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Weil Bundeskanzler Olaf Scholz Corona hatte, sprach er via Bildschirm. Es war eine Rede zum Einschlafen. Doch dann sagte er «Wumms»! Und auch noch «Doppel-Wumms»! © AFP Deutsch

Nach der Lego-Sprache kommt die «Wumms»-Sprache

Marco Diener /  «Wumms», «rumms» und «bumm». Das klingt nach Comic. Aber es ist zeitgenössischer Journalisten-Jargon.

Einst warnten uns unsere Lehrer und unsere Eltern vor Lucky Luke und Donald Duck. Die Comic-Sprache werde uns schaden, bekamen wir zu hören. Wir würden verdummen. Und unsere Sprache verarmen. Beides ist nicht eingetreten – behaupte ich mal.

«Ein Budget mit Wumms»

Aber ganz sicher bin ich inzwischen nicht mehr. In den Tamedia-Zeitungen las ich kürzlich ein Interview mit dem GLP-Präsidenten Jürg Grossen. Es ging um die Abstimmung über die Klimafonds-Initiative. Die beiden Journalisten meinten: «Man müsste doch als Grünliberaler ein Budget mit etwas Wumms befürworten, wie es die Initiative verlangt.»

«Ein Budget mit etwas Wumms»? Was das sein könnte? Ein grosses Budget? Ein Blick in den Duden hilft nicht weiter. Der Duden listet nur die Interjektion, also das Ausrufewort «wumm» auf: «lautmalend für einen plötzlichen, dumpfen Laut oder Knall, Aufprall.»

Aber der «Wumms» als Substantiv? Der existiert für den Duden nicht. Dabei wird er häufig verwendet:

  • Kürzlich schrieb die «NZZ» über die «regelbasierte Weltordnung». Die USA hätten sich als «wichtigster Garant mit Wumms von ihr verabschiedet».
  • Florian Inhauser sagte in der SRF-«Tagesschau» über Partys in Cafés: «Das wäre dann ein Coffee-Rave – gewissermassen ein Kaffeekränzchen mit ordentlich Wumms aus den Lautsprechern.»
  • Und Inhauser – schon wieder er – sagte ebenfalls in der SRF-«Tagesschau» über Snus: «Andernorts verboten, ist der Nikotin-Wumms hierzulande erlaubt.»
  • Der Zürcher Oberländer berichtete über einen Glüh-Whisky, der «wenig Wumms und Tiefe» habe.
  • Der «Blick» stellte nach dem Test eines Elektroautos der Marke Cadillac fest: «Der echte Elektro-Wumms à la Tesla fehlt.»
  • Dafür überzeugte dann laut «Blick» ein Porsche sogar «mit Doppel-Wumms».
  • «Koch-Papst» Christian Seiler warnte seinerseits im «Magazin» von Tamedia in einem Rezept vor Sardellen, die «ziemlich viel Wumms mitbringen».
  • «Bellevue», das Lifestyle-Portal der «NZZ», berichtete über ein renoviertes Hotel im Salzburgerland: Es sei «mit Wumms zurückgekehrt».

Wir stellen fest: Der «Wumms» bedeutet alles Mögliche. Krach, Lärm, Beschleunigung, Geschmack, Wirkung, Kraft, Macht, Schub, Schwung, Energie. Es ist ein Verlegenheitswort. Journalisten verwenden es, wenn ihnen das passende Wort nicht einfällt oder wenn sie forciert originell sein wollen.

Im Dezember hatte Infosperber bereits eine andere Tendenz zur Sprachverarmung kritisiert: die Lego-Sprache, bei der möglichst neutrale Begriffe zum Beispiel mit dem Wort «positiv» kombiniert werden. Etwa: «Ich bin positiv» statt «ich bin zuversichtlich» oder «ich bin hoffnungsvoll». Nun kommt die «Wumms»-Sprache noch dazu.

Aus der Fussballsendung «Ran»?

Das Wort «Wumms» stammt möglicherweise aus der Frühzeit des deutschen Privatfernsehens. In der Fussballsendung «Ran» auf «Sat 1» sprachen die Reporter ständig von Schüssen mit «Wumms». 2014 lancierten Radio Bremen und der Norddeutsche Rundfunk «Wumms, das Sportsatire-Format mit Bumms».

Zum Durchbruch verholfen hat dem Wort aber der damalige deutsche Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz (SPD). Er sagte am 3. Juni 2020 zum Konjunkturpaket: «Wir wollen mit Wumms aus der Krise kommen.» Vielleicht wollte der spröde Scholz auch mal cool wirken.

Es funktionierte tatsächlich. In deutschen Zeitungen schoss der Gebrauch des Worts in die Höhe, wie die Zahlen des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache zeigen:

Screenshot 2026-01-28 at 17-15-33 DWDS – Verlaufskurven – Wumms – DWDS-Zeitungskorpus
Olaf Scholz verhalf dem Wort «Wumms» zu einem wahren Höhenflug. Eine bessere Auflösung der Grafik finden Sie hier.


Seit Scholz‘ Rede verwenden auch Journalisten in der Schweiz das Wort häufig.

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Der «Doppel-Wumms»

Und weil er so viel Aufmerksamkeit bekommen hatte, doppelte Olaf Scholz zwei Jahre später – mittlerweile als Bundeskanzler – nach: mit einem «Doppel-Wumms». Damit bezeichnete er die Massnahmen, welche die Regierung ergriff, um die Energiekosten zu senken.

«Wumms» und «Doppel-Wumms» sind übrigens nicht die einzigen Beispiele für die Infantilisierung des Journalisten-Jargons. Es gibt auch noch «bumm»:

  • Die Tamedia-Zeitungen schrieben nach dem Wef in Davos über den französischen Präsidenten und seine Sonnenbrille: «Macron, der im Herbst seiner Präsidentschaft dämmert, sicherte sich damit endlich mal wieder alle Aufmerksamkeit, alle Bilder. Ein bisschen ‹Top Gun›, ein bisschen ‹Rocky›, jedenfalls bumm!»
  • In der SRF-«Tagesschau» kündigte Florian Inhauser einen Beitrag über ein Feuerwerksverbot so an: «Heute wurden Feuer, Bumm und Peng im Nationalrat verhandelt.»
  • Florian Inhauser scheint überhaupt grosse Freude an der kindlichen Comic-Sprache zu haben. Als Trump sagte, die USA sollten wieder Atomwaffen-Tests durchführen, fragte Inhauser: «Meint Trump das Zünden von nuklearen Sprengköpfen, also nun ja, mächtiges Bumm?»

Und dann gibt’s auch noch «Rumms»:

  • Die Tamedia-Zeitungen schrieben über einen Mountainbiker, der sich über den Schweizer Nino Schurter beklagte: «Der Brasilianer Henrique Avancini beschuldigt ihn beim ‹Cape Epic› des Trash-Talks. ‹Er behandelt alle Fahrer während des Rennens wie Dreck. Niemand kennt diese Seite von ihm›, sagt der Brasilianer. Rumms», kommentiert der Sportredaktor.
  • Die «Basler Zeitung» schreibt über Boulespieler, die «Metallkugeln schon mal mit ordentlich Rumms» werfen.

Und die Leser fragen sich: Werfen sie wirklich mit «Rumms»? Oder doch eher mit «Wumms»?


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