Kolumne Pietro Vernazza

Professor Pietro Vernazza © zVg / ChatGPT

Unerwünschte IgG4-Antikörper nach Covid-Booster

Pietro Vernazza /  Eine weitere Studie deutet darauf hin, dass alljährlich wiederholte Auffrischimpfungen gegen Covid die Immunabwehr verschlechtern.

Red. – Dies ist ein Gastbeitrag von Professor Pietro Vernazza. Er war bis Sommer 2021 Chefarzt der Infektiologie/Spitalhygiene am Kantonsspital St. Gallen. Sein Artikel erschien zuerst auf «infekt.ch». Infosperber veröffentlicht hier eine leicht redigierte Fassung.

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Eine australische Studie bestätigt frühere Arbeiten, wonach wiederholte mRNA-Boosterimpfungen gegen Covid zu einer immunologisch atypischen Antikörperantwort führen können. Dabei kommt es vermehrt zur Bildung von IgG4-Antikörpern – einer Antikörperklasse, die bei Virusinfektionen normalerweise nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Diese neuen Daten werfen erneut die Frage auf, ob häufige Auffrischimpfungen tatsächlich den erhofften zusätzlichen Nutzen bringen – oder ob sie langfristig sogar kontraproduktiv sein könnten.

Wie Impfungen üblicherweise wirken

Impfungen können auf zwei grundsätzlich unterschiedliche Arten schützen. Manche Impfstoffe verhindern eine Infektion nahezu vollständig, indem sie neutralisierende Antikörper erzeugen, die das Virus frühzeitig erkennen und abfangen – ein klassisches Beispiel ist die Hepatitis-A-Impfung.

Andere Impfungen verhindern die Infektion nicht zuverlässig, schwächen aber den Krankheitsverlauf ab. Das geschieht über die Aktivierung des zellulären Immunsystems: Spezifische Abwehrzellen stehen bei einer späteren Infektion schneller und in grösserer Zahl zur Verfügung und begrenzen so die Ausbreitung des Virus.

Wie der Immunologie-Professor Andreas Radbruch in seinem Beitrag im Buch «Der Corona-Elefant» erläuterte, zeichnet sich diese zelluläre Immunantwort durch ein langlebiges Gedächtnis aus. Einmal gebildet, bleiben diese Abwehrzellen über Jahrzehnte erhalten und reagieren auch auf veränderte Virusvarianten.

Evidenzlose Booster-Empfehlungen

Biologisch spricht vieles dafür, dass eine Covid-Impfung bei gefährdeten Personen schwere Krankheitsverläufe in manchen Fällen verhindern kann. Eine grosse Meta-Analyse, erschienen in «Advances in Therapy», bestätigte diesen Effekt auch für besonders vulnerable Gruppen. Gleichzeitig ist unbestritten, dass die Covid-Impfung keinen zuverlässigen Schutz vor Infektion bietet. Die neutralisierenden Antikörper, die infolge der Impfung gebildet werden und eine Infektion verhindern könnten, nehmen bereits nach wenigen Monaten deutlich ab.

Diese Beobachtung führte in vielen Ländern zu Empfehlungen für regelmässige Auffrischimpfungen – in den USA zeitweise sogar im Abstand von vier Monaten. Diese Booster-Strategie beruhte jedoch weniger auf belastbarer Evidenz als auf der Hoffnung, den nachlassenden Antikörperschutz kompensieren zu können.

Doch diese Strategie wurde auch kritisiert, da für diesen Entscheid belastbare Daten fehlten. Bedenken brachten nicht nur externe Wissenschaftler vor. Bereits Anfang 2022 äusserte auch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) Zweifel an der Sinnhaftigkeit einer vierten Covid-Impfung. In einer von «Reuters» zitierten Stellungnahme wies die EMA darauf hin, dass für wiederholte Booster keine ausreichenden Wirksamkeitsdaten vorlägen und eine zu häufige Stimulation des Immunsystems problematisch sein könne. Diese Warnung geriet politisch rasch in Vergessenheit – immunologisch war sie gut begründet.

Stichwort Immunglobuline

Das Immunsystem will schädliche Erreger abwehren. Dies geschieht unter anderem mit Hilfe der Iummunglobuline (Ig). Es gibt verschiedene Typen davon: IgG, IgA, IgE und IgM. Allen ist gemeinsam, dass sie aus Eiweissketten bestehen, deren Enden sehr unterschiedlich sind und fremde Eiweisse oder bestimmte Zuckermoleküle (genannt Antigene) erkennen. Diese Enden machen die Immunglobuline zu spezifischen Antikörpern: Es handelt sich dabei um Moleküle, die exakt eines von über einer Million Antigene erkennen können und mit diesem eine Bindung eingehen. 

Die IgA-Antikörper werden vorwiegend auf den Kontaktflächen zur Umwelt (Haut, Schleimhäute, Darm) produziert. IgG zirkuliert vorwiegend im Köper und somit auch im Blut. Von den IgG gibt es mehrere Klassen, IgG1 bis IgG4. Die IgG1 und IgG4 sind wichtig für das Erkennen von Viren. Mit der Bindung des Antikörpers an die Virusoberfläche wird die Neutralisation eines Virus eingeleitet. Die IgG4 sind im Blut immer nur in kleiner Menge (wenige Prozent aller IgG) vorhanden. 

Nun kann es sein, dass in unserer Umgebung über lange Zeit ein Antigen vorkommt. Dies würde den Organismus in eine dauernde Abwehr bringen, was viele Abwehrsymptome zur Folge hätte – letztlich ein immenser Energieverlust. Ein Beispiel ist die Pollenallergie: Pollen sind über längere Zeit vorhanden. Meist hat das Immunsystem bereits früh gelernt, dass es Pollen nicht bekämpfen muss. Bei einigen Menschen bilden sich dennoch Antikörper gegen die Pollen. Die Folge: eine Pollenallergie, also eine Immunreaktion gegen das fremde Eiweiss. 

Mit dem IgG4-Mechanismus kann sich das Immunsystem gegen die – im Falle des Pollenkontaktes sinnlose – Abwehr schützen. Denn IgG4 werden dann gebildet, wenn ein Antigen über längere Zeit im Organismus vorhanden ist. Dann soll – so der biologische Mechanismus – gegen dieses spezielle Antigen eine reduzierte Abwehr erfolgen. IgG4 sind – wie alle Immunglobuline – sehr spezifisch für ein spezielles Antigen. Doch im Fall von IgG4 triggern sie keine Immunabwehr, sondern sie führen dazu, dass das Antigen nicht mehr bekämpft, sondern toleriert wird. Man spricht dann von «Immun-Toleranz». 

Weitere frühe Warnsignale: Wenn weniger mehr sein könnte

Mehrere Studien beobachteten nach Covid-Boostern eine erhöhte Rate grippaler Infekte (Infosperber berichtete darüber). Auch wenn diese Befunde primär Assoziationen darstellen und keine Kausalität beweisen, werfen sie wichtige Fragen auf. Als mögliche Mechanismen wurden unspezifische Effekte auf das angeborene Immunsystem diskutiert, aber auch eine zunehmende Toleranzentwicklung durch IgG4-Antikörper. Toleranzentwicklung bedeutet: Der Körper «gewöhnt» sich an das Virus, anstatt es abzuwehren. Genau an diesem Punkt setzt nun die neue Studie an.

Die im Januar 2026 in «EBioMedicine» veröffentlichte Arbeit untersuchte Blut- und Speichelproben von mehrfach geimpften Personen. Analysiert wurden zwei Gruppen: Personen mit vier mRNA-Impfungen sowie Personen mit zwei Impfungen von Astra-Zeneca und anschliessenden mRNA-Boostern. Der Astra-Zeneca-Impfstoff funktioniert nach einem anderen Prinzip als die mRNA-Impfstoffe.

Im Zentrum stand nicht die Menge der gebildeten Antikörper, sondern deren Zusammensetzung. Die Autoren zeigten, dass nach dem zweiten Booster – also nach der vierten mRNA-Impfung – der Anteil von IgG4-Antikörpern deutlich ansteigt. Diese spezielle Antikörperform spielt bei klassischen Virusinfektionen normalerweise kaum eine Rolle. Sie gilt vielmehr als Zeichen einer Toleranzentwicklung, also das Gegenteil einer Immunabwehr. 

Der Anstieg der IgG4-Antikörper betraf allerdings nur die Personen, deren Grundimmunisierung (Impfdosis 1 und 2) auch mit mRNA-Impfstoff erfolgte, und nicht die zuvor mit dem Astra-Zeneca-Impfstoff Geimpften. Dieser Effekt war sowohl im Blut als auch in der Schleimhaut nachweisbar und betraf sowohl den ursprünglichen Wuhan-Stamm als auch Omicron-Varianten und verwandte Sarbecoviren.

Funktionell ist das relevant: Je höher der IgG4-Anteil, desto schwächer fiel die Virusneutralisation aus. In Experimenten, bei denen IgG4 gezielt entfernt wurde, konnten die Viren wieder besser neutralisiert werden – ein Hinweis darauf, dass IgG4 die Immunantwort tatsächlich dämpfen kann.

Hinzu kommt ein Phänomen, das als «immune imprinting» bezeichnet wird. Das Immunsystem bleibt stark auf jene Virusvariante geprägt, mit der es zuerst konfrontiert wurde. Auch angepasste Booster reaktivieren bevorzugt diese ursprüngliche Antwort, was bei stark veränderten Varianten wie Omicron zu einer weniger passenden Immunreaktion führt.

Einordnung im Lichte früherer Arbeiten

Die Ergebnisse der neuen Studie fügen sich schlüssig in das bestehende Bild ein. Eine Forschergruppe aus Erlangen hatte schon 2022 in «Science Immunology» einen IgG4-Anstieg nach der dritten mRNA-Impfung beschrieben. Die neue Studie in «EBioMedicine» zeigt nun, dass sich dieser Effekt mit weiteren Boostern verstärkt und auch die Schleimhaut betrifft.

In der Zeitschrift «Vaccines» diskutierten Wissenschaftler die immunologischen Konsequenzen von IgG4, insbesondere die Möglichkeit, dass das Immunsystem eine Toleranz für das Spike-Protein entwickelt. Eine japanische Studie fand bei Krebspatienten einen Zusammenhang zwischen mehrfacher Covid-Impfung, erhöhtem IgG4 und ungünstigem Krankheitsverlauf. Die aktuelle Studie liefert zwar keine solchen klinischen Endpunkte, erklärt aber die biologischen Mechanismen, die solche Beobachtungen plausibel machen.

Auch die von Andreas Radbruch beschriebene Reifung des immunologischen Gedächtnisses passt zu diesen Befunden. Nach zwei oder drei Stimulationen ist dieses Gedächtnis weitgehend «gesättigt». Weitere Booster führen nicht zu einer proportional stärkeren Schutzwirkung – vielmehr können regulatorische Prozesse einsetzen, welche die Immunantwort abschwächen.

Ein historisches Beispiel für die Langlebigkeit des immunolgischen Gedächtnisses ist die Schweinegrippe 2009: Menschen, die mehr als 50 Jahre zuvor mit ähnlichen Influenzaviren Kontakt hatten, waren auch ohne Auffrischimpfungen vor schweren Verläufen geschützt. Bei Covid-19 spricht vieles dafür, dass eine begrenzte Zahl von Impfungen einen ähnlichen Langzeiteffekt hat.

Fazit: Zeit für eine nüchterne Neubewertung

Die aktuelle Studie bestätigt damit, was sich immunologisch seit Längerem abzeichnet. Eine ein- oder zweimalige Covid-Impfung kann insbesondere bei älteren und gefährdeten Personen sinnvoll sein, um schwere Verläufe zu verhindern. Für häufige, wiederholte Booster fehlt hingegen der Nachweis eines nachhaltigen Zusatznutzens.

Gleichzeitig mehren sich Hinweise auf potenzielle Nachteile wiederholter Booster-Impfungen: Das verstärkte Auftreten von IgG4, der sogenannte IgG4-Switch, ist messbar, funktionell relevant und biologisch plausibel. Das ist kein Argument gegen Impfungen an sich, sondern ein Plädoyer für Zurückhaltung und Evidenz. Manchmal ist weniger tatsächlich mehr – auch in der Immunologie.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Die Literaturrecherche und das Kürzen des Textentwurfs erfolgte auch mit Hilfe von KI (Scite.ai, ChatGPT).
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