kontertext: Winkelried auf dem Fussballfeld

Ariane Tanner © A.T.

Ariane Tanner /  Fussball hat nichts mit Politik zu tun. Oder: Sportjournalismus am Limit

Als in der 75. Minute das 3:1 für Frankreich gegen die Schweiz fiel, fing der Kommentator am ORF schon mit der Abmoderation an. Dafür entschuldigte er sich später gründlich, denn nicht nur holte das Schweizer Team während der regulären Spielzeit den Rückstand auf, sondern gewann sogar das Elfmeterschiessen an jenem 28. Juni 2021 im Achtelfinale der Europameisterschaften. Als das Resultat feststand, war am Austragungsort Bukarest schon lange der 29. Juni angebrochen und hierzulande mussten die Sportjournalisten eine Nachtschicht einlegen, um ihre gegebenenfalls analog zum niederlagengewohnten ORF-Kommentator vorzeitig verfassten Artikel komplett umzuschreiben. «Die Schweiz steht im Viertelfinal!», lautete die Bildüberschrift am Dienstag, den 29. Juni im Tages-Anzeiger, und die Sportseite titelte: «Ein Spektakel bis zum grandiosen Ende».

Das stellte sich bald als zu sachlich und zu wenig euphorisch heraus. Irgendwie hatte man sich auf gewissen Redaktionen mit dieser ersten Berichterstattung direkt nach dem Achtelfinale zu stark an der Idee der helvetischen Bescheidenheit orientiert, so wie man dieselbe gerade erst noch bei gewissen Spielern angemahnt hatte, weil sie einen Coiffeur ins Hotel bestellten, und dies nicht mal für einen Pflegeschnitt, sondern unerhörterweise für eine Aufsehen erregende Färbung der Haare!

Epochemachende Frisöre

Wegen dieses «Fauxpas» hatte in der Aargauer Zeitung ein Journalist ausführlich darüber sinniert, wie er doch so gerne eine «Beziehung», eine «Verbindung», ja gar «Symbiose» mit dem schweizerischen Nationalteam fühlen täte, was ein solches Benehmen rund um irdische Dinge wie Haarstyling selbstredend im Ansatz erstickt: «Das ist dekadent.» Der Sportredaktor beim Blick doppelte nach: «Das ist an Abgehobenheit schwer zu übertreffen».

Tja, nun wurden die Spieler des Nationalteams aber ganz offensichtlich trotz aller schweizerischen Naturgesetze für ihr zu wenig eingeübtes helvetisches Verhalten nicht nur nicht (von den Fussballgöttern?) abgestraft, sondern im Gegenteil, sogar (von den Fussballgöttern?) dafür belohnt. Wie aber konnte jetzt das bisherige sportjournalistische Skript, das von ungesungenen Nationalhymnen, falscher Prioritätensetzung, mangelnder Bodenhaftung und unzureichender Leistung auf dem Platz dominiert wurde, an diesen einzigartigen Sieg angepasst werden? Was, wenn es nicht nur bei der Behauptung des Schweizer Captains Xhaka blieb, «Geschichte zu schreiben»?

Nationale Umarmung

Seit 1954 war es keiner «Nati» mehr gelungen, in einer WM-/EM-Endrunde ein K.o.-Spiel für sich zu entscheiden. Von diesem historischen Ereignis wollten sich viele sofort ein Stück abschneiden, allen voran die Sportjournalisten selbst, die sich in einer rhetorisch halsbrecherischen Volte sogar zu den Urhebern der Geschichte, sozusagen zu den Geburtshelfern dieses Sieges hochstilisierten, weil sie das Team durch ihre generell negativ geprägte Berichterstattung erst wachgerüttelt hätten: «Eine geglückte Züchtigungsmassnahme soll es also gewesen sein, die das erfolgreichste Nationalteam der Geschichte wieder auf den richtigen, den schweizerischen Weg gebracht habe.» (WOZ, 1.7.)

Die journalistische Antwort auf den unerwarteten Erfolgsfall ist demnach: die nationale Umarmung. Die Tages-Anzeiger-Ausgabe vom 30. Juni widmete diesem Ziel die Frontseite – «Was der epochale Moment für die Schweiz bedeutet» – und fast die ganze Ausgabe: Die Seiten 2, 3, 27 und 28 handelten ausschliesslich von diesem Fussballereignis, auf den Seiten 4 und 5 und 13 und 14 mussten sich sämtliche Ressorts wie «Meinung», «Schweiz», «Debatte» und «Kehrseite» dem allgegenwärtigen Thema mit kleinen Beiträgen beugen. Ein grosser, zweiseitiger Essay legte dar, wie dieses Spiel «Ein Akt der nationalen Entkrampfung» gewesen sei, «das Wunder von Bukarest», das «eine über den Sport hinaus einende Wirkung hat». 

Nicht zu unterschätzen ist dabei, gegen wen man dieses Spiel gewann. Mit Frankreich wurde der amtierende Weltmeister im Fussball und «La grande nation» niedergerungen. Die letzten Höhenfeuer der SVP, um das gescheiterte Rahmenabkommen mit der Europäischen Union zu feiern, waren am Verglimmen, schon entzündeten sich die Freudenfeuer nach dem Sieg über Frankreich. Gebodigt hatte man die Spieler einer Nation, der man jetzt sogar nicht mal Kampfflugzeuge abkauft: «Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warb noch am Dienstag persönlich bei Bundespräsident Guy Parmelin für sein Paket rund um den Jet Rafale», es nützte alles nichts. Der Cartoon auf der Titelseite des Tages-Anzeigers vom 1. Juli illustrierte dies passend mit einem Fussball, der Macron mitten in die Magengrube trifft. Und über allem das Echo des schnoddrigen Live-Kommentars von Sascha Ruefer, der vor dem Anpfiff des Spiels Schweiz – Frankreich nach der französischen Hymne ins SRF-Mikrophon sagte: «Marseillaise, Bouillabaisse, Champignons…», ein schlechter Reim, der aber so ungefähr den Abstieg vom Ruhm über den Eintopf hin zum Schattengewächs beschreibt.

Aufgedrängte Helden

Dass sich in einer solchen Situation nationale Stimmung aufbauen lässt, zeigten die Forscher Emilio Depetris-Chauvín und Ruben Durante 2017 für subsaharische Fussballereignisse: Nach siegreichen Fussballspielen verlaufen die Identifikationslinien nicht mehr entlang von ethnischen Gruppen, sondern fallen mit nationalen zusammen. Sogar in der WOZ, die generell der Pflege von nationalen Gefühlen abhold ist, wurde darüber nachgedacht, wie man als Linker mit der unkontrollierten Mobilisierung von Rest-Patriotismus in Anbetracht von Fussballspielen der Schweizer-Nati umgehen kann, ohne das Gesicht zu verlieren (WOZ, 24.6.), oder ob das nicht schon lange passiert sei, wenn einen diese Regung überfällt (WOZ, 1.7.). Weniger Berührungsängste kannten da andere Medien und schwenkten voll auf die Inszenierung dieses «Sommermärchens» ein. Spieler, deren kongolesisch-albanisch-spanisch-serbischer Hintergrund zu erwähnen soeben noch wichtig war, wurden kurzerhand als Schweizer Nationalhelden adoptiert. Zum Beispiel in der Person von «Ricardo Winkelried Rodriguez» (Aargauer Zeitung). 

Er war es, der während der regulären Spielzeit einen Elfmeter zum vorentscheidenden 2:0 für die Schweiz versenken sollte und am Torhüter der Franzosen scheiterte. Ein Fakt, der wiederum der «grande nation» den mentalen Auftrieb verlieh, um ihrerseits mit erdrückender Fussballmacht gleich dreimal zu treffen. Doch die wahren Helden der Geschichte lassen sich immer erst in der Retrospektive erkennen, wie es ein Kulturredaktor in der Aargauer Zeitung machte, indem er den schicksalhaften Moment für Rodriguez mit der Schlacht bei Sempach im Jahre 1386 verglich: «(Winkelried) aber umarmte in auswegloser Situation ein Bündel österreichischer Lanzen und wurde durchbohrt. Ricardo Rodriguez nahm in der 55. Minute nicht die Lanzen der Franzosen entgegen, aber den Ball. Sein Versagen brachte die vermeintliche Wende, sein ‘Tod’ die Auferstehung der Mannschaft.» 

Verbaute Superlative

Voilà. So geht Geschichte: Bescheidenheit und demonstrative Distanziertheit müssen im richtigen Moment in Pathos und zeitlosen Heldenmut verwandelt werden. Deshalb, so fährt die Aargauer Zeitung in ihrer Mann-für-Mann-Spielanalyse vom 30. Juni fort, gebühre Rodriguez auch «ein Denkmal». Und der ehemalige Trainerassistent Michel Pont, befragt von der NZZ, gab einen Tag später zu Protokoll: «Die Leute wollen Wilhelm Tells auf dem Rasen sehen.» Damit ist der Mythos komplett und die Abtrünnigen kehren mythisch verklärt in den Schoss der Nation zurück. Keiner zu gross, um nicht von einem Eidgenoss’ ausgetrickst zu werden. Keiner zu klein, ein Winkelried zu sein.

Derweil der Trainer der Schweizerischen Nationalmannschaft, Vladimir Petković, der bereits im Jahr 2019 in der WOZ als zu schlau für die allermeisten Sportjournalisten dargestellt wurde, auch in diesem Moment schon wieder allen voraus war. Auf die Frage im Presseraum nach dem sagenhaften Achtelfinale, ob es der grösste Match seiner Karriere gewesen sei, meinte er: «Einer der grössten, einer der wichtigsten.» Petković behalte sich also noch ein paar Superlative vor, bemerkte der Tages-Anzeiger im letzten rationalen Moment, ehe die Idee des fussballerischen Nationalmythos die Redaktion vollends mit sich riss: Am 2. Juli lieferte der Tages-Anzeiger einen ganzen Bund zu «Die Helden von Bukarest».

Schade irgendwie, dass die Schweiz noch am gleichen Abend gegen Spanien aus dem Turnier ausschied. Auf die Steigerungsformeln eines Petković und einer Journalistengilde, die schon die ganze Geschichte abgegrast hatte, wäre ich gespannt gewesen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Ariane Tanner ist promovierte Historikerin, die sich auf die Wissenschafts- und Umweltgeschichte spezialisierte. Interessensbindungen: Keine.

Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder. Die Redaktion betreuen wechselnd Mitglieder der Gruppe.
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2 Meinungen

  • am 7.07.2021 um 19:56 Uhr
    Permalink

    Ein Dank von Herzen für den Artikel von Ariane Tanner (Winkelried auf dem Fussballfeld)!
    Ich bin – ich war, muss ich nun bei meinem Alter wohl hinzufügen (70) selbst Sportjournalist – und kämpfte immer gegen solche «demonstrative Distanziertheit» (meint Ariane Tanner – man könnte auch Wankelmütigkeit oder Opportunismus noch böser als Ariane schreiben), die im «im richtigen Moment in Pathos und zeitlosen Heldenmut verwandelt werden» muss.
    Ehrlich gesagt, kämpfte ich natürlich auch immer gegen mich selbst, denn solche Kehrtwendungen sind irgendwie «menschlich» (menschlich im negativen Sinn gemeint) und könn(t)en mir in 44 Jahren Journalismus bestimmt auch vorgeworfen werden. Besser als andere will ich mich sicher nicht darstellen.
    Aber man muss eben immer wieder Mal eins auf den Deckel bekommen, wie hier durch Ariane Tanner, die es dann fundiert, treffend und angebracht formulieren kann. Nochmals Danke!
    Eduard Stutz (seit 2 Jahren in Madagaskar wohnhaft)

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  • am 7.07.2021 um 23:02 Uhr
    Permalink

    Es ist klar, dass, wenn etwas schwul aussieht – seien es blondierte Haare oder eine Regenbogenfahne – diese Zeichen im homophoben Milieu aus der Öffentlichkeit eliminiert werden müssen. Das zeigt im Grunde, dass Homophobie in unserer Gesellschaft immer noch weit verbreitet ist und überdies durch die rechten Mainstream-Medien mit ihren «Politische-Korrektheit»-Artikeln vom Genderstern bis zum «Rainbow-Washing» auch noch gezielt im Sinne der politischen Rechten instrumentalisiert wird.

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