SRF-Kultur: Näbe de Lüt.

Felix Schneider ©

Felix Schneider /  «SRF muss sich neu erfinden» sagt SRF-Kulturchefin Susanne Wille im Interview. Vorläufig übt sich SRF vor allem im Verärgern.

Susanne Wille behauptet im Interview mit der NZZ am Sonntag, die Sendung «52 beste Bücher» koste «im Jahr mehrere hunderttausend Franken». Das ist falsch. Die Sendung kostet ziemlich genau EINE Redaktoren-Vollzeitstelle. Also kaum mehr als Hunderttausend. Plus: wenig Spesen. Plus: sehr wenig Technik und Sekretariat. Plus: Für die Lesung Pro-Litteris-Gebühren, Entgelt für die AutorInnnen, also das, was auch in jedem Nachfolgeformat anfallen wird, falls sie noch eine Lesung enthalten sollte. Aber natürlich muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass das Duo infernal Wappler / Wille auch die letzte literarische Lesung auf Radio SRF 2 killt.

«52 Beste Bücher» ist so teuer wie zwei oder zweieinhalb Literaturclubsendungen. Wille erweckt den Eindruck, SRF bezahle grosszügig «Vorbereitung, Recherche und die Produktion» von Sendungen wie «52 Beste Bücher». Davon kann keine Rede sein. Die Arbeitszeit, die für eine Sendung abgerechnet werden darf, ist eigentlich zu kurz und auf die Stunde genau festgelegt. Lesen erfolgt in der Freizeit.

Gönnerhaftes «liebgewonnen»
Die Sparargumentation ist nachgeschoben aufgrund der öffentlichen Empörung. Nimmt man die Unterschriftensammlungen von SBVV (Buchhändler und Verlegerverein) und kirchlicher Kreise zusammen, so haben zehntausend Menschen mit ihrer Unterschrift protestiert. Das ist enorm. Wille vergreift sich im Ton, wenn sie gönnerhaft verlautet, sie verstehe den Protest gegen die Streichung «eine(r) liebgewonnene(n) Sendung».

Wille erwähnt vier Literatursendungen («Literaturclub», «Buchzeichen», Blog von Annette König, «52 BB»): drei davon sind fast ausschliesslich Reden von ExpertInnen über Literatur, eine einzige lässt die AutorInnnen selbst zu Wort kommen. Frage: Welche streichen wir, wenn wir denn eine streichen müssen oder wollen??

Radio ist Verlierer der Konvergenz
SRF 2 Kultur leistet sich eine aufwändige, von oben verordnete Produktionsweise. Gemäss dem sogenannten «Vier-Augen-Prinzip» gibt es «Desker» und «Joker» und «Planer» und wie die Stellen alle im Kaderwelsch noch heissen. Das ist für Produzierende manchmal lästig, manchmal durchaus auch angenehm. Es ist aber in jedem Falle ein Luxus, den es früher nicht gab und der heute viel zu viele der viel zu knappen Ressourcen verschlingt. Hier wären alternative Sparmöglichkeiten gewesen.

O-Ton Wille: «Deshalb entwickeln wir ein neues Literaturangebot». Übersetzt in klares Deutsch: Die Vorgesetzten befehlen der eh schon überlasteten Literaturredaktion, neue Sendeformen zu entwickeln. Sehr im Unterschied zu Fernsehen und Online gibt es im Radio keine Stelle für Programmentwicklung. Generell ist das Radio der Verlierer der Konvergenz. Ihm werden in dramatischen Dimensionen die Ressourcen entzogen. Der Schriftsteller Guy Krneta sagte: «Radio ist kein Distributionskanal, sondern ein Kulturgut.»

Achtung: Gegenwind!
Die Ziele, mehr für jüngere Menschen und für digitale Medien zu produzieren, sind sinnvoll und unbestritten. Sie wären erreichbar, ohne für viel Geld den gesamten SRF-Laden total umzustrukturieren.

Wappler, Wille und Co. laufen mit ihrer Strategie den anderen hinterher und wollen, was alle machen. Ich schätze den Versuch, hochkulturelle Inhalte auch hochkulturfernen Publikumsschichten schmackhaft zu machen. Nur braucht es auf der anderen Seite auch anspruchsvolle intellektuelle Produktionen. Auf France Culture kann man erleben, wie bereichernd, aufklärend und politisch brisant es ist, wenn Wissenschaftler und Expertinnen aller Art zu den grossen Themen unserer Krisenzeit ausführlich zu Wort kommen. In dieser Hinsicht bietet SRF zu wenig.

Wappler, Wille und Co. haben das kulturaffine Publikum verärgert. Sie haben kirchliche Kreise verärgert. NZZ-Gujer trommelt mal wieder zum Generalangriff auf die SRG. Verleger wollen die «online-first»-Strategie von SRF zu Fall bringen. Töne aus der FDP werden rauer. Töne aus der CVP unsicherer. Braut sich hier Gefährliches zusammen?


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Felix Schneider, geboren 1948 in Basel. Studium (Deutsch, Französisch, Geschichte). Von Beruf Lehrer im Zweiten Bildungsweg und Journalist, zuletzt Redaktor bei SRF 2 Kultur. Hat die längste Zeit in Frankfurt am Main gelebt, ist ein halber «Schwob».

  • Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder.

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4 Meinungen

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    am 7.12.2020 um 14:26 Uhr
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    Danke, Felix Schneider, für diesen Artikel. Offenbar versuchen Wapler, Wille & Co. ein Geschäftsmodell zu realisieren ähnlich dem eines privat getragenen Profitmediums, nur schwerfälliger, umständlicher, weniger effizient. Wenn wir sie das konsequent genug machen lassen, werden die Gegner jedes öffentlich-rechtlichen Service-Public-Mediums schon bald zu Recht sagen können „Lasst das! Die Privaten machen das besser!“ Wapler, Wille & Co. scheinen nicht fähig und/oder nicht willens den verfassungs- und gesetzmässigen Auftrag des gebührenfinanzierten Service-Public-Mediums als Alleinstellungsmerkmal zu verstehen und entsprechend zu entwickeln. Ist das ein personelles Problem (Wapler und Wille als Fehlbesetzungen) oder ein strukturelles Problem: *Demontage und Diskreditierung des Service-Public-Mediums* sind gewollt, sind die wahre Hidden Agenda?! d.h. andere Personen auf diesen Stellen wären gezwungen, im Wesentlichen dasselbe zu tun?!

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    am 7.12.2020 um 16:33 Uhr
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    Die Stellungnahme von Felix Schneider ist exzellent, ihr ist nichts beizufügen! Oder doch? Was ich seit Jahren vermute, denke: kritische, kompetente, engagierte Radiomacher*innen stören – gerne auch in politischem Sinne gemeint. Sie werden «weggemobbt» (wie im Fall der Verlegung des Studios Bern), verlassen von sich aus ihre Arbeit oder werden pensioniert. So dass aus Radio SRF2 Kultur – schleichend, aber zunehmend – ein Allerwelts-Tingeltangel-Radio wird, wie es deren schon Hunderte gibt. Ein wahrhafter Verlust fürs Schweizer Kulturleben, von niemand beweint. Und doch SCHADE…
    h.feuz bern

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    am 7.12.2020 um 18:14 Uhr
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    "Auf France Culture kann man erleben, wie bereichernd, aufklärend und politisch brisant es ist, wenn Wissenschaftler und Expertinnen aller Art zu den grossen Themen unserer Krisenzeit ausführlich zu Wort kommen». Dafür muss man gar nicht so weit blicken: Schon «La Première» (das welsche SRG-Pendant zum bieder-betulichen Radio SRF1) bietet eine erstaunliche Vielfalt an gründlichen, oft anspruchsvollen Gesprächen mit allen möglichen Fachleuten und BuchautorInnen aus dem ganzen französischsprachigen Raum. Die Sendung «Tribu» (täglich 11.00 bis 11.30 h) ist dafür nur ein Beispiel. Das Westschweizer Radio erfüllt den Service-Public-Auftrag insgesamt jedenfalls klar besser als SRF.

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    am 8.12.2020 um 08:53 Uhr
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    Danke Herr Schneider. Habe es schon mal geschrieben: ich bereue es mittlerweile, gegen „No Billag“ gestimmt zu haben. Es war eigtl schon damals klar: Kultur im öffentlich-rechtlichen Radio ist heute in der Deutschschweiz viel Wunschdenken. Schon damals verschwanden „liebgewonnene“ Sendungen sang- und klanglos (Lyrik). Und nun 52 BB. Was könnte man tun? 10‘000 haben unterschrieben, mit 10 Fr p.a. könnte zB der Kulturklub von SRF (der va mit Ticketaktionen auffällt) die Sendung am Leben erhalten und ein wuchtiges Zeichen setzen. Aber es ist so: die Billag, so wie sie heute konstruiert ist, muss auch von der Kulturseite in Frage gestellt werden.

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