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63 grosse Menschen sind im Jahr 2012 gestorben, sagt die populärste Infoplattform der Schweiz © 20min.ch

Grosse Menschen – am meisten hat’s im Showbusiness

Christian Müller /  Auch «grosse Menschen» müssen sterben. Und auch im Jahr 2012 hat es wieder einige getroffen. Die Medien wissen, welche.

Zu den Aufgaben des Journalismus gehört das Aufmerksam-Machen, das Beschreiben einer Situation, das Porträtieren einer Person, das Analysieren, das Kommentieren. Vor allem aber ist der Journalist, ist die Redaktorin der guten Selektion verpflichtet: Welche Ereignisse sind wichtig? Welche werden Folgen haben, vielleicht sogar schwerwiegende Folgen? Und, im Zeitalter der profitorientierten Medien-Welt, mehr denn je: Was interessiert die Zeitungsleser? Worüber möchten die Zuhörerinnen mehr erfahren? Und was unterhält die Zuschauer am besten? Womit vertreibt man ihnen ihre kostbare Zeit am schnellsten und am billigsten?

Wie gut die Journalistinnen und Journalisten diese letzte – aber vielleicht wichtigste – ihrer Aufgaben erfüllen, jene der Selektion der Themen in der Überfülle der Nachrichten aus aller Welt, ist nicht einfach zu beurteilen. Denn jeder, der sich an die Beurteilung macht, selektiert wieder nach anderen Kriterien, nach eigenen Massstäben.

Die Liste der Verstorbenen als Trouvaille

Doch jetzt, am Ende des Jahres, erscheinen wie jedes Jahr auch die Jahresrückblicke. Und dazu gehören auch die Verstorbenen – jene Verstorbenen, die das Publikum «interessieren». Die meist genutzte Informationsplattform der Schweiz, die zwar 24 Stunden am Tag aktualisiert wird, aber nur 20 Minuten genutzt zu werden beansprucht, entledigte sich dieser nicht ganz einfachen Aufgabe mit einem anspruchsvollen Titel: «Diese grossen Menschen sind 2012 gestorben».

Da lohnt es sich, genauer hinzugucken. 63 «grosse Menschen» sind 2012 gestorben. 51 Männer und nur 12 Frauen. Eine erste kleine Überraschung. Sterben viermal mehr Männer als Frauen? Oder haben die Männer in unserer Gesellschaft vielleicht viermal höhere Chancen, «grosse Menschen» zu werden? Man rate.

Wer wird am ehesten ein «grosser Mensch»?

Eine Analyse nach Berufsgruppen ist nicht ganz einfach. Wir versuchen es trotzdem.

25 der 63 «grossen Menschen», die 2012 gestorben sind, 40 Prozent also, stammen aus dem Showbusiness, von Kurt Felix bis Walter Roderer, von Sylvia «Emmanuelle» Kristel bis Dirk Bach, von Whitney Houston bis Etta James. Und zwanzig andere eben.

9 weitere der 63 «grossen Menschen», die 2012 verstorben sind, stammen aus dem Sport, von Richi Bucher (Eishockey) bis Urs Lott (Eishockey), von Wladimir Krutow (Eishockey) bis Xaver Unsinn (Eishockey). Dazu ein Schwinger, ein Schwimmer und eine Skifahrerin. Merke: Willst Du ein «grosser Mensch» werden, spiele Eishockey – und stirb!

Neben dem Showbusiness und dem Sport bietet immerhin auch die Kultur einige Chancen, ein «grosser Mensch» zu werden. 4 verstorbene «grosse Menschen» waren Schriftsteller, darunter Gore Vidal aus den USA und Yvette Z’Graggen aus der Schweiz. Ebenfalls 4 waren klassische Musiker, darunter Lisa della Casa, Dietrich Fischer-Dieskau und Hans Werner Henze. Und ebenfalls 4 der verstorbenen «grossen Menschen» waren Designer oder Architekten, nämlich Ferdinand A. Porsche, Sergio Pininfarina. Fritz Haller (USM) und Oscar Niemeyer (Brasilia).

Die Schweizer auch unter den «grossen Menschen» an der Spitze

Um als Politiker als «grosser Mensch» sterben zu dürfen, ist man am besten ein Schweizer. Hier haben es deren 4 geschafft: Otto Ineichen und Otto Stich, Leon Schlumpf und Peter Malama. Geschafft hat es auch Norodom Sihanouk, König von Kambodscha. Und vor drei Tagen hat es immerhin noch ein zweiter Ausländer geschafft: General Norman Schwarzkopf, der im Zweiten Golfkrieg 1991 die irakischen Ölfelder unter US-amerikanische Herrschaft bombte. Der Chef der «Operation Desert Storm» war schon im Vietnamkrieg mit dabei und erntete später jede Menge Tapferkeits- und Ehren-Medaillen. Für seine Memoiren kassierte er vom amerikanischen Verlag Bantam Doubleday Dell 5 Millionen Dollar. Ein «grosser Mensch» halt.

Auch Solitäre unter den «grossen Menschen»

Nicht alle 63 erwähnten «grossen Menschen», die 2012 verstorben sind, sind leicht einzuordnen. Da sind auch einzelne Unikate mit dabei, «Solitäre» sozusagen. Etwa der Berner Banker und Medien-Monopolist Charles von Graffenried. Dieter Bührle oder Robert A. Jeker, beide auch im Jahr 2012 verstorben, haben es dagegen nicht unter die «grossen Menschen» gebracht. Nicht vergessen gegangen in der Liste der «grossen Menschen» ist natürlich auch Neil Armstrong, der erste Mensch, der den Mond betreten hat.

Berufskollegen gingen nicht vergessen

Nicht vergessen gingen auch drei Journalistinnen und Journalisten, die «grosse Menschen» waren und im ablaufenden Jahr gestorben sind: Marie Colvin, Remi Ochlik und Horst Faas. Colvin und Ochlik kamen im syrischen Bürgerkrieg ums Leben. 137 andere Journalistinnen und Journalisten wurden ebenfalls umgebracht oder kamen sonst beim beruflichen Einsatz im Jahr 2012 gewaltsam ums Leben, schafften es aber halt nicht, «grosse Menschen» geworden zu sein.

… auch noch ein Geistlicher

Als Kirchenmann oder Geistlicher scheint es erstaunlicherweise sehr schwer zu sein, als «grosser Mensch» sterben zu dürfen. Die meistgenutzte Infoplattform der Schweiz hat gerade einen gefunden: Schenuda III. von Alexandrien, «Papst des Stuhls des heiligen Markus». Der Autor dieser Zeilen muss gestehen, dass er den nicht gekannt hat.

Bildung und Wissenschaft gehen leer aus

Kein Arzt ein «grosser Mensch», und keine Ärztin? Das wäre ein Fehlschluss, nur scheint im Jahr 2012 kein solcher gestorben zu sein. Auch keine Krankenschwester. Auch kein Gelehrter. Keine Forscherin. Kein Professor für Philosophie. Sie alle leben noch oder waren halt keine «grossen Menschen». Selber schuld, dass sie nicht Eishockey gespielt haben, ist man geneigt zu sagen.

Und die Blauhelme, die Mitarbeiter des Roten Kreuzes oder der «Médecins Sans Frontières», in den Flüchtlingslagern in Ostafrika, in Haiti?

Doch lassen wir das. Eigentlich wollten wir ja nur wissen, ob die Journalisten und Journalistinnen einen guten Job machen, wenn sie für uns, die Leser, die Internet-User, die Zuhörerinnen und Zuschauer, auswählen müssen, was uns interessiert, was Folgen haben könnte, was, wie das die Medien-Wissenschafter nennen, «relevant» ist. Und da kann für einmal jeder selber beurteilen, ob die Auswahl der «grossen Menschen», die im Jahr 2012 gestorben sind, den eigenen Bedürfnissen entspricht.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor war 25 Jahre Journalist und 20 Jahre Medien-Manager.

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Eine Meinung zu

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    am 30.12.2012 um 15:22 Uhr
    Permalink

    Danke für den Artikel – es macht einfach Spass, den infosperber zu lesen, Inhalt und Tonalität sind abweschslungsreich und dennoch immer von ausgezeichneter Qualität!
    Ja, was ist ein «grosser Mensch"? Als Medizinierin denke ich natürlich zuerst an die Grösse in Metern, auch da ist im 2012 jemand gestorben, eine junge asiatische Dame, die riesengross war, Ihren Namen habe ich vergessen. Sie hat sehr gelitten in den Monaten vor Ihrem Tod. Aber sie hat es scheinbar nicht unter die «Grossen» geschafft, trotz enormer Grösse.
    Ein grosser Mensch ist für mich jemand, der in seiner Sparte eine Vorbildfunktion hat, der aus Seinesgleichen (auch den Eishockeyspielern) aktiv hervorsticht.
    Grosse Menschen sind aber solche, die ein schweres Schicksal meistern ohne zu klagen. Die alleinerziehende Mutter, die ohne genügend Geld die Kinder betreuen und ihrer Arbeit nachgehen muss. Der einsame alte Mensch, um den sich niemand kümmert. Von denen gibt es viele. Sie schaffen es nie auf eine Liste.
    Manche Menschen waren «gross". aber es wurde nicht bekannt, bevor sie gestorben sind, oft auch nachher nicht. Ich kenne einige.
    Für die Medien ist halt nur interessant, wer es schon vorher irgendwie in die Archive geschafft hat. Und zwar vor allem in diejenigen der Boulevard- und Massenmedien.
    Falsches Selektionskrierium…
    Aber vielleicht wäre das den nicht-erwähnt-werdenden verstorbenen wirklich grossen Menschen grad Recht. Ich könnte mir das gut vorstellen.

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