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Mehr als Klatschzentrale: in Illinois sollen Coiffeure Hilfe für Opfer häuslicher Gewalt anbieten. © CC

Häusliche Gewalt: Coiffeure sollen Hilfe anbieten

Daniela Gschweng /  Opfern häuslicher Gewalt fehlt oft ein vertrauenswürdiger Ansprechpartner. Illinois schult nun seine Coiffeure.

Insgesamt 88‘000 Coiffeure und andere Beschäftigte in der Schönheitsbranche im US-Bundesstaat Illinois müssen ab Januar 2017 alle zwei Jahre ein einstündiges Training absolvieren, um Anzeichen häuslicher Gewalt erkennen zu können, berichtet unter anderen «Slate».

In Zukunft sollen Coiffeure und Beauty-Spezialisten nicht nur ein offenes Ohr anbieten, sondern auch auf Hilfsangebote verweisen können. Das soll Opfern ermöglichen, Hilfe von einer aussenstehenden Vertrauensperson zu bekommen. Eine Meldepflicht gibt es jedoch nicht.

Der Coiffeur oder die Coiffeuse ist oft die einzige vertrauenswürdige Ansprechperson

Illinois geht damit ein drängendes Problem an. Laut der Strafrechtsinformationsbehörde des Staates wurden im Jahr 2015 103‘546 Fälle von häuslicher Gewalt angezeigt. Im Jahr davor waren es noch 99‘795, schreibt die «Chicago Tribune». Zwischen Juni 2015 und Juni 2016 starben laut der Non-Profit-Organsiation «Illinois Coalition Against Domestic Violence» in Illinois 49 Menschen, davon drei Kinder, an den Folgen häuslicher Gewalt.

Vielleicht hätte ihnen geholfen werden können, wenn rechtzeitig jemand gefragt hätte. Häusliche Gewalt wird oft totgeschwiegen, nur ein Bruchteil aller Vorfälle kommt zur Anzeige. Eine der Ursachen: Wer davon weiss, ist oft selbst in die Täter-Opfer-Beziehung verstrickt.

Beim Coiffeur, im Nagelstudio oder bei der Kosmetikerin können die Anzeichen nicht nur erkannt, sondern auch von einer aussenstehenden Person angesprochen werden. Die Organisation «Chicago Says No More», die das Gesetz in Illinois vorgeschlagen hat, erwägt, die Massnahme auf andere Serviceangestellte wie Bartender auszuweiten.

Auch in anderen Ländern wird das Modell erprobt

Illinois ist der erste US-Bundesstaat, der ein einschlägiges Gesetz einführt, aber auch anderswo wird das Modell erprobt. Einen ähnlichen Weg eingeschlagen hat im Jahr 2016 die «Women’s Aid Federation of England» mit dem Pilotprojekt «Ask Me» (Frag mich), berichtete das Portal «FrauenSicht» im Juli 2016: In zweitägigen Kursen sollen zum Beispiel Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Schulen und Ämtern, Friseurinnen und Einzelhändler lernen, Frauen in missbräuchlichen Beziehungen zu erkennen und zu unterstützen. Falls das Projekt erfolgreich ist, soll es landesweit umgesetzt werden.

In der Schweiz wurden im Jahr 2015 laut Bundesamt für Statistik 105 Fälle schwerster Gewalt im häuslichen Bereich polizeilich registriert, die Opfer waren zu zwei Drittel Frauen. Insgesamt kam es zu 17‘297 Straftaten, die in der polizeilichen Kriminalstatistik dem Bereich häusliche Gewalt zugerechnet werden. Im gleichen Jahr intervenierte die Polizei über 14‘000 Mal im häuslichen Bereich (das ist etwa 40 Mal pro Tag) und registrierte dabei 9‘195 beschuldigte Personen (Zahlen des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung, EBG).


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