kontertext: Donald Trump ist nur das Symptom

Matthias Zehnder /  Twitter und andere Soziale Netzwerke haben Donald Trump gesperrt. Ist das ein nötiger Schritt oder ungebührliche Zensur?

Nachdem Donald Trump seine Anhänger dazu aufgefordert hatte, zum Kapitol zu ziehen, hat Twitter dessen Konto @realDonaldTrump «dauerhaft» gesperrt. Bereits am Donnerstag hatte Facebook-Chef Mark Zuckerberg (36) angekündigt, dass seine Firma den Account von Donald Trump «auf unbestimmte Zeit, mindestens aber für die kommenden zwei Wochen» sperre. Trump kann also nicht auf Facebook oder Instagram ausweichen. Auch alternative Angebote wie die unter Rechtsextremen beliebte App Parler bieten kaum mehr einen Ausweg, weil die App von Apple, Google und Amazon nicht mehr unterstützt wird und derzeit schlicht keine Firma findet, die ihr Server zur Verfügung stellt.

Endlich, sagen die Gegner von Trump; Skandal, schreien seine Anhänger und viele Journalisten kommentierten, der amerikanische Präsident verliere vor allem mit der Twitter-Sperre sein wichtigstes Kommunikationsmittel. In den Tamedia-Zeitungen bezeichnet Edgar Schuler die Sozialen Medien als «scheinheilige Zauberlehrlinge vom Silicon Valley». In seinem Kommentar schreibt er, die «Zauberlehrlinge wollen sich jetzt als Teil der Lösung darstellen. Das wird nicht aufgehen. Trotz schon zahlreicher Skandale haben sie es verpasst, angemessen und glaubwürdig auf den Missbrauch ihrer Plattformen zu reagieren. Fehlgeleitet von ihren eigenen Algorithmen und dem Diktat des Profits, haben sie konsequent favorisiert, was ihre User auf ihren Sites hielt.»

Ich weiss nicht recht, ob ich lachen oder weinen soll, wenn ich das lese. Denn in der Schweiz sind (wie in den USA auch) die meisten Menschen @realDonaldTrump nicht auf Twitter gefolgt, sondern haben jeweils von den Medien brühwarm serviert bekommen, was Donald auf Twitter gerade wieder verbreitet hat. Warum? Auch die Medien haben sich von «ihren eigenen Algorithmen und dem Diktat des Profits» leiten lassen und Donald Trump eine riesige Bühne gegeben. Denn Trump gab Klicks. Wenn jemand scheinheilig ist, dann also Tamedia&Co.

Das wichtigste Kommunikationsmittel

Interessant an der Diskussion ist aber eine weitere Formulierung: «US-Präsident Donald Trump verliert sein wichtigstes Kommunikationsmittel», schrieben die Tamedia-Zeitungen letzte Woche. Das ist so sicher falsch. Denn der amerikanische Präsident twittert auf dem Account @POTUS auf Twitter. Diesen Account kann der US-Präsident weiterhin benutzen – allerdings hat er «nur» 33,4 Millionen Follower. Es ist die Privatperson Donald Trump, die ihren Account und damit über 88 Millionen Follower auf Twitter verloren hat. Der amerikanische Präsident gehört ohne Zweifel zu den mächtigsten Menschen der Welt. Er kann jederzeit Medienkonferenzen einberufen, wird auf Schritt und Tritt von Journalisten begleitet und kann sich auch per Fernsehansprache direkt an das amerikanische Volk wenden. Donald Trump konnte darüber hinaus auf die «Mitarbeit» zahlreicher, rechtsgerichteter Medien zählen, darunter das grösste amerikanische Fernsehnetzwerk Fox News. Dieser auf allen Kanälen mächtige Mann verliert nun also sein privates Twitter-Konto. 

Dass das so hohe Wellen wirft, zeigt zwei Dinge: Zum einen hat Donald Trump die Rolle des Präsidenten nie ganz übernommen. Er hat daneben als Privatperson weiter kommuniziert und provoziert – und hat auf diese Weise Medien und Politiker vor sich hergetrieben. Man stelle sich vor, in der Schweiz würde ein Bundesrat auf einem privaten Twitter-Account Politiker und Entscheide des Parlaments kommentieren. Zum anderen zeigt es, welche Überhöhung Donald Trump als Figur durch die Medien erfahren hat. Anders ist es nicht erklärbar, dass Beobachter den privaten Account von Donald Trump als so wichtig einstufen, obwohl der US-Präsident auch ohne Twitter in den Medien wohl die grösste Macht hat, die ein Mensch medial auf dieser Welt haben kann.

Schaler Nachgeschmack

Deshalb kann auch keine Rede davon sein, dass der US-Präsident in seiner Redefreiheit eingeschränkt werde. Das wird höchstens Donald Trump als Privatperson. Trump hat sich übrigens bitter darüber beklagt und geschrieben, Twitter mache gemeinsame Sache mit der «radikalen Linken» und wolle ihn und 75 Millionen «grossartiger Patrioten, die mich gewählt haben, zum Schweigen bringen.» Veröffentlich hat er diese Klage – nicht lachen! – auf Twitter, auf seinem @POTUS-Account.

Natürlich hinterlässt es einen schalen Nachgeschmack, wenn TwitterFacebook und andere Trump erst dann den Saft abdrehen, wenn er seine Macht schon verloren hat. Andererseits: Donald Trump war (und ist) der gewählte Präsident der USA. Und einem demokratisch legitim gewählten Politiker dürfen Soziale Netzwerke nicht einfach so den Stecker ziehen. Das Problem ist, dass unser Konzept von Freiheit darauf beruht, dass Verantwortung für sein Handeln übernimmt, wer Freiheit beansprucht. Donald Trump hat sich immer geweigert, Verantwortung für die beanspruchte Redefreiheit zu übernehmen. Wahrheit, Lüge, Anstand, Beleidigung – ihm war alles einerlei. Bei einem im wahrsten Sinn des Wortes ruchlosen Menschen funktionieren die bestehenden Regulative der Redefreiheit nicht mehr.

In Zukunft werden wir (auch in der Schweiz) drei Fragen beantworten müssen: Wie weit darf die Meinungsäusserungsfreiheit im Internet und in Sozialen Medien gehen? Welche Verantwortung tragen Medien für das Weiterverbreiten offensichtlicher Lügen? Und: Wer soll die Grenzen der Redefreiheit feststellen und beurteilen? Erschwert wird die Beantwortung dieser Fragen dadurch, dass Medien (immer noch) stark von Aufmerksamkeit leben. Und die Aufmerksamkeitsökonomie liebt Lügner und Provokateure. Das wird auch nach dem Abgang von Donald Trump so bleiben – zumal Medien zwischen Anführungszeichen jeden Blödsinn melden dürfen. @realDonaldTrump war auch diesbezüglich nicht Ursache der Probleme, sondern ihr Symptom in Extremis. Ändern wird sich das erst, wenn Aufmerksamkeit keine Schlüsselrolle mehr einnimmt in der Medienökonomie. Und das wird noch eine Weile dauern.


Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors


Matthias Zehnder ist freier Publizist, Medienwissenschaftler und Berater (Medienkonzeption) in Basel. Er ist Vorstandsmitglied der SRG Region Basel und betreibt unter www.matthiaszehnder.ch einen Medienblog.
 
 
·      Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder.

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5 Meinungen

  • am 13.01.2021 um 11:24 Uhr
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    Leider braucht ein Teil der Menschen einen Führer der ihnen sagt wo es lang geht. Denen fehlt es an Rückgrat und Selbstbewusstsein. So erkläre ich mir das. Alles andere kommt hinterher.

    1
  • am 13.01.2021 um 11:43 Uhr
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    Das eigentliche Problem ist hier tatsächlich nicht Twitter, auch nicht Facebook – es ist neben Medien, die nur noch nach kommerziellen Gesichtspunkten funktionieren, also nicht mehr unabhängig sind, das katastrophale US-amerikanische Bildungssystem. (Twitter, Facebook, Google, Amazon und Co. bieten bekanntlich einen sehr schlechten Datenschutz und leiten Daten nach Belieben an Dritte aller Art weiter – das ist aber in diesem Fall nur ein Nebenschauplatz). In einem Land, wo offenbar Millionen an QAnon und Trumps Verschwörungstheorien glauben, d.h. nicht fähig sind, auch nur ein Minimum an kritischer Haltung gegenüber irgendwelchen «Informationen» aufzubringen, ist offensichtlich in der Bildung etwas unwiderruflich schief gelaufen. Wenn sich der Geschichtsunterricht auf einen stupiden Hurrapatriotismus beschränkt, wenn alle Probleme der Geschichte der USA ausgeklammert werden (Genozid an den Indianern, Sklaven, Gewalt, Ungleichheit, politische Gefangene, von den USA angezettelte Kriege, Folterungen und Morde im staatlichen Auftrag, ökologische Zerstörungen, Energie usw.) kommt es nicht gut für dieses Land und die Welt.

    0
  • am 13.01.2021 um 11:57 Uhr
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    Meine persönliche Meinung zu Trump war immer, schon vor seiner Wahl, der Typ hat sie nicht alle. Verblüffender Weise hat er dann als Präsident für meinen Geschmack jedoch ein paar Dinge richtig gemacht und zugleich die besonders beängstigenden Befürchtungen nicht erfüllt.

    Dabei hat sich die schein-liberale Fundamental-Opposition immer wieder mit ihrer Heuchelei entlarvt. Hoffen wir, dass die letzten Trump-Tage ohne Unheil zu Ende gehen. Dass es die Demokraten nicht geschafft haben, eine jüngere, geistig frischere Person als Kandidat zu präsentieren, ist ein Armuts-Zeugnis und lässt neue Dramen befürchten.

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    • am 14.01.2021 um 10:58 Uhr
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      @Werner Furrer

      Ich denke, dass Biden sein Alter weise handhaben wird (und dann möglicherweise bis zur Halbzeit zurücktritt?) … Kamala Harris hat dann doch das Potential der «frischen Person» ….

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