Die «Neue Zürcher Zeitung» – mit kritischen Augen betrachtet

Roman Berger ©

Roman Berger /  Für schwierige Zeiten ein Lesetipp. Ein ehemaliger NZZ-Redaktor schreibt über die NZZ. Ohne Schere im Kopf.

Der ehemalige Redaktor der «Neuen Zürcher Zeitung» Friedemann Bartu hat ein Buch über ebendiese «Neue Zürcher Zeitung» geschrieben. Im Vorwort zu seinem Buch mit dem Titel «Umbruch. Die Neue Zürcher Zeitung» schreibt Bartu: «Ich habe einiges von dem niedergeschrieben, was man als NZZ-Mitarbeiter nie schreiben konnte und durfte.» Denn es gehöre, so Bartu weiter, zu den schlimmsten Widersprüchen des Journalismus, dass man über alles berichten und kritisch schreiben dürfe, nur nicht über den eigenen Arbeitgeber. Diese «Schere im Kopf» hatte der schon vor vielen Jahren in Pension gegangene Journalist also definitiv nicht.

«Bleierne Jahre – verpasste Chancen»

Bartu, der als junger Redaktor 1978 zur NZZ stiess, erlebte noch die besten Jahre des Blattes. Aber das waren schon bald vergangene Zeiten, die ein anderer bekannter NZZ-Redaktor, Christoph Mühlemann, so geschildert hatte: «Der Leser weiss: Wenn es nicht in der NZZ steht, dann ist es auch nicht wichtig.»

Die NZZ-Krise habe schon in den frühen 1990er Jahren begonnen. Bartu zitiert Etienne Jornod, NZZ-Verwaltungspräsident seit 2013: «Mir ist keine andere Branche bekannt, die einen Strukturwandel derart verpasst hat wie die Medienwelt.» Die 1868 gegründete NZZ habe über einen Spezialfonds von mehr als 100 Millionen Franken verfügt. Der NZZ habe aber eine klare Strategie gefehlt, was mit soviel Geld zu tun sei. Auf der einen Seite erweckte das viele Geld ein Image von «Stabilität», andererseits diente es auch als «Ruhekissen». Auf diese Weise sei sehr viel Zeit verloren gegangen.

Einzigartige Besitzverhältnisse

Bartu zitiert den ehemaligen Inlandredaktor Max Frenkel: «Die Zeitung hat sich vom Freisinn distanziert, weil man den Freisinn als zu wenig freisinnig empfand.» Diese Untergangsprosa finde sich nicht in der linken «Wochenzeitung» (WOZ), sondern in der dem Freisinn nahestehenden NZZ. (Um NZZ-Aktionär zu werden, musste man früher Mitglied der Freisinnigen Partei sein. Anm.d.Red.)

Eher tiefe Löhne für die NZZ-Redaktion

In einem scharf formulierten Kapitel «Rotierende Rotarier» kritisiert Bartu den Klassenunterschied in der NZZ zwischen der «Teppichetage» und einfachen Redaktoren und Redaktorinnen – auch bei den Gehältern. Alle noch lebenden Chefredaktoren seien Mitglieder des «Rotary-Clubs» gewesen, in dem angeblich die «Zürcher Elite» sitze.

Ins gleiche Kapitel gehört die Beschreibung des «Höhepunktes der NZZ-Generalversammlung»: «Der Apéro, gefolgt vom Mittagstisch». Das Menu sei auf Büttenpapier gedruckt und französisch formuliert gewesen. Da gebe es nicht einfach Lachs zur Vorspeise, sondern «Saumon véritable d’Ecosse». Nicht gewöhnliches Rindfleisch, sondern «Coeur de boeuf Lavallière», und dazu nicht die kleinbürgerliche Morchelsauce, sondern «Morilles des bois à la crème».

NZZ und Tamedia

NZZ und Tamedia sind und bleiben zwei unterschiedliche paar «Schuhe». Bartu erinnert an einen Konflikt zwischen den beiden Medienhäusern. Es ging um die Druckstrategie, mit der die Druckkosten gesenkt und der Vertrieb hätten vereinfacht werden sollen. Doch Tamedia erteilte der NZZ einen Korb, weil sie von der NZZ unabhängig sein wollte. Dass die NZZ dann über ein Jahrzehnt später ihre eigene teure Druckanlage in Schlieren doch wieder schliessen musste und ihre Titel danach bei Tamedia drucken würde, «das war damals weder absehbar noch vorstellbar».

Wie unterschiedlich die «Alte Tante» (NZZ) und der «Tagi» reagieren, zeigt auch wieder ein aktuelles Ereignis: «Als Kopf des Tages» publizierte der «Tages-Anzeiger» ein Portrait von Friedemann Bartus Buch (7. März 2020). Über den Protestbrief an den Verwaltungsratspräsidenten Pietro Supino der «TX Group» (ehemals Tamedia), der von Hunderten von ehemaligen Angestellten unterzeichnet wurde, berichtete aber nur die NZZ (27. März 2020). (1)

Bartu zitiert ganz am Schluss seines Buchs den britischen Naturforscher Charles Darwin, der einmal sagte: «Es ist nicht die stärkste Spezies, die überlebt, auch nicht die intelligenteste, sondern eher diejenige, die am ehesten bereit ist, sich zu verändern.» (2) Diese Worte hätten auch als «Nachwort» seines Buches stehen können.
—————————————————-

Nähere Angaben zu Friedemann Bartus Buch «Umbruch. Die Neue Zürcher Zeitung. Ein kritisches Porträt» siehe hier.

(1) NZZ und Tamedia: Viele Angestellte des TA waren mit dem Protestbrief einverstanden, wollten aber nicht unterschreiben, aus Angst, entlassen zu werden.
(2) «Die Ideologie der Ungleichheit» von Thomas Pickety in den «Blättern für deutsche und internationale Politik» 4/2020.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581

2 Meinungen

  • Avatar
    am 14.04.2020 um 06:27 Uhr
    Permalink

    Weil früher beruflich viel im Ausland, meine Frau Ausländerin, las ich eher die NZZ als den Tagi. Seit Jahren jedoch sind meine Infoquellen übers Ausland hauptsächlich RT, Sputniknews und seit ca. einem Jahr infosperber. Die NZZ lese ich je nach Thema selten und den Tagi in der Regel nur wenn es CH betrifft. Warum dieser Wandel?: Unser Mainstreammedien sind alle USA / EU-hörig und daher (leider) seit dem Ungarnaufstand Russlandfeindlich und dies in jeder Beziehung. Zudem meine Auslanderfahrungen und eine unvergessliche Russlandreise 2018.
    Die gute Seite vom Internet ist die freie Meinungsäusserung, im Gegensatz zu Artikel oder Leserbriefen die früher wie heute nicht veröffentlicht werden, wenn diese nicht der «Medien-Ideologie» entspricht. Egal ob NZZ, Tagi oder Blick. Deshalb hatte die EU-Medienministerin schon vor ca. 2 Jahren vorgeschlagen, den Journalisten ihre berufliche Tätigkeit abzuerkennen, wenn diese die «Grundwerte der EU» kritisieren. Diese EU-Info wurde uns seinerzeit von den Mainstreammedien vorenthalten. Daher meine Hoffnung, dass die Begrenzungsinitiative vom Volk angenommen wird, denn die Schweiz muss ein selbst bestimmtes Land bleiben, aber das interessiert die EU-hörige NZZ nicht, weil sie die Finanz- und Wirtschaftselite vertritt.

    0

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...