Verstrahlte Schweine - das Erbe von Tschernobyl

Wildschweine sind echte Feinschmecker - deshalb ist ihr Fleisch oft radioaktiv belastet. © cc-by-sa-3 Johann H. Addicks

Verstrahlte Schweine – das Erbe von Tschernobyl

Daniela Gschweng /  Die Folgen des Reaktorunfalls zeigen sich noch heute in unseren Lebensmitteln. Vor allem Wildschweine sind belastet.

Die Kernschmelze in dem sowjetischen Reaktor in Tschernobyl in der Ukraine am 26. April 1986 ist 35 Jahre her. Radioaktiver Staub verteilte sich damals über ganz Europa, die Folgen sind messbar.

Wo noch heute hohe Belastungen auftreten und wo nicht, ist mehr oder weniger Glück. Vieles hängt davon ab, wie im April 1986 der Wind stand und wo es regnete. Mit dem Regen gelangte unter anderem radioaktives Cäsium-137 in den Boden.

Gebiete, in denen es regnete, hatten Pech

Der bayrische Landkreis Augsburg beispielsweise hatte halb Glück, halb Pech, weil es lokal zu Regenfällen kam. In einigen Gebieten ist Strahlung kein Thema, in anderen kommt es regelmässig zu Grenzwertüberschreitungen bei Wildschweinen. Der Jagdwirt Jörg Richter prüft noch heute jedes geschossene Tier auf Strahlung, berichtet die «Welt». 10 bis 15 Prozent der Tiere sind so belastet, dass sie vernichtet werden müssen.

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Welche Gebiete heute mit Cäsium-137 belastet sind, hängt davon ab, wie das Wetter im April 1986 war.

Warum es ausgerechnet Wildschweine am stärksten erwischt, hat mehrere Gründe. Zum einen bleibt Cäsium-137, das eine Halbwertszeit von 30 Jahren hat, im Wald am ehesten im Stoffkreislauf. Es wird von Wurzeln aufgenommen, gelangt von dort in die Blätter, die im Herbst wieder zu Boden fallen, und so weiter. Auf Feldern dagegen verteilt sich das radioaktive Isotop schneller und wird eher ausgewaschen; Lebensmittel aus dem Ackerbau sind deshalb meist nicht mehr nachweisbar belastet.

Im Wald hält sich die Radioaktivität länger

Auf Dauer gelangt Cäsium-137 dann in tiefere Bodenschichten, es lagert sich auch gerne in Pilzen ab. Schweine sind in dieser Hinsicht echte Feinschmecker. Sie wühlen auf der Nahrungssuche viel im Boden und fressen besonders gerne Trüffeln, die das Cäsium-Isotop in grösseren Mengen enthalten. Wie ihr Menü gerade aussehe, könne man an der Belastung sehen, sagt der bayrische Prüfer. Im Herbst, wenn Wildschweine viele Bucheckern oder Eicheln fressen, seien die Werte niedriger.

In der Schweiz am stärksten betroffen sind das Tessin und das zu Graubünden gehörende Tal Misox, wo es nach der Reaktorkatastrophe ausgiebige Regenfälle gab. Noch 2018 lagen 32 von 643 Wildschweinproben aus dem Tessin über dem erlaubten Grenzwert, das entspricht fünf Prozent der geprüften Tiere. In Graubünden wurde im vergangenen Jahr sogar bei 7 von 18 geprüften Wildschweinen der Grenzwert überschritten.

Im Tessin wird auch heute noch genau hingeschaut

Im Tessin werden erlegte Wildschweine seit 2013 systematisch gemonitort. Schlägt das Messgerät an, wird zusätzlich im Labor gemessen. Wenn das Fleisch zu viel radioaktives Cäsium enthält, wird es beschlagnahmt, der Jäger wird entschädigt.

Der Gehalt an Cäsium-137 nimmt in der ganzen Schweiz wie auch in Europa kontinuierlich ab, verstrahlte Schweine wird es vor allem in der Schweiz und Süddeutschland aber noch einige Jahrzehnte geben. Das radioaktive Cäsium-Isotop zerfällt zwar zusehends. Bodenerosion, Auswaschung und Verschiebung in tiefere Bodenschichten tragen zur Abnahme bei. In bewaldeten Gebieten dauert das aber seine Zeit.

Pilze im Schnitt nur wenig belastet

Bei Wild mit Ausnahme von Wildschweinen besteht in der Schweiz heute keine Gefahr mehr. Einzelne Waldpilze sind noch belastet. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG), das die radioaktive Belastung von Lebensmitteln überwacht, fand 2018 in drei von 74 Pilzproben aus Graubünden und Glarus mässig erhöhte Radioaktivität, in einer Probe aus einem Bündner Tal deutlich erhöhte Werte von 3300 Becquerel pro Kilogramm.

Der Grenzwert liegt wie bei Schweinefleisch bei 600 Bq/kg. 2017 fand sich unter 69 Pilzproben aus den Kantonen Aargau, Tessin und Zürich ein Pilz aus dem Tessin mit 1000 Bq/kg. Bei normalem Verzehr besteht aber laut BAG kein Risiko für die Gesundheit; dafür ist die Dosis im Vergleich zu natürlich vorkommenden Radionukliden zu niedrig.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.

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