mRNA-Grippe-Impfung: Wie man einen Flop verkauft
Die Neuigkeit liess aufhorchen. «Vielversprechende Resultate» – kündigte «nau.ch» an, und: «mRNA-Impfstoffe gegen Influenza könnten bald zugelassen werden. Erste Studiendaten zeigen bessere Schutzwirkung als herkömmliche Impfungen.» Die News von Nau flimmern im ÖV, am Postschalter und in Fitnesscentern über die Bildschirme.
«Die Zeit» titelte: «Neue mRNA-Grippeimpfung ist bisherigen Impfstoffen überlegen. Aktuelle Grippeimpfstoffe haben Schwächen. Sie könnten bald abgelöst werden, zeigt eine neue Studie.»
Und die «Apotheken-Umschau»: «Neue mRNA-Impfung soll deutlich besser vor Grippe schützen», schrieb sie, berief sich auf das «Science-Media-Center» und verkündete, «der mRNA-Impfstoff sei um 34,5 Prozent wirksamer bei der Verhinderung von Influenza-Erkrankungen gewesen».
Die genauere Betrachtung zeigt, dass die Medien auf diese Studie hereingefallen sind.
Ergebnisse zu den Senioren fehlen in der Fachzeitschrift
Die Studie wurde im «New England Journal of Medicine» veröffentlicht – allerdings fehlte ein ganz wesentlicher Teil.
Am meisten interessiert bei einer neuen Grippeimpfung, wie gut sie die Risikogruppen vor der Grippe schützt, beispielsweise die Senioren und Seniorinnen. Doch darüber informierte Pfizer nicht in der Fachzeitschrift – obwohl die Firma den mRNA-Grippe-Impfstoff an über 13’000 Seniorinnen und Senioren getestet hat. Sie wurden vor der Grippesaison 2022/2023 damit geimpft.
Wer wissen will, wie die mRNA-Grippe-Impfung bei den über 65-Jährigen abschnitt, muss die Website «clinicaltrials.org» durchscrollen. Dort wurden die Resultate im Frühling 2025 publiziert.
Bei Senioren keine bessere Wirkung, aber öfter Nebenwirkungen
Daraus geht hervor: Der Impfstoff war bei den Seniorinnen und Senioren keineswegs «deutlich besser» als die herkömmliche Grippe-Impfung. Von den rund 13’000 über 65-Jährigen, die mit dem neuen mRNA-Impfstoff geimpft wurden, bekamen im Verlauf von etwa einem Jahr 0,59 Prozent eine Grippe. Von rund 13’000 älteren Menschen, die zum Vergleich mit einem herkömmlichen Grippe-Impfstoff geimpft wurden, waren es 0,56 Prozent.
Die mRNA-Grippe-Impfung schützte die Älteren folglich nicht besser als der Impfstoff, der bereits auf dem Markt ist. Aber sie verursachte deutlich öfter Beschwerden. Zum Beispiel berichteten 59 Prozent der mRNA-Geimpften von Symptomen wie Erbrechen, Durchfall, Schüttelfrost, Kopf-, Muskel-, oder Gelenkschmerzen. Bei den mit dem herkömmlichen Impfstoff Geimpften waren es 35 Prozent.
Plötzlich Fokus nur noch auf die Jüngeren
Im «New England Journal of Medicine» erwähnte Pfizer nichts davon. Dort beschränkte sich die Firma darauf, ausschliesslich die etwas vorteilhafteren Studienergebnisse bei den 18- bis 64-Jährigen mitzuteilen. Insgesamt wurden rund 9000 Personen mit dem experimentellen mRNA-Impfstoff geimpft, weitere 9000 mit einem herkömmlichen Grippe-Impfstoff.
In der mRNA-Impfgruppe bekamen 57 Personen eine Grippe, das sind 0,62 Prozent. In der Vergleichsgruppe erkrankten 30 Personen mehr, also 87. Das entspricht 0,95 Prozent.
Macht bloss 0,33 Prozent absoluten Unterschied. In der Grippesaison 2022/2023 hätte von über 300 geimpften Personen folglich eine davon profitiert, wenn sie anstelle der herkömmlichen Impfung den mRNA-Impfstoff erhalten hätte.
«34,5 Prozent» bessere Wirksamkeit als der herkömmliche Impfstoff – die relative Angabe – wirkt da schon eindrucksvoller. Auch grafisch sieht das im «New England Journal of Medicine» beeindruckend aus:

Keine Angaben, wie viele schwere Fälle verhindert wurden
Diese relative Wirksamkeit war am Ende der Grippesaison auf knapp 29 Prozent geschrumpft. Bezieht man zudem die statistischen Unsicherheiten bei den Berechnungen mit ein, ist nicht einmal sicher, ob der mRNA-Impfstoff über die ganze Saison hinweg überhaupt wirksamer war als die herkömmliche Grippeimpfung.
Ein Manko der Studie sei, dass ihre Ergebnisse nicht auf andere Bevölkerungsgruppen wie etwa Senioren übertragbar seien, schreiben die Studienautoren im «New England Journal of Medicine» – ohne dort einen Hinweis zu geben, dass die – für Pfizer unvorteilhaften – Studienresultate zu den Senioren schon Monate zuvor auf der oben genannten Website gepostet wurden.
Weitere wichtige Fragen sind: Wie viele schwere Erkrankungsfälle und wie viele Fehltage am Arbeitsplatz verhinderte die neuartige Impfung? Pfizer macht dazu keine Angaben. Erwähnt wird bloss, dass «ein Viertel der Studienteilnehmer ein hohes Risiko für einen schweren Grippeverlauf hatte».
Die Studienautoren betonen hingegen, dass die Immunantwort bei den mRNA-Geimpften in verschiedenen Punkten stärker ausgefallen sei als nach der herkömmlichen Grippe-Impfung. Bloss: Die Antikörperwerte widerspiegeln bei der Grippeimpfung nicht unbedingt, ob man wirklich gefeit ist vor einer schweren Grippe.
Nebenwirkungen sind häufig und Grippe-ähnlich
Nun zu den Nebenwirkungen. Aus Sicht der Geimpften sind alle Beschwerden, die infolge einer Impfung auftreten, unerwünscht.
Die Studienautoren hingegen unterscheiden zwischen der von ihnen nicht näher definierten «Reaktogenität» in der ersten Woche nach der Impfung (als Ausdruck der erwünschten Immunreaktion) und unerwünschten Wirkungen, die auch noch später auftreten können.
Rund 6 Prozent der mRNA-Geimpften bekamen Fieber, etwa 24 Prozent litten an Schüttelfrost und 30 Prozent hatten Muskelschmerzen. In der Vergleichsgruppe waren es jeweils etwa zwei Drittel weniger. Die Studienautoren verbuchten diese Symptome unter «Reaktogenität».
Die mRNA-Geimpften hatten also deutlich öfter Beschwerden ähnlich wie bei einer Grippe, verglichen mit den herkömmlich Geimpften. Im «New England Journal of Medicine» halten die Autoren aber fest: «Die Profile unerwünschter Ereignisse waren in beiden Gruppen ähnlich.»
Diese Grippe-ähnlichen Symptome nach der Impfung hielten meist ein bis zwei Tage an und seien «im Allgemeinen mild bis mittelschwer» gewesen. Mit dem experimentellen neuen mRNA-Impfstoff wurden folglich – verglichen mit der herkömmlichen Grippe-Impfung – unter rund 9000 Geimpften 30 Grippefälle verhindert, aber bei etwa 360 Geimpften Fieber ausgelöst, darunter 24 Personen mit hohem Fieber.
Unerwünschte Wirkungen, welche die Untersucher dem Impfstoff zuschrieben, habe es bei 3,3 Prozent der mRNA-Geimpften und bei 1,4 Prozent der Vergleichsgruppe gegeben. Unter dem Strich ergibt dies also 0,33 Prozent weniger Grippe-Fälle bei den mRNA-Geimpften, aber 1,6 Prozent mehr unerwünschte Wirkungen. Die «Neue Vorarlberger Tageszeitung» zitierte den Impfstoffexperten Florian Krammer von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai: «Die Nebenwirkungen sind zwar höher, aber die kann man – vor allem in Risikogruppen – für einen besseren Schutz in Kauf nehmen.»
Erstaunliche Krankheitsdefinition
Pfizer hat die Studie entworfen. Ein Punkt ist, wie eine Grippe-Erkrankung dort definiert wurde. Darauf weisen die Professoren Carl Heneghan und Tom Jefferson in ihrem Blog «Trust The Evidence» hin.
Um als Grippe-krank zu gelten, brauchte es in der Pfizer-Studie einen Grippevirus-Nachweis plus zwei Symptome, zum Beispiel eine Körpertemperatur über 37,2 Grad Celsius und Halsschmerzen. Laien würden in einem solchen Fall wohl kaum von Influenza sprechen.
Würde man die etwas strengere Krankheitsdefinition der WHO anlegen – sie verlangt mindestens 38 Grad Körpertemperatur plus Husten – dann hätte der experimentelle mRNA-Impfstoff bloss noch eine relative Wirksamkeit von 22 Prozent gegenüber dem herkömmlichen Grippe-Impfstoff. Diese Informationen liefert Pfizer im Anhang zur Studie. Und würde man überdies die statistische Unsicherheit mit einbeziehen, könnte es sogar sein, dass der mRNA-Impfstoff in puncto Wirksamkeit sogar schlechter abschneidet als die herkömmliche Grippe-Impfung. Denn die Firma hielt sich bei ihren statistischen Berechnungen nicht an die üblichen statistischen Standards. Das führt dazu, dass es mehr – bloss vermeintlich – signifikante Ergebnisse gibt.
Pfizer interessiert sich auch für das Erbgut der Studienteilnehmer
Von den 19 Studienautorinnen und -autoren im «New England Journal of Medicine» haben nur 5 keine Interessenkonflikte angegeben. 10 arbeiten für Pfizer, die anderen 4 erhielten Forschungsgelder von Pfizer oder haben Verträge mit dieser Firma.
Pfizer hatte zudem die Datenhoheit: Der Pharmahersteller sammelte die Daten, analysierte und interpretierte sie – übrigens nicht nur bezüglich der Grippeimpfung. Aus dem Studienprotokoll geht hervor, dass sich die Firma in Ländern ohne gesetzliche Hürden das Recht ausbedingt, bei allen Versuchspersonen (insgesamt rund 45’000) das Erbgut zu analysieren und die Resultate 15 Jahre lang aufzubewahren.
«Die Zeit» hob hervor, dass die mRNA-Impfstoffe bei einer Vogelgrippe- Pandemie von Vorteil wären. Die Produktion wäre schnell anzukurbeln und bei sehr vielen Erkrankten könnten auch kleine Vorteile zum Tragen kommen – so sie denn bestehen. Am Schluss ihres Artikels über die mRNA-Grippeimpfung, die bisherigen Impfstoffen «überlegen» sei, zitierte «Die Zeit» zwei Kommentatoren im «New England Journal of Medicine»: «Es bleibt noch viel zu tun, bevor mRNA-Impfstoffe im jährlichen Kampf gegen die Influenza eingesetzt werden können.»
Suggestiveffekte vermeiden
Aus wissenschaftlicher Sicht am aussagekräftigsten sind Studien, bei denen erstens die Personen per Los einer Behandlungsgruppe zugeteilt werden und bei denen zweitens weder die Versuchspersonen noch die an der Studie beteiligten Ärzte wissen, wer den Experimentalimpfstoff bekommt und wer das Produkt der Konkurrenz. Letzteres soll Suggestiveffekte verhindern. Diese können erheblich sein. Bekannt ist zum Beispiel, dass Erkältungen im Durchschnitt einen Tag früher abklingen, wenn die Patienten den Arzt als sehr mitfühlend erleben.
Vor einigen Jahren führten US-Wissenschaftler ein Experiment durch, das zeigt, wie subtil Suggestiveffekte wirken. Sie filmten die Mimik von Personen, die anderen ein Placebo verabreichten oder aber ein Mittel, von denen sie glaubten, dass es sehr wirksam sei. Es war aber in Wahrheit auch ein Placebo.
Die Versuchspersonen wussten zwar nicht, welches von beiden sie bekamen – aber sie spürten einen Unterschied. Das vermeintlich wirksame Mittel wirkte bei ihnen tatsächlich, obwohl es auch ein Placebo war. Das lief alles unbewusst ab. «Der Glaube an die Wirksamkeit einer Behandlung kann bei kurzen sozialen Begegnungen stillschweigend auf den Patienten übertragen werden», schlussfolgerten die Wissenschaftler in «Nature Human Behaviour».
In der erwähnten Pfizer-Studie wussten die Personen, welche die Impfungen verabreichten, ob sie mRNA oder herkömmliche Impfung spritzten. Beide Impfstoffe unterschieden sich optisch.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










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