Die Demokratie wird gewalttätig

Hanspeter Guggenbühl ©

Hanspeter Guggenbühl /  Wer die Kommentare zum Gripen-Entscheid und zur Mindestlohn-Initiative liest, lernt das Fürchten.

Demokratie, so dachte ich, sei eine friedliche Staatsform. Das war ein Irrtum. Gerade in der demokratischen Schweiz wird die Politik immer gewalttätiger. Das jedenfalls erfuhr ich, als ich die Berichte über den letzten Abstimmungssonntag las: «Ueli Maurer muss eine empfindliche Ohrfeige einstecken», meldete neben andern der Walliser Bote, nachdem das Volk den Gripen abgelehnt hatte.
Doch unser wehrhafter Bundesrat ist nicht das einzige Opfer. «Ohrfeige für die Linke», titelte der Blick, «Ohrfeige für Gewerkschaften» der Tages-Anzeiger (TA), weil das Volk die Mindestlohn-Initiative ablehnte. Tags darauf ergänzte TA-Redaktor René Lenzin in fetter Schrift: «SP und Gewerkschaften haben am Sonntag eine Ohrfeige kassiert.» Und im weiteren Text analysiert der kluge Lenzin: «Schon die Zahl 23,7 kommt einer schallenden Ohrfeige gleich.»
Dem sprachlich malträtierten Medienkonsumenten vergeht darob nicht nur das Lesen, sondern auch das Hören. Denn von den insgesamt 30 «Ohrfeigen», die Medienschaffende nach dem letzten Urnengang verteilten, handelt es sich bei jeder vierten um eine «schallende». Dabei schallte es nicht nur Linken, Gewerkschaften und dem Verteidigungsminister um die Ohren – Ohrfeigen erhielten angeblich auch die luftwaffenfreundlichen bürgerlichen Parteien sowie die von minderen Löhnen besonders betroffenen Frauen – also fast alle.
Die Demokratinnen und Demokraten haben damit nicht nur die Mindestlohn-Initiative und den Gripen geschlagen, sondern obendrein sich selber. Keine medialen Ohrfeigen erhielten hingegen Pädophile. Dafür einen groben Tritt zwischen die Beine.


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3 Meinungen

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    am 26. Mai 2014 um 21:37 Uhr
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    Da lob‘ ich mir meine friedlich heranwachsenden Feigen im Garten 🙂
    Wie kam es denn überhaupt zu diesem blödsinnigen, feigenbeleidigenden Begriff, welcher boshaft (oder erzieherisch :-(( ) verursachten Scherz an den Ohren mit Feigen verkittet? Wer kam denn ursprünglich auf diese Schnapsidee?
    Vielleicht könnte eine andere Pflanze für die Assoziation mit Schmerz herhalten? – beispielsweise die hinterhältige Brennessel, also brennede Ohrnesseln statt schallende Feigen, die ich sowieso nur als stille Genusslieferanten kenne. Schall und Rauch kommt von explodierenden Granaten, die «Schallenden» weisen tiefer in die Gewaltspirale. Also weg mit dieser «blumigen» Sprache… Journalisten sollen sich einer treffenderen Sprache bedienen!

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    am 27. Mai 2014 um 11:46 Uhr
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    Sprachliche Sensibilität wird die Welt nicht retten, ist aber eine der höchster erzieherischen, auch volkserzieherischen Aufgaben.

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    am 27. Mai 2014 um 12:41 Uhr
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    Wenn gebildete, wortgewandte Journalisten zum Begriff ‚Ohrfeige‘ greifen, um einen deutlichen Sachverhalt, nämlich klare und eindeutige oder einprägsame Abstimmungsergebnisse zu unterstreichen, dann müssen wir uns eigentlich sorgen.
    Abstimmungsergebnisse als Ohrfeige zu bezeichnen weist auf eine gewisse Hilflosigkeit hin, soziologisch erklärbare Vorgänge zu erfassen und gehörig zu kommentieren. Das sollte uns LeserInnen zu denken geben. Unsere politischen Berichterstatter und -Vorbeter erweisen sich als begriffs-untüchtig und steigen in alte Zeiten, wo physisch geschlagen wurde, also körperliche Züchtigung erfolgte, wenn Menschen sich etwas erlaubten, was den Machthabern nicht gefiel. Sind diese Journalisten aus der Zeit gefallen, stehen sie unter Leistungs- bzw. Anpassungs- oder gar einem Gehorsamkeitsdruck und erleiden dergestalt geistige Abstürze in einst brachiale Zeiten?

    Herzlichen Dank an H.P. Guggenbühl, dass er einmal mehr auf einen erhellenden Missstand aufmerksam gemacht hat!

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