So wecken Medien Misstrauen

Rainer Stadler /  Der Impfstart in Zürich provozierte negative Schlagzeilen. Diese offenbaren die branchenübliche Kleinkariertheit.

Über 100 000 Personen wollten sich am Mittwoch anmelden für eine Impfung gegen Corona, welche der Kanton Zürich am 4. Januar starten will. Innerhalb einer Stunde waren die verfügbaren Termine ausgebucht, so war zu vernehmen. Der Ansturm überforderte allerdings zeitweise das Anmeldesystem. Das provozierte sogleich Schlagzeilen. Der «Blick» stimulierte den Neidreflex: Prominente würden zuerst geimpft, während die Termine fürs Fussvolk bereits ausgebucht seien, titelte die Redaktion. Dazu zitierte sie empörte Stimmen aus dem Volk. Auch der «Tages-Anzeiger» mäkelte sogleich – etwas dezenter als der «Blick» – in einem Kommentar, dass die Bevorzugung bekannter Gesichter bei den erfolglosen Interessenten einen unschönen Eindruck hinterlasse: «Promis first».

Nach den diversen Meldungen über eine verbreitete Impfskepsis war es naheliegend, dass die Behörden bekannte Personen brauchten, welche mit gutem Beispiel vorangehen und damit die Misstrauischen von der Ungefährlichkeit einer Impfung überzeugen könnten. Vorerst hat Zürich die Kapazität, um 8000 Personen zweimal zu impfen. Angesichts dieser Zahl ist es läppisch, eine Privilegierung einer Handvoll von Prominenten zu skandalisieren.

Es mag hier um eine Lappalie im grossen Kampf gegen die Pandemie gehen. Aber sie ist typisch für das mediale Handlungssystem. Man konstruiert Geschichtchen, fabriziert Konflikte und hebt zu diesem Zweck Unwesentliches heraus. Das Geschehen liesse sich ganz anders darstellen – als erfreuliche Nachricht davon, dass die Nachfrage nach der Impfung derart gross ist und dass nun endlich die gesundheitlich besonders Gefährdeten einen Schutz bekommen, der bedeutend menschenfreundlicher ist als die bisherigen Versuche zur Isolierung, die eine Vereinsamung der Betroffenen zur Folge haben. Die Redaktionen hätten sich auch darauf beschränken können, den grossen Ansturm zu vermelden und die konkreten Schwierigkeiten der Durchführung zu benennen. Doch das wäre langweilig und widerspräche dem ersten Mediengebot, die Klick-Zahlen zu maximieren. Entsprechend dröhnen uns die Medienapparate täglich mit Nebensächlichkeiten zu. Das bestärkt das Misstrauen gegenüber dem Journalismus. Und beeinträchtigt die Wahrnehmung der guten Leistungen, die im Medientheater auch zu finden sind.


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8 Meinungen

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    am 1. Jan 2021 um 11:11 Uhr
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    Die guten Ratschläge hat auch Rainer Stadler nötig.

    Nicht die Presse schürt das Misstrauen sondern die Gesundheitsdirektion mit ihrem dilletantischen Vorgehen. Grottenschlechte Vorbereitung, Systeme kollabieren, Ärztefon lahmgelegt.
    Wahrscheinlich sind in der Task Force des Kantons zuwenig Profis aus dem Gesundheitswesen. Leute die mit dem Ärztefon vertraut sind hätten über die Kapazitäten des Systems bestimmt kompetent Auskunft geben können.

    Promiimpfen ist eher peinlich. 8’000 Impfdosen vorhanden, Nachfrage viel grösser als Angebot, die Impfskepsis wird sich schnell legen. Mit dem Promiimpfen werden Erwartungen geweckt die nicht befriedigt werden können.

    Die von Stadler vermissten Geschichten wurden schon bis zum abwinken mal besser und mal weniger besser geschrieben und publiziert!

    Es ist eben auch Aufgabe der 4. Gewalt, mittlerweile ein lachhafter Begriff, den Behörden auf die Finger zu klopfen und Missstände zu benennen!

    3
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    am 1. Jan 2021 um 11:25 Uhr
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    Wie weckt man unter dem Proletariat Begehrlichkeiten für eine Sache, von dem es nicht überzeugt ist?
    Man verbreitet die Nachricht eines knappen Gutes und wer zum Zuge kommt, gehört zum erlauchten Kreise Auserwählter, und schon will jeder zu diesem edlen Grüppchen dazugehören.
    Ziel erreicht.

    0
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      am 2. Jan 2021 um 08:20 Uhr
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      Überall diese Verschwörungstheoretiker! Wie kann eigentlich noch leben, wenn man hinter jedem Stein jemanden vermutet, der die Menschheit in den Abgrund reissen will? Ich kann das nicht nachvollziehen.

      8
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    am 1. Jan 2021 um 11:35 Uhr
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    Das Misstrauen kommt nicht nur von dieser Begebenheit. Seit Jahren macht die Pharmaindustrie Geld mit Impfungen auch gegen Grippe. Diese sind umstritten. Wenn so viel Propaganda für die Impfung gemacht wird und alle Konkurrenz mundtot gemacht wird und jene, die sich kritisch äussern oder finden, man sollte das Immunsystem stärken, was ja sinnvoll wäre und man mit Impfzwang oder Schikane derjenigen, die sich nicht impfenlassen droht, dann ist wohl Skepsis am Platz. Wieso darf man das Impfen nicht hinterfragen? Zufall oder nicht?

    2
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    am 1. Jan 2021 um 13:58 Uhr
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    ABER, sehr geehrter Herr Stadler — Sie beanstanden etwas, was es gibt, seit es Medien gibt.
    UND ich meine, ÜBER-Treibungen und ÜBER-Zeichnungen sind das kleinere Übel-
    im Vergleich dazu,
    wirklich wichtige Infos zu UNTER-schlagen
    oder üble Hetze zu betreiben
    Wie bekannt, stirbt ja -beispielsweise- VOR einem Krieg- die Wahrheit zuerst.

    Ausserdem, wenn DIE/einige die Proms tatsächlich bevorzugt geimpft wurden-
    gäbe es auch Positives zu berichten:

    Denn JEDER, der zuvorderst geimpft wird,
    nimmt -im Dienst an seinen Mitbürgern-
    das Risiko der noch offenen Nebenwirkungen eines per Notfall-Verordnung zugelassenen Medikaments in Kauf .

    Pardon, Herr Stadler ! – Wie wieder mal zu sehen, hat jede Medaillie (mindest) 2 Seiten –
    man muss sie nur mal umdrehen wollen.

    Alles Gute zum neuen Jahr wünsche ich Ihnen !
    Wolfgang Gerlach, Ingenieur

    1
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    am 1. Jan 2021 um 20:18 Uhr
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    Korrektur zu meinem ersten Kommentar,
    dass der R-Wert UN-tauglich ist:

    Bei nochmaliger sorgfältiger Nachprüfung stellte ich fest:
    1. Bei der ERSTEN Welle war das „Signal“ des R-Werts wahrscheinlich relativ zuverlässig.-
    2. Bei der ZWEITEN Welle ist das „R-Signal“ und die „Corona-Realität“ kaum in Deckung zu bringen.

    Was mich annemen lässt, dass
    a) sich einerseits der „Charakter“ von Corona ernsthaft änderte
    b) aber andererseits die Berechnungs-„Annnahmen“ von R NICHT entsprechen über-arbeitet, also nach-justiert, wurden.

    Alles Gute allerseits !

    Wolfgang Gerlach, Ingenieur

    1
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    am 3. Jan 2021 um 07:44 Uhr
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    Hr. Stadler hat in seiner Kritik insofern Recht, dass die mächtigen Konzern-Medien solche hanebüchenen Berichte abdrucken, um einerseits das Volk abzulenken mit solchen belanglosen Promis-Geschichtchen, andererseits die Bereitschaft zu erhöhen, sich alternativ- und kritiklos impfen zu lassen.

    Ob Nachricht, dass eine so unausgereifte und fragwürdige Impfung (im Schnellverfahren bewilligt) immer noch grosse Nachfrage erzeugt; eine erfreuliche Nachricht ist, bezweifle ich stark!–

    Guter Journalismus hätte die Aufgabe, diese Hintergründe und das Warum zu recherchieren und die Menschen aufzuklären, was da von mächtigen Konzernen und Regierungen getrieben wird.
    Und vor Allem die Menschen nicht alleine im Regen stehen zu lassen, wenn die Pharmalobby und die Regierungen von Alternativlosigkeit palavern.
    Sondern den Leuten GENAU diese Alternativen aufzuzeigen, welche Regierung und Pharmalobby uns vorenthalten.

    Zu Mindest die Regierungen müssten sich zurückbesinnen, dass sie vom Volk oder Parlament gewählt wurden, um eben die Interessen des Gemeinwohls umzusetzen.
    Und dieses Interesse ist eben NICHT einfach NUR EIN WEG, welcher von der Pharmaindustrie vorgezeichnet wird; sondern angepasste und vielfältige Wege, die auch das Wissen der Natur- und Erfahrungsmedizin beinhaltet, welches die Stimmbürger in einer Abstimmung über den BV-Artikel über die Komplementärmedizin angenommen haben.

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    am 4. Jan 2021 um 08:18 Uhr
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    Den Impfstart im Kanton Zürich finde ich jetzt wirklich keine Lappalie. Es geht um Grundsätzliches: Die Idee, dass sich über 75jährige aktiv via Internet oder Telefon-Ewigschlaufe um einen Impftermin bemühen müssen, machte mich fassungslos. Das habe ich von unserem Staat, der hier eine Monopolstellung einnimmt, wirklich nicht erwartet. Ich glaubte allen Ernstes, dass die Bevölkerung abgestuft nach Altersgruppe ein Impfaufgebot erhält, über die offizielle Schweizer Post. Die zuständigen Behörden hatten rund 10 Monate Zeit, die Impfaktion vorzubereiten. Der Start der Aktion im Kanton Zürich wirkt improvisiert, zynisch und stümperhaft; die Überlastung des Online-Buchungssystems war voraussehbar. Am Schlimmsten vom Ganzen finde ich, dass es plötzlich so ausschaut, als sei die Impfung eine Privatsache, oder – schlimmer noch – ein obrigkeitlich verordneter Test betreffend persönlicher Integrität, sozialer Einbettung und mentaler Fitness (digitale Kompetenz!) – man lasse sich diese Kombination mal auf der Zunge zergehen! Dabei sollte die Impfung Ausdruck der gesellschaftlichen Solidarität sein. So möchte man sie ja auch mit viel Steuergeldern bewerben, wie man hört.

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