So verschleiert Radio SRF Militärkosten

Niklaus Ramseyer ©

Niklaus Ramseyer /  Unser Gebühren-Radio SRF verschweigt der Hörerschaft die wichtigsten Fakten zu weltweiten Militärausgaben.

Noch nie sei weltweit fürs Militär so viel ausgegeben worden wie letztes Jahr, berichtete Radio SRF1 in seinen Morgennachrichten am Montag 27. April. Gemäss dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI nämlich mehr als 1900 Milliarden Dollar. Das seien 3,6 Prozent mehr als noch 2018. Und nun pro Kopf der Weltbevölkerung schon 249 Dollar, ergänzte der für diese Themen zuständige Fachredaktor des Schweizer Radios, Fredy Gsteiger.

Die USA gäben im weltweiten Vergleich weitaus am meisten für Militär aus, berichtete Gsteiger den SRF-HörerInnen dann: «Sie investieren in ihre Rüstung mehr als ein Drittel dessen, was alle übrigen Länder zusammen ausgeben», sagte er wörtlich. Nummer 2 hinter den USA sei China, gefolgt von Indien, Russland und Saudi-Arabien. Erst danach kämen die Westeuropäer. «Seit der Krimkrise und wachsender Spannungen mit Russland wegen», seien bei den Militärbudgets «freilich auch vielerorts in Europa wieder Zuwächse zu verzeichnen», meinte er.

Voller Fehler und am Wichtigsten vorbei
Gsteigers radiophoner Auftritt dauerte nur knapp eine Minute. Doch der «diplomatische Korrespondent», wie er sich nennt, leistete sich dabei rekordverdächtig viele Fehler und Fehlleistungen. Das beginnt schon bei den Begriffen: Bei den 1920 Milliarden Dollar handelt es sich um die Militärausgaben insgesamt. Die «Rüstungsausgaben» sind nur ein – allerdings beträchtlicher – Teil davon (Neudeutsch: die «Hardware»). Weitere Elemente, welche zu den «Militärausgaben» beitragen, sind Betriebskosten, Personalausgaben für Verwaltung und Truppe, oder dann konkrete Kriegskosten (in Afghanistan etwa seit Beginn der US- und Nato-Invasion in dieses Land über 1000 Milliarden Dollar zu Lasten der Steuerzahlenden in den USA und in anderen Nato-Ländern).

Das alles kann Gsteiger offenbar nicht klar auseinanderhalten. Sein Ökonomie-Begriff «investieren» ist in diesem Zusammenhang auch eher fragwürdig. Gravierender: Er verrechnet sich krass. Die USA geben mit ihren nunmehr 730 Milliarden Dollar im Jahr für Militär und Krieg nicht «mehr als ein Drittel» aller anderen Staaten zusammen aus, sondern weit mehr als halb so viel. Richtig gerechnet: Total 1920 Milliarden minus 730 (USA) – macht 1190 Milliarden (alle anderen). Verglichen damit sind die 730 US-Milliarden mehr als 60 Prozent. Also fast doppelt so viel wie Gsteigers «ein Drittel».
Das Schlimmste aber: Der Radiomann erwähnt diese harten Zahlen gar nie. Dadurch kann er zwar drohend berichten, China rüste immer mehr auf und die Russen stellten eine Gefahr dar («Krimkrise, wachsende Spannungen»). Weil Gsteiger der Hörerschaft aber verschweigt, dass diese Russen mit 65 Milliarden Militärausgaben pro Jahr nicht einmal einen Zehntel des US-Kriegsbudgets erreichen, und die Chinesen mit ihren 261 Milliarden nur gut einen Drittel davon, hindert er seine Hörerschaft daran, sich selber ein Bild über die wahren militärischen Machtverhältnisse zu machen. Dass die gesamte Nato (USA und europäische Verbündete) mit über 1000 Milliarden im Jahr weit mehr als die Hälfte aller Militärausgaben weltweit tätigt, verschweigt Gsteiger erst recht. Der Nato-Staat Deutschland kommt mit seinen um drei auf nunmehr 49,3 Milliarden gesteigerten Militärausgaben allein schon nahe an Russland heran.

So hoch waren die Militärausgaben gemäss SIPRI 2019 tatsächlich (in US-Dollar):
1. USA – 732 Mia
2. China – 261 Mia
3. Indien – 71,1 Mia
4. Russland – 65,1 Mia
5. Saudi-Arabien – 61,9 Mia
Nato insgesamt – mehr als 1000 Mia
Weltweit insgesamt Militärausgaben (military expenditure) – 1917 Mia

Nur Unfähigkeit – oder schnöde Absicht?

Nur wer diese realen Zahlen und Verhältnisse hört, kann sich ein fundiertes Urteil bilden. Er oder sie merkt dann auch schnell, wie unsinnig etwa das immer wieder zitierte (und in Mainstream-Medien propagierte) «Nato-Ziel» von Militärausgaben in Höhe von 2 Prozent des BIP (Bruttoinlandprodukt, respektive gesamte Wirtschaftsleistung) eines Landes effektiv ist: Würde etwa Deutschland sich daran halten, gäbe schon nur dieser eine Nato-Staat mit über 70 Milliarden jährlich mehr für seine Armee aus als der (ach so gefährliche) Russe. Zum Vergleich: Die bündnisfreie neutrale und damit militärisch autonome Schweiz kommt mit ihren 5,2 Milliarden Franken für ihr (Verteidigungs)-Militär gerade mal auf 0,7 Prozent des BIP.

Ob das Verschweigen dieser zahlenbasierten Fakten und wahren Verhältnisse im konkreten Fall nur Unfähigkeit oder politisch motivierte Absicht ist, bleibt unklar. Fest steht jedoch, dass die Gebühren zahlende SRF-Hörerschaft mit diesem Beitrag falsch und lückenhaft bedient oder gar desinformiert wurde.

Nato-Generäle oft im Radio – Chinesen weniger

Fest steht auch, dass der Autor des Beitrags, Fredy Gsteiger, eher selten durch Kritik an der Nato (North Atlantic Treaty Organisation) und deren «Führungsmacht USA» aufgefallen ist. Er hat (in der «Weltwoche») auch schon allen Ernstes den Anschluss unseres Landes an diese Nato propagiert, die ursprünglich als Verteidigungsbündnis gegründet wurde, inzwischen aber zum weltweit agierenden Kriegspakt verkommen ist. Die Neutralität der Schweiz, die diesem Anschluss im Wege stünde, macht Gsteiger entsprechend runter («ein Konzept von gestern»).

Die SRF-Hörerschaft gelangt derweil zum Eindruck, Nato-Generäle kämen an unseren SRF-Mikrophonen eher oft und wenig widersprochen zu Wort. Weit häufiger jedenfalls als beispielsweise russische oder chinesische Militärs. Da fragt es sich, ob Neutralität nun auch für Radio SRF «ein Konzept von gestern» sei.

Auch die NZZ schummelt mit Militär-Zahlen
Gegen journalistische Fehlleistungen, wie wir sie am 27. April am Morgen auf Radio SRF hörten, sollte eine seriöse Redaktionsleitung wohl einschreiten. In casu ist das allerdings nicht ganz einfach: Der Fehlbare ist nämlich nicht nur Teil des Problems, sondern auch Teil der Radio-SRF-Redaktionsleitung.

PS: Auch die NZZ (Online-Ausgabe vom Montag) schummelte sich an den (oben genannten) harten Zahlen zu Militärausgaben vorbei. Sie akzentuierte ihren so erweckten falschen Eindruck gar noch mit Bildern von bedrohlich wirkenden russischen Kampfjets. Auch das ist schwach und peinlich. Nur: Für die Verschleierungen des notorisch USA- und Nato-affinen Zürcher Blattes zahlen wir keine obligatorischen Serafe-Gebühren.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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7 Meinungen

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    am 5. Mai 2020 um 09:27 Uhr
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    Die «Berichterstattung» über die weltweiten Rüstungsausgaben und die Anteile der Nato und der USA durch Fredy Gsteiger hat mich auch geärgert. Allerdings ist das nicht ein punktueller Ausrutscher dieses Redaktors. Auffallend oft wird der Konjunktiv anstelle von Fakten und Quellen bemüht: «stiftete mutmasslich zu … an», «der Vorwurf schwerer Sexualdelikte steht im Raum», «sollen Raketen und Material für die Herstellung von C-Waffen enthalten haben» etc.
    Was er über den Nahen Osten oder über Assange beispielsweise in letzter Zeit abgesondert hat, ist ein Mitgrund, weshalb ich auch das «Echo der Zeit» vor allem konsumiere um auf dem Laufenden zu sein, wie wir in der Schweiz informiert werden. Nichtsdestotrotz greife ich bei Nauer oder Gsteiger möglichst schnell zur Fernbedienung.

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    am 1. Mai 2020 um 17:37 Uhr
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    Aus : Saldo, 20 Okt. 2011 : Beträge die in anderen Budgetposten ausserhalb der Armee zugute kommen : Jährliche Kosten für die Militärversicherung 200 Millionen, jährliche 200 Millionen an Schuldzinsen, Personalkosten Erwerbsersatzordnung im Jahr 2010 876 Millionen, kantonale Ausgaben für Militärdirektionen, Sektionsbüro’s etc. 100 Millionen pro Jahr. Aufgrund des zivilen Produktionsausfall’s entgeht der Volkswirtschaft pro Jahr 2.8 Milliarden. Die Armee nutzt Land und Gebäude ohne einen Marktpreis zu zahlen. Der Freiburger Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger rechnete pro Jahr hier mit bis zu einer Milliarde die die Armee dafür entrichten müsste. Eine Vollkostenrechnung würde bei der Armee pro Jahr also um die 9 Milliarden ergeben, beinahe das doppelte wie offiziell ausgewiesen wird.

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    am 1. Mai 2020 um 08:50 Uhr
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    @ A. Hautle:
    Sie haben Recht und N. Ramseyer hat Recht, nur Hr. Gsteiger nicht, denn man kann den Sachverhalt auf 2 Arten ausdrücken (aber sollte nicht vermischen):
    USA hat
    – 38% der gesamten weltweiten Aufwände (732/1917 = 38%)
    – 62% aller anderen(!) Staaten zusammen (732/(1917-732) = 62%)

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    am 30. Apr 2020 um 20:13 Uhr
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    Die NATO-freundliche, Russland- und China-feindliche «Berichterstattung» von SRF Radio und SRF TV ist als Propaganda einzustufen. Dass bei «unseren» Gebühren-finanzierten Sendern Neutralität, Ausgewogenheit und Objektivität Fremdwörter sind, ist höchst bedenklich.

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    am 30. Apr 2020 um 18:32 Uhr
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    Danke Herr Ramseyer für Ihre Aussagen. Wenn wir schon am Rechnen sind: Die Militärausgaben beinhalten also die Rüstungsausgaben und Personalkosten. Wenn 4 Millionen Schweizer je ein Jahr Dienst leisten und 80 Jahre leben, hätten wir also 50’000 Soldaten ständig im Dienst. Das mittlere Einkommen ist bei uns rund 150’000/Jahr. Das macht Fr. 7,5 Mia. Personalkosten, wie geht das mit einem Etat von Fr. 5,2 Mia.? – Und müssten die % nicht eher vom Bundeshaushalt als vom BIP abgeleitet werden, um wirklich was auszusagen? Ich rechne meine persönlichen Ausgaben nämlich auch von meinem Einkommen und nicht vom Umsatz meiner Tätigkeit… bitte um Aufklärung!

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    am 30. Apr 2020 um 14:20 Uhr
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    Weshalb werden solche Falschmeldungen (ob bewusst oder unbewusst) nicht von einer Aufsichtsbehörde korrigiert oder gar unterbunden? Weshalb müssen wir Zwangsgebühren für ein Medium bezahlen, welches nicht korrekt und neutral orientiert? Wer in unserem Land sorgt dafür, dass neutral und korrekt informiert wird? Wo sind die Politiker, die sich für eine objektive Information der Bevölkerung einsetzen? Es bleiben mir nichts als Fragen und ich bin ratlos.

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    am 30. Apr 2020 um 13:34 Uhr
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    Spannend und auch richtig. Nur bei den Berechnungen komme ich nicht klar. Die 700 Mia der USA machen doch 38% der gesamten weltweiten Aufwände von 1900 Mia aus (nicht 60%) – oder rechne ich falsch?

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