los-angeles-train-theft

Überall geplünderte Pakete: Die Gleise von Union Pacific in Los Angeles © CNN

Paketdiebstähle können die USA nicht erklären

Pascal Sigg /  In den USA scheint der wilde Westen ein Comeback zu feiern. Das suggeriert ein Artikel, der in der halben Schweiz erschienen ist.

Pars pro toto: Mit einem Teil das Ganze erklären. Dieses Versprechen ist gängig in journalistischen Artikeln. Kürzlich gab ein Artikel (Paywall) vor, der halben Schweiz die ganzen USA erklären zu können. Er erschien auf zehn Online-Portalen des Tamedia-Zeitungsverbunds.

Und so begann er: «Manche Dinge glaubt man ja erst, wenn man sie mit eigenen Augen sieht; und dann traut man diesen Augen nicht mehr, weil das, was man da sieht, so ungeheuerlich, so unvorstellbar ist, dass einem das Gehirn mitteilt: Nein, so was kann, so was darf nicht sein!» Was den Autor so bewegte, ist aber nicht etwa ein mit Leichen übersätes Schlachtfeld. Sondern die mit Paketen und allerlei Konsumgütern übersäten Gleise einer privaten Bahngesellschaft. Und er weiss gleich, was diese bedeuten: «Der Anblick ist ein Symbol für die Zustände in diesem Land und vielleicht auch für den Kapitalismus an sich.»

Zum Inhalt: Anscheinend werden in Aussenbezirken von Los Angeles regelmässig Paketzüge geplündert. Diese enthalten Lieferungen für KonsumentInnen aus den USA, welche in Online-Shops einkaufen. Aber auch persönliche Weihnachtsgeschenke. Politisch wird das Ganze, weil der Bezirksanwalt in der von Demokraten regierten Stadt zu wenig hart mit den Dieben ins Gericht gehen soll. Sie werden häufig ohne Kaution wieder laufen gelassen. Da brauche man sich nicht zu wundern, dass Präsident Biden unpopulär ist, suggeriert der Artikel. So tief sei das Land gesunken: In den USA werden einfache KonsumentInnen von der Politik im Stich gelassen! Und er lässt fragen: Sind nicht auch die Ansprüche der konsumgiggerigen Amis etwas überzogen?

Die Sache ist komplizierter

Das Problem: Wie das Lokalmedium L.A. Taco und die L. A. Times seither berichteten, ist die konkrete Geschichte komplizierter und deshalb eine andere. Von den Diebstählen ist hauptsächlich das Unternehmen Union Pacific betroffen. Eine andere Firma, die ebenfalls in L.A. Güterzüge betreibt, hat kaum Probleme damit. Union Pacific hat eine eigene Sicherheitsabteilung, welche das Schienennetz überwacht. Wegen anscheinend pandemiebedingter Kürzungen entliess diese im September 2020 den Grossteil der Angestellten. Obschon die Firma kürzlich – wohl ebenfalls pandemiebedingt – Rekordgewinne schrieb. Und der kritisierte Bezirksanwalt sagte, dass die Firma nur wenige Fälle von Diebstahl effektiv bei ihm zur Anzeige brachte. Und ohne Anzeige könne er nunmal nicht tätig werden. Diese Zusatzaspekte wurden aber erst nach Publikation des Artikels in der Schweiz bekannt.

Was ist also dran an der Geschichte von KonsumentInnen, die im Stich gelassen werden? Das ist tatsächlich schwer zu sagen. Denn die Sache ist mittlerweile national politisiert und auch von PR-Spins verzerrt. CNN hat berichtet, Fox, die New York Times, USA Today, der Guardian. Auf der einen Seite die Kritik der Law-and-Order-Rechten daran, dass die liberale Lokalverwaltung mit sanfteren Methoden versucht, gewaltlose Kriminalität wie Ladendiebstähle in den Griff zu bekommen. Und damit das kriminelle Päcklibusiness fördert. Auf der anderen Seite die grosskapitalkritische Linke, welche das Grossunternehmen Union Pacific dafür anprangert, dass es mit einem PR-Stunt die privaten Sicherheitskosten sozialisieren will.

Auch Gouverneur Newsom musste Präsenz markieren: Kurzes Video der Los Angeles Times über die Diebstähle. (Los Angeles Times)

Der Artikel deutet diese Hintergründe nur verlegen an. Insgesamt bestätigt er gerade mit seinem unbescheidenen Erkläranspruch pauschale Vorurteile und bestärkt die Schweizer Leserschaft in ihrer Identität als privilegierte KonsumentInnen. Die USA zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Eine Auslandgeschichte relevant für KonsumentInnen von Langenthal bis Liestal – von Zürichsee bis Thunersee. Oder wie würden Sie sich fühlen, wenn Ihre persönlichen Päckli geplündert würden?

Laufende Berichterstattung oder eigenständiger, flexibel einsetzbarer Content?

Der Autor arbeitet für die Süddeutsche Zeitung und wird mit einer monatlichen Pauschale entlöhnt. Seine Artikel – nicht alle – werden hin und wieder auch von der Tamedia übernommen und in den verschiedenen Publikationen veröffentlicht. «Wir haben immer weniger Ressourcen und müssen damit gleichzeitig neue Angebote anbieten, viele davon online», kommentierte Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser den Ausbau der Zusammenarbeit 2017.

Der Autor schreibt auf meine Anfrage, dass er den Artikel nicht korrigieren wolle: «Alles, was darin steht, war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung korrekt und aktuell. Warum sollte ich ihn also korrigieren wollen? Man kann das Thema fortsetzen, so wie man jedes Thema fortsetzen sollte, wenn es neue Informationen gibt. Das wäre dann aber ein neuer Text – der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung korrekt sein sollte.» Er hat zweifellos Recht: Journalismus lebt von dieser Art der laufenden Berichterstattung, die sich auch selber korrigieren kann.

Bloss: Sein Artikel ist nicht Teil dieser Art von laufender Berichterstattung. Er ist singulärer Content, der selber wie ein Päckli funktioniert – ein Produkt mit klaren Grenzen, das verpackt, verschickt und konsumiert werden kann und deshalb einmal und alleine funktionieren muss.

Ein Blick in die Mediendatenbank auf jeden Fall zeigt: Von Lyss bis Liestal weiss man auch zwei Wochen später noch nichts weiteres über die angebliche Wildwest-Geschichte aus den USA. Vom Autor erschien zuletzt ein Text zum Rücktritt von Football-Star Tom Brady – diesmal auf fünf Online-Portalen von Tamedia-Regionalzeitungen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Zeitungen_1

Kritik von Zeitungsartikeln

Printmedien üben sich kaum mehr in gegenseitiger Blattkritik. Infosperber holt dies ab und zu nach.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.



Die Redaktion schliesst den Meinungsaustausch automatisch nach zehn Tagen oder hat ihn für diesen Artikel gar nicht ermöglicht.

10 Meinungen

  • am 6.02.2022 um 16:27 Uhr
    Permalink

    Nicht nur Pakete: “From January 2021 to June 2021, a total of 692,884 bags were mishan-dled by US airlines, which is almost 200,000 more than the first half of 2020” (https://luggagehero.com/). Wenn wir von Brasilien zurückfliegen (2-4-mal pro Jahr) erhalten wir alle Koffer, wenn wir von USA kommen (1-mal alle 4 – 5 Jahren) geht mindestens ein Stück verloren!
    Giovanni Coda

    0
  • am 6.02.2022 um 17:00 Uhr
    Permalink

    Oha, Herr Sigg: Kollegenschelte und Fixpauschalenneid! Frage an Sie: ist Kritik am Kapitalismus, am US-Kapitalismus in Ihrem Sinn nun verboten? Was für ein Kollegen-Konflikt steckt hinter Ihrer sauertöpfsch verfassten Schreibe? Ganz nebenbei: Die USA sind auf einer Abwärtsspirale zu einem Entwicklungsland. Das soll das Themen der Amerika-Korrespondenten sein.

    3
    • am 7.02.2022 um 04:27 Uhr
      Permalink

      Das grösste Problem europäischer Berichterstattung zu den USA, ist dass wir die Themensetzung komplett den USA überlassen. Paketdiebstahl wird in US Medien thematisiert und so berichtet Europa darüber. Aber kein Wort über Zwangsarbeit in US Gefängnissen, insbesondere in der Baumwollproduktion. Kein Wort über die Zivilen Opfer des US Drohnenkrieges im Mittleren Osten. Kein Wort über die Sorgen der traditionellen Puritaner ausserhalb der Grossstädte ausser sie seien extremistische Evangelikale. Die katastrophale Gewalt mit Schusswaffen wird nur thematisiert, wenn es grosse Attentate gibt, die tägliche Bedrohung von Polizisten an Leib und Leben ist auch kein Thema.
      So wird denn die Illusion einer fortschrittlichen, modernen, erstrebenswerten USA aufrechterhalten, und dumme Platitüden wie eine angebliche «Wertegemeinschaft» von Europa mit den USA leben unhinterfragt weiter.

      1
    • am 7.02.2022 um 09:09 Uhr
      Permalink

      Sehr geehrter Herr Lienhard, wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Medienkritik und Kollegenschelte? Und angenommen es würde sich tatsächlich um Kollegenschelte handeln, wie sollte eine kritische Auseinandersetzung mit besagtem Artikel ihrer Meinung nach formuliert sein? Mit freundlichen Grüssen, Pascal Sigg

      0
    • am 8.02.2022 um 00:14 Uhr
      Permalink

      «…wie sollte eine kritische Auseinandersetzung mit besagtem Artikel ihrer Meinung nach formuliert sein?» Meine Antwort: Am besten nicht! Schreiben Sie selber einen Artikel auf recherchierten Fakten und nehmen Sie sich die Lesermeinung von Harald Buchmann aus Peking zu Herzen (respektive zu Kopf…)! Viel Erfolg!
      PS: Leser Buchmann hat vergessen: Die Folter – in Guantanamo und in den US-Gefängnissen, sowie der Hinrichtungs-Methoden und der oft mehr als 20 Jahre dauernden Wartefristen in den Todeszellen. Ein mittelalterliches Entwicklungsland – eben High-Noon-Cowboy-Mentalität und Goldgräber-Kapitalismus…

      0
    • am 9.02.2022 um 10:16 Uhr
      Permalink

      Sie sagen also, dass grundsätzlich keine Medienkritik angebracht sei. Aber selber äussern sie so Medienkritik.

      1
  • am 7.02.2022 um 17:26 Uhr
    Permalink

    Wo ist das Problem? Solches passiert in jedem 3. Weltland.

    0
    • am 8.02.2022 um 19:38 Uhr
      Permalink

      😂😂😂😂😂

      0
  • am 9.02.2022 um 12:08 Uhr
    Permalink

    So kommen wir nicht weiter, Herr Sigg. Sie pinkeln dem Kollegen ans Bein, weil Ihnen dessen Perspektive missfällt. Wohl, weil sie einen sehr Amerika kritischen Aspekt beleuchtet. Ich wiederhole mich: Die USA sind auf dem besten Weg zu einem Drittwelt-Land. Leser Ruedi Basler meint gar, dass dies bereits so ist. Und wenn ich mir Basels Innenstadt am Samstag Morgen anschaue, so sind wir glaube ich auch nicht weit davor entfernt. Weil es sehr lange dauert, bis hierzulande in den Köpfen endlich angekommen ist, dass man das «Vorbild USA» endlich abschnallen sollte. Zuallererst durch das Vermeiden von Anglizismen in unserer Sprache: «booster, lock down etc.» und sowieso Sinn «machen» statt Sinn «haben» oder «soziale Medien» für «social media»… (falls Sie wissen, was ich mit letzterem meine).

    0
    • am 9.02.2022 um 13:45 Uhr
      Permalink

      Nein, so kommen wir tatsächlich nicht weiter. Glauben Sie mir bitte einfach etwas: Was ich kritisiert habe und weshalb steht im Artikel. Alles andere sind Mutmassungen, die ihre und meine Zeit fressen.

      1

Comments are closed.

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...

Die Schlagzeilen der täglich drei neusten Artikel erhalten Sie nach Wunsch täglich oder wöchentlich.

Vielen Dank, dass Sie unseren Newsletter abonnieren!

Der Bestätigungslink ist nicht mehr gültig.