beispiel der Titel einer Broschüre, die sie 1945 verfasst hat. 1946 wurde sie als Abgeordnete in den ersten Landtag Baden-Württembergs gewählt. Angefragt hatte die SPD zwar ihren Mann; er verwies auf sie. 1947 brachte sie dort einen Gesetzesentwurf ein: «Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.» Er ist in etwas erweiterter Form ins Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland eingegangen. Das war wohl ihr markantester Beitrag zum «Nie wieder!» – dem stärksten Ansporn zum Überleben jener Wahnsinnsjahre.

Dieser Text ist zuerst in der «P.S.»-Frühjahrs-Buchbeilage erschienen.

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Barbara Bonhage: Gnadenlos geirrt. Die Geschichte meiner Grossmutter 1907-1945. Tredition, Hamburg 2021, 216 Seiten, Abb., CHF 26.90

Anna Haag: «Denken ist heute überhaupt nicht mehr Mode». Tagebuch 1940-1945. Hrsg. von Jennifer Holleis. Reclam, Ditzingen 2021, 448 Seiten, Abb., CHF 51.90


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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Eine Meinung zu

  • am 20.03.2022 um 20:07 Uhr
    Permalink

    Schon die kurze Zusammenfassung liess mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen – der zweite Teil verbreitete dann doch wieder etwas Hoffnung.

    Aber in diesen Tagen kommt auch Verzweiflung auf, weil nicht mehr klar ist, wer nun die Guten und wer die Bösen den sollen – es wäre so wichtig, sich differenziert vor allem mit den ergangenen Fehlern und Unterlassungen des „Westens“ auseinanderzusetzen.

    Und es wäre sehr wichtig, nicht einzelne Personen einseitig zu beschuldigen oder gar zu verteufeln. Wir müssten versuchen, die Hintergründe auszuleuchten, zu vermitteln, Auswege aus der Misere aufzuzeigen.

    Mir fehlen die Worte! Politiker verherrlichen wir heute hier nicht mehr, zum Glück? Oder stehen wir einfach führungslos, verwirren und ratlos vor dem Abgrund? Wir können nur hoffen, dass die gegnerische Seite die friedliebende Absicht der in den in Europa aufgestellten Raketen der Nato- Militärbasen erkennen!! Auch liefern sie uns hoffentlich weiterhin Gas, Erdöl usw… 😉

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