Kahlschlag beim Kulturradio

Heinrich Vogler /  Die SRG wrackt die Substanz von SRF 2 Kultur ab - unter Missachtung des verfassungsmässigen Kulturauftrags.

Am Anfang war lange nur der Landessender Beromünster mit den amtlichen Nachrichten. Der Weg in die mediale Unabhängigkeit war lange. Schliesslich wurde das Angebot um das Pantoffelkino bereichert. Der Kulturauftrag in der Konzession bescherte der SRG zu Beginn der siebziger Jahre mit den zweiten Radioprogrammen drei neue werbefreie 24-Stunden-Kultursender.

Als der Schweizer Werbekuchen seit der Jahrtausendwende wegen Google, Facebook & Co. kleiner und kleiner geworden war, beschloss die Schweizer Medienwirtschaft zunächst, an der Konsumförderung bei der SRG festzuhalten. Jedenfalls so lange, bis das einheimische Privatfernsehen dereinst auf seinen Kommerzfrequenzen eine flächendeckende Reichweite erzielte, um ihre Werbespots ohne die SRG an die KonsumentInnen zu bringen.

Spardruck

Zu diesem Kalkül gehört, dass die Konkurrenz des öffentlichrechtlichen Rundfunks der Schweiz in Zeiten des medialen Marktversagens im Neoliberalismus sowie angesichts dramatisch sinkender Werbeeinnahmen stark unter Spardruck steht. Nachdem das einstige Radio Studio Basel, der Standort von SRF 2 Kultur auf einem Grundstück von rund vier Fussballfeldern Grösse, um einen Millionengewinn von der Bildfläche wegkartätscht worden ist, geht jetzt der zum Himmel stinkende Abbruch des Innenlebens von SRF 2 als ernstzunehmender publizistischer Kultursender über die Bühne. Notabene für die gleich hohe monatliche Konzessionsgebühr wie bisher. Literatur und Gesellschaft, Musik und Hörspiel, Unterhaltung und Religion sind im Radio als künftig mindestens teilverzichtbar erklärt worden, weil sie angeblich dem Fortschritt in Form des Stillstands im Wege stehen.

Ausgerechnet auf die besonders radiokonforme Literatur geht der Sparhammer mit voller Wucht nieder. «52 Beste Bücher», der letzte Platz für Literaturkritik, hat ausgedient. Wobei diese Sendung durchschnittlich immerhin 40’000 Hörerinnen und Hörer auswies. Das entspricht rund viermal so vielen Zuschauerinnen und Zuschauern, die der FC Zürich vor Covid pro Heimspiel angezogen hatte.

Ausgerufen wurde in der Folge eine Transition, die sich nach den Ergebnissen einer «Marktstudie für ein literaturaffines Publikum» richten will. Mit solchem rein quantitativem Businesstechspeech wird der einschneidende Kulturabbau der linearen zugunsten der digitalen SRF-Kanäle weichgespült. Die Kultur soll baldmöglichst verfacebookt, verinstagrammatisiert, vertwittert und veryoutoubt, also verpixelt werden.

Verlust an Kompetenz

Das naturgemäss  langsamere Geschäft des reflexiven Innehaltens und Wertens, des qualitativen Debattierens wird aus dem Programm gestrichen – in Verkennung der Tatsache, dass Kunst, die diesen Namen verdient, ein höchst sensibler Seismograph der Gesellschaft, also hoch relevant ist. Es wäre schöngefärbt, wenn man diesen stillosen Rundumschlag nicht eine gravierende Vernachlässigung des verfassungsmässigen Kulturauftrags durch die SRG und die Direktion SRF im Speziellen nennte.

Das viel kostengünstigere Kulturradio wird dem viel teureren kulturellen «Nullmedium» (H.M.Enzensberger) Fernsehen geopfert. Wohlverstanden: Es handelt sich bei dieser Tilgung von Substanz und dem Rausschmiss journalistischer Kompetenz nicht um eine vom Himmel gefallene Naturkatastrophe. Die Krise stammt aus Menschenhand. Sie ist also reversibel, wenn man es denn wollte.

Rund zehn Entlassungen, Frühpensionierungen und rigorose Redaktionsbudgetkürzungen sind bisher ausgesprochen worden – mitten in einer Pandemie, wo die Kulturschaffenden mehr denn je auf öffentliche Resonanz ihrer Arbeit angewiesen wären und KulturjournalistInnen auf dem völlig ausgetrockneten Stellenmarkt keine Alternative haben. Bei der Direktion, bei Information und Sport wird dagegen aufgestockt.

Gegenwehr nötig

Dieses Land hat wie jedes andere die Medien, die es verdient. Es muss nicht unbedingt eine teure Kopie der BBC sein.  Eine Nummer kleiner (ohne Werbung!) wäre schon ein Gewinn. Wir können der Demontage der Kultur im Hause SRF tatenlos zusehen. Wir können aber auch versuchen, das Heft zusammen mit verbündeten Bürgerinnen und Bürgern in die Hand nehmen und dieses Streichkonzert dorthin lenken, wo es hingehört: in die öffentlichen und politischen Kanäle des Souveräns. «Verehrtes Publikum», riet Bertolt Brecht, «los, such dir selbst den Schluss!» Aber Dalli, Dalli! Bevor die Stecker ganz gezogen werden. Möchte man hinzufügen. SRF hat für den Herbst schon die zweite, noch druckvollere, Abwrackwelle angekündigt.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Heinrich Vogler. Geboren 1950 in Basel. Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie der Politik. War Journalist / Redaktor bei Radio DRS und SRF 2 Kultur. Arbeitete als Kultur- sowie jahrelang als Literaturredaktor. Bis zur Pensionierung Ende 2015.

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Eine Meinung zu

  • am 5.02.2021 um 13:47 Uhr
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    Weil ich gerne klassische Musik höre, war ich früher (während den mir bekannten Zeiten) Dauerhörer von DRS2. Heute nur noch selten. Denn kaum ist ein Stück zu Ende, beginnt wieder eine Sprechphase. So schalte ich DRS2 fast nur noch abends um 19 Uhr ein, weil ich Echo der Zeit lieber dann als um 18 Uhr höre. Einen Fernseher habe ich seit Jahrzehnten nicht mehr. Nicht aus Sparsamkeit, sondern weil ich die visuelle Gängelung nicht mag. Das änderte sich selbstverständlich auch nicht, als TV computertauglich wurde. Kein Fernsehen, kein DRS2 – immerhin bleiben mir (im Moment noch) das Echo der Zeit und ….. die Gebühren. Immerhin eine solide Verbindung zu diesem Service Public. DRS kann’s egal sein. Denn ich gehöre zur aussterbenden Spezies. Je Corona, desto aussterbender.

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