Sperberauge

Mehr Terroranschläge wegen Medien

Urs P. Gasche © Peter Mosimann

Urs P. Gasche /  Namentlich für Selbstmörder und den IS werden Attentate attraktiver, wenn sie damit die halbe Welt bewegen.

Wenn Selbstmord-Attentate die halbe Welt in Angst versetzen, weil

  • Medien jenseits der Verhältnismässigkeit darüber berichten,
  • Staatsvertreter eine noch stärkere Aushöhlung der Privatsphäre und des Datenschutzes fordern,
  • das Thema «Sicherheit» in Wahlkämpfen dominiert,
  • selbst in nicht betroffenen Ländern Schweigeminuten verordnet und Fahnen wie jetzt in Deutschland auf Halbmast gesetzt werden,

zeigt dies zwar Betroffenheit, Mitgefühl und Tatendrang, es spielt aber auch Terroristen in die Hände, die man bekämpfen will.

Die unverhältnismässigen Reaktionen auf Attentate wie dasjenige in Manchester motivieren Terrororganisationen erst recht, demokratisch regierte und offene Gesellschaften mit solchen Terroranschlägen zu destabilisieren.
Und sozial frustrierte, ideologisch verführte Männer lassen sich leichter zum Freitod anstiften, wenn diese darauf zählen können, mit ihrer Tat ein weltweites Aufsehen und eine weltweite Entrüstung auszulösen.

Diese Zusammenhänge scheinen plausibel und naheliegend und wurden nach früheren Terroranschlägen in Nizza, Paris oder Berlin diskutiert. Einige Medien gelobten gemeinsam, sich künftig medial auf die Informationspflicht zu beschränken – im Bewusstsein der propagandistischen Auswirkungen.
Seit die grossen Medien keine IS-Leute mehr mit abgehauenen Köpfen als Trophäen in den Händen zeigen, scheint es zu weniger Köpfungen gekommen zu sein.

Unter dem Titel «Je mehr News, desto mehr Terrorattacken» berichtete die NZZ am 27. Mai über eine Analyse der Berichte der US-Sender CNN, NBC, CBS und Fox News. Die Analyse hatte das deutsche «Institute of Labor Economics» IZA im April veröffentlicht. Im Zeitraum von 2001 bis 2015 hatten diese US-Informationskanäle mengenmässig mehr über die Terrororganisation al-Kaida berichtet als über Russland und China zusammen. Die Forscher sprechen von «klaren Effekten»: Jede Minute Berichterstattung über al-Kaida innerhalb einer 30-minütigen Sendung habe in den folgenden sieben Tagen zu einem zusätzlichen Anschlag geführt, mit durchschnittlich jedes Mal fünf Toten. Al-Kaida habe umso öfter zugeschlagen, je umfangreicher die Berichterstattung war.
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