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Noch sind die Schulzimmer leer. © cc.flickr.steve.loya

In Deutschland kommen zuerst die Älteren wieder zur Schule

Red. /  Abstandsregeln sind in Primarschulen schwieriger durchzusetzen als in Mittelschulen. Eine Primarlehrerin vermutet Schwachstellen.

Ab 11. Mai gelten gehen in der Schweiz die obligatorischen Schulen wieder auf. Ohne zusätzliche Schulsozialarbeitende und eine Reduktion der Pflichtpensen der Lehrkräfte wird es unmöglich. Das sagt Marion Heidelberger. Die Primarlehrerin war jahrelang Vizepräsidentin des Dachverbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer.

Infosperber: Marion Heidelberger, am 11. Mai gehen die obligatorischen Schulen wieder auf. Welche Herausforderungen stehen bevor?

Marion Heidelberger: Die Ankündigung der Öffnung der obligatorischen Schulen am 11. Mai löst gemischte Gefühle aus, ich spüre bei allen meiner Kolleginnen und Kollegen, aber auch bei mir selber eine grosse Verunsicherung. Vermutlich sind auch Eltern verunsichert.

 

Weshalb?
Es gab in letzter Zeit viele widersprüchliche Informationen: Sind Kinder nun Vektoren oder nicht? Stecken sie sich an, sind sie ansteckend? Was ist mit Eltern, die zu einer Risikogruppe gehören, wenn die Kinder wieder in die Schule gehen, was mit Lehrpersonen? Warum dürfen sie ihre Grosseltern weiterhin nicht besuchen, aber wieder in die Schule? Viele Lehrpersonen gehören zur Generation 55 plus, sind also genau im Alter der Grosseltern. Es gibt aber auch andere gefährdete Lehrpersonen, um die ich mich sorge. Eine jüngere Kollegin ist zum Beispiel schwanger. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass Eltern ihre Kinder zuhause lassen, wenn sie krank sind. Jeden Winter werden Kinder mit Fieber in die Schule geschickt, weil Eltern kurzfristig niemand für die Betreuung haben.

Kann man in den Schulen die Vorschriften des BAG, die ja weiterhin gelten, umsetzen?
Die Regel des Händewaschens wurde zusammen mit dem Verbot des Händeschüttelns in allen Schulen sofort eingeführt und geübt. Aber beim Social Distancing sehe ich Probleme, gerade bei Kindergarten- oder Unterstufenkindern. Deutschland geht ja den umgekehrten Weg: Dort kommen zuerst die Grösseren wieder in die Schule, mit genau der Begründung, dass es den Kleinen noch viel schwerer fällt, die Abstandsregeln nicht zu vergessen und einzuhalten. So sehr ich mir wünsche, dass die Schulen wieder aufgehen: Ich werde das ungute Gefühl nicht los, dass der Entscheid nicht zu Ende gedacht ist.

Marcel Tanner: «Kinder unter 10 Jahren können das Virus kaum weitergeben»

upg. Es gebe klare Hinweise, dass Kinder unter zehn Jahren zwar an Covid-19 erkranken können, selber aber das Virus kaum weitergeben – weder an andere Kinder noch an Erwachsene. Das erklärt Marcel Tanner, langjähriger Professor für Epidemiologie und Mitglied des vom Bundesrat eingesetzten «Swiss National Covid-19 Science Task Force» in einem Interview in der NZZ von heute Freitag. Er habe die verfügbare Literatur darüber selber ausgewertet.

Wie soll das Social Distancing konkret eingehalten werden?
Das ist nicht machbar. Das lässt sich in der Schule nicht umsetzen – bei den Kleinen wie schon gesagt noch viel weniger. Wir haben keine entsprechende Infrastruktur, wir haben zum Beispiel keine Einzelbänke, die man auseinanderrücken könnte. Wir haben mit über 20 Kindern pro Primarklasse sowieso schon eher beengte Platzverhältnisse.

Und auf dem Pausenplatz?
Ich habe keine Idee, wie man das machen könnte. Aus genau diesem Grund hat man ja im März die Schulen auch geschlossen: Weil Social Distancing auf dem Schulhausareal ein Ding der Unmöglichkeit ist. Dieser Widerspruch macht mich im Moment ratlos.

Was würde es brauchen, damit es auch nur ansatzweise funktionieren könnte?
Vorsichtig ausgedrückt: kreative Ideen. Im Klartext: Ressourcen.

Das BAG hat am 16. April verlauten lassen, es sollten für die Schule landesweit einheitliche Rahmenbedingungen gelten. Diese sollten am 29. April kommuniziert werden. Was meinen sie dazu?
Das ist sehr ärgerlich, da viel zu spät. Es sieht aus, als müssten die Kantone die konkrete Umsetzung planen und beschliessen. Und dazu braucht es verbindliche Rahmenbedingungen. Jetzt. Nicht in zwei Wochen.

Der Bund hat die Schulen per Notrecht geschlossen. Die Arbeit, die Wiederöffnung zu organisieren, schiebt er jetzt den Kantonen zu.
Ich empfinde das als Affront. Es widerspricht der Aussage der einheitlichen Umsetzung. Es kann nicht sein, dass jede Schulgemeinde der Schweiz in der kurzen Zeit, die uns bis zum 11. Mai noch bleibt, selber ein Konzept entwerfen muss. Wie soll das gehen? Die Lehrpersonen haben für die extrem kurzfristige Umstellung auf Fernunterricht Unmögliches möglich gemacht, Nächte durchgearbeitet, meist unbezahlte Überstunden angehäuft. Viele sind erschöpft. Und jetzt sollen wir so tun, als könnten wir uns umdrehen und nahtlos und ohne Entlastung noch ein Konzept für Präsenzunterricht mit Abstandsregeln aus dem Ärmel schütteln.

Der Übergang in den Fernunterricht war auch nicht überall nahtlos.
Es gab so viele Konzepte wie Schulen. An manchen Orten wurden beispielsweise Kisten aufgestellt, aus denen die Eltern die Schulsachen für die Kinder abholen mussten. Andere haben alles per Mail versendet oder Online-Plattformen benutzt. Ich werfe der Politik vor, dass sie bei den Schulschliessungen keine Rahmenbedingungen definiert hat. Aber ich weiss, wie schnell es gehen musste. Kaum jemand hatte wohl alle Auswirkungen auf die Familien und Kinder im Blick. Wenn der Bund jetzt aber bei der Wiedereröffnung noch einmal das Gleiche macht, ist es für mich nicht mehr entschuldbar. Jetzt hätte man Zeit gehabt.

In welcher Verfassung werden Sie die Schülerinnen und Schüler antreffen?
Zum einen muss man Kinder unterstützen, die keine gute Zeit hinter sich haben, aus welchen Gründen auch immer. Es wird sehr viel Zeit und Engagement brauchen, um herauszufinden, was diese Kinder erlebt haben, wo sie stehen. Zum anderen wird man sich, vor allem an der Oberstufe, aber auch um Jugendliche kümmern müssen, die gut mit der Eigenständigkeit zurechtgekommen sind und jetzt Mühe haben, sich wieder in die Zwangsgemeinschaft der Klasse zu integrieren. Erst dann kann man sich ans Aufarbeiten machen, und damit meine ich nicht nur verpassten Schulstoff.

Der allerdings wird auch ein Problem sein.
Und wie. Alle, die eine Ahnung von Schule haben, wissen, dass durch eine Zeit des Fernunterrichts die Schere zwischen Kindern aus bildungsnahen und solchen aus bildungsfernen Familien noch weiter aufgeht. Durch die Integration [von Kindern mit kognitiven und sozialen Beeinträchtigungen sowie von fremdsprachigen Kindern] war die Heterogenität in den Klassen vor Corona schon riesig. Jetzt ist sie unendlich. Ich weiss nicht, ob die Zeit bis zu den Sommerferien genügen wird, um auch nur einigermassen zur schulischen Normalität zurückzukehren.

Was müsste passieren, damit dieser aufwendige Prozess wenigstens ein wenig optimiert werden könnte?
Wir brauchen zusätzliche personelle Ressourcen bis mindestens zu den Sommerferien, zum Beispiel in der Gestalt von PH-Studierenden, die Lehrpersonen entlasten, damit sie zusammen mit den Fachleuten der Schulsozialarbeit die unbedingt nötigen Standortbestimmungen der Kinder machen können. Das ist mit einem normalen Pflichtpensum nicht leistbar. Also muss man das Pflichtpensum der Lehrpersonen reduzieren und die Schulsozialarbeit aufstocken. Oder man reduziert das Pflichtpensum der Lehrpersonen bis zu den Sommerferien, damit sie selber Zeit dafür haben. Was wir auf jeden Fall brauchen werden, ist eine Aufstockung der Schulsozialarbeit

Wie sieht es mit der Notengebung aus?
Ich finde, man sollte den Kindern Druck wegnehmen. Dazu müsste man alle Übergänge regeln – an weiterführende Schulen, in die Lehre. Ich denke auch, dass man dieses Semester gar nicht benoten sollte. Es kann in dieser Situation vor den Sommerferien kein Zeugnis mit normalen Noten geben. Zumindest in Zürich ist das zum Glück beschlossen worden. Ich hoffe sehr, dass die anderen Kantone mitziehen.

War das Eröffnen der Schulen nicht planbar?
Man weiss doch schon länger, dass die Schulen früher oder später wieder aufgehen werden. Da haben wichtige Player auf dem Gebiet der Bildung versagt. Jetzt legen engagierte Schulleitende auf eigene Faust los, um Zeit zu gewinnen – und vielleicht stellt sich dann am 29. April heraus, dass alles für die Katz war. Was ist mit Lehrpersonen, die zu einer Risikogruppe gehören, die älter sind, schwanger, die Angst haben? Wie kann man sie schützen, was braucht es da? Hierzu geeignete Strategien zu entwickeln, gehört zu den Kernaufgaben der Interessenverbände. Ich gehe davon aus, dass die ihre Hausaufgaben gemacht haben. Noch einmal: Es kann nicht sein, dass jede Schule im Alleingang dasselbe Rad neu erfinden muss. Oder dass im einen Kanton Notenzeugnisse ausgestellt werden und im anderen nicht. Der gleiche Hyperaktivismus, der bei den Schulschliessungen ausgebrochen ist, bricht nun wieder aus. Bloss, dass er dieses Mal vermeidbar gewesen wäre.
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Interview: Susanne Loacker

Weiterführende Informationen


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Eine Meinung zu

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    am 25.04.2020 um 11:34 Uhr
    Permalink

    Es ist klar, dass die Kinder untereinander die Distanzregeln nicht einhalten werden. Das muss man einfach hinnehmen. Die Kinder spielen, wenn auch in reduziertem Umfang, zum Glück schon heute miteinander. Auch da werden die Distanzregeln nicht eingehalten.

    Mich beunruhigt, dass der Bundesrat langsam und ohne es je offen zu deklarieren von der Strategie der Abflachung der Infektionskurve umschwenkt auf eine Strategie der Ausrottung des Virus. Diese ist zum Scheitern verurteilt. Die weitere Verbreitung des Virus kann nicht völlig gestoppt werden, ganz gleich, wie sehr wir es versuchen.

    Ich hoffe, dass die Schulen nun öffnen können, auch wenn klar wird, dass das mit einigen zusätzlichen Infektionen verbunden sein wird.
    Lehrpersonen, die zur Risikogruppe gehören, sollten grosszügig dispensiert werden. Das sollten die Schulen verkraften können, wenn wir sie nicht gleichzeitig mit unrealistischen Betriebsvorgaben lähmen.

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